FOCUS INEXPECTATUS in Dala-Floda

by thefuckle

 

This is not a review. Meine Texte sind wie die Musik, sie haben keinen (wirklichen) Anfang und kein (wirkliches) Ende. Sie haben auch nicht nur ein Thema oder ein Hauptthema, denn alle Themen sind mit allen Themen verbunden. Eine Idee besteht aus allen Ideen. Ein Gedanke besteht aus allen Gedanken. Es gibt immer nur einen Anlass zu schreiben. In diesem Fall ist es das Hagenfesten in Dala-Floda, zu dem ich eingeladen wurde, meiner Musik Ausdruck zu verleihen.

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Dienstag, 2. August 2016, Arlanda Central Station, 9.28 Uhr

Que faire? (Was tun?) Ich warte in der Kälte auf den Zug, mit dem ich um 10.06 Uhr nach Borlänge fahre, wo ich dann in den Bus nach Dala-Floda umsteigen werde. Es findet ein Festival statt, dessen Programm geheim ist.

FOCUS INEXPECTATUS

‘Der Focus auf das Unerwartete ist zuerst ein Focus auf sich selbst und die Frage nach dem eigenen Willen,’ notierte ich mir als Vorbereitung auf die Reise. Denn man muss auch dazu bereit sein, das Unerwartete anzunehmen, d. h. frei, oder freier, von Ängsten zu sein und offen dafür, das Unerwartete auszuhalten bzw. es überhaupt zu suchen. Man braucht auch Vertrauen, dass das Unerwartete ‘gut’ wird bzw. dann die Geduld, das ‘schlechte’ Unerwartete durchzustehen. Ob es auf dem Festival wirklich Unerwartetes geben wird für mich, werde ich dann sehen.

Vor mir stellte sich gerade ein Polizist auf, der die Ein- und Aussteigenden mit seinen Blicken kontrollierte. Pistole, Schlagstock, etwas Kreuzweh, seinen Bewegungen nach.

Letzten Freitag verbrachte ich den heißen Nachmittag im Augarten (Wien) und las Eric Wolfs ‘Europe And The People Without History’Als meine Konzentration nachließ, blickte ich mehr den vorbeigehenden Frauen nach als zu versuchen, sie wiederzufinden, meine Konzentration. Es passiert mir immer wieder, den Focus zu verlieren. Aber ich kam mir bald blöd vor, meinen Kopf so viel hin und her zu drehen, also beschloss ich, mich wieder nur auf mich zu konzentrieren, mich auf meine Konzentration zu konzentrieren – à la recherche de la concentration perdue – auf der Suche nach der verlorenen Konzentration – und sie kam wieder und ich las (und verstand). So laufen einem dann auch die richtigen Menschen hinein : die Frucht der Konzentration.

Aus dem Focus auf mich selbst passierte das Unerwartete and it set the mood, my mood for the festen and the journey. Saudade! 

Heute morgen um sechs musste ich mich am Flughafen Wien von Andrew Choate trennen, mit dem ich die paar Tage déscente nach den Nickelsdorfer Konfrontationen (http://www.konfrontationen.at/ko16/) verbracht hatte. Wir lösten uns beim Kunstrasen, wo Andrew stehen blieb, jamming a square, und ich weitermusste, meinen Flug erwischen.

Ich las : ‘Lust wie Leben lassen sich nicht aufschieben. Sonnenuntergänge, reife Erdbeeren, Vogelgesang und Abschiedsküsse wollen jetzt genossen sein. Spontaneität ist das Gebot für allen Genuss; und was ist Spontaneität im Wesen anderes, als die Fähigkeit, sich überraschen zu lassen, staunen zu können?’
Severin Heilmann, Probe entfällt wegen Auftritt. Streifzüge 55

Die Reise

Sie haben mich abgeholt von der Dala-Floda Station und jetzt bin ich hier im nördlichsten Südschweden, zwei Tage vor Festivalbeginn und sitze allein am Tisch, höre junge Franzosen und Französinnen (bénévoles) englisch sprechen – about movies. Mir kommt alles ein bisschen kleiner vor als beim letzten Mal. Ich bin wohl gewachsen. Ah, Essen ist fertig.

Nach dem Essen : Während dem Essen hab’ ich einige der Freiwilligen kennengelernt. Viele sind nicht wegen der Musik gekommen, sondern wegen der community und weil sie Freunde und vor allem Freundinnen der volunteers sind, die regelmäßig beim Hagenfesten dabei sind. Britinnen, Französinnen, und ein paar andere aus Deutschland, der Schweiz oder aus Schweden. Jetzt liegen sie verstreut in der Sonne.

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In einer halben Stunde beginne der shift-workshop, sagte Jens Linnel, der sich um die Freiwilligen kümmert, damit sie lernen, was sie alles zu tun haben während des Festivals. Die Franzosen und Französinnen sprechen nun französisch über cinéma. Als ich während des Essens über mich (dass ich über das Festival schreiben werde und Bücher herausgebe) und Nickelsdorf erzählte, fiel mir auf, dass ich sagte in our festival the focus lies on improvisation – es habe mittlerweile sogar den Untertitel ‘Ein improvisiertes Festival’ bekommen – und dass dies eine Analogie zum focus on the unexpected sei, nur graduell verschieden. Denn Improvisation ist eine Methode, die das Unerwartete provozieren will und eine Methode à faire la musique politiquement (politisch Musik zu machen). Hier sind wir wieder beim cinéma denn der letzte Gedanke hat mit Jean-Luc Godard zu tun. Karin, meine theoral Komplizin, hat mir ein Heft geschenkt, das ich mir mitgenommen habe, um es zu lesen. Es heißt Que faire und beinhaltet Gedanken über das Machen von Filmen, die Jean-Luc Godard in 40 Punkten zu einem kleinen Manifest zusammengefasst hat. Aber dazu später.

Es ist noch alles hier auf der Hagen : der Fluss (als ich ankam, dachte ich mir, ‘Da unten fließt die Musik’), die Wolken, das Haus, die Wintergartenküche, die floating Sauna, die Scheunen, die Pavillonzelte (wieder), der Wind, die Gelassenheit, sowie all die kleinen Hocker, Sessel, die unterschiedlichsten Bänke und Sofas, die Schaukelsitzgruppe, Fauteuils, Kerzenständer, Tassen und Tässchen, verziert mit Blumen (Blümchen) oder Herzen, Weingläser in allen Formen, Tischdeckchen, Aschenbecher, Schüsseln, Lampen und Lämpchen, Sternchen, Lampions, Girlanden, Blumentöpfe, Bänder, Vorhänge, Deckchen – alles vom Loppis (Altwarenhändler in Dala-Floda), denke ich mir. Die Wiese ist frisch gemäht worden und an den Stellen, wo das hohe Gras mit seinen Wiesenblumen nicht stört, hatte man es stehengelassen. Der Abhang zum Fluss, der Steg zum Ins-Wasser-springen, die Holzboje zum Anhalten, die Nils Holgersson Gänse, die Glocke, Lena und Jon, die Eltern von Joel Grip, der mich eingeladen hat,

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das Feld nebenan, die Himbeeren, der Zeltplatz und immer wieder die Gelassenheit. Vor allem, wenn man auf das Wasser blickt, kann man den Eindruck bekommen, auf einer Insel zu sein. Aber die Stimmung, die sich in Europa ausbreitet, ist auch in uns, wir haben sie auf diese Insel mitgenommen, wir nehmen unsere Gedanken überall mit hin – nur der Reisende kann aus der Ferne reflektieren. Wir versuchen, die Beunruhigung mit Musik zu lindern, ich versuche, die Beunruhigung mit Musik zu lindern.

Vor zwei Wochen fand wir unser Festival statt, die Konfrontationen. Andrew the square-jammer Choate und ich waren ohne viel herumzureden einer Meinung – im heurigen Festival war so etwas wie eine Verunsicherung zu spüren gewesen, eine politische Unsicherheit, eine Ungewissheit. Viele Konzerte waren gut, einige sehr gut, eines war OUTSTANDING – sie spielten mit den Steinen und den Blumen, dem Wind und der Hitze (Nin Lê Quan, percussion; Michel Doneda, reeds; Foto: Peter Ganushkin).

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Andere Konzerte waren uninteressant. Eine normale Mischung. Die Unsicherheit – vielleicht fühlten nur wir sie – hatte ihren Ausgangspunkt an der Schwelle der Jazzgalerie, an der Schnittstelle zwischen dem Fest und der eigentlichen Ortschaft (Nickelsdorf) in der bei der letzten Bundespräsidentenwahl im Frühjahr zwei Drittel für den rechtsextremen Kandidaten gestimmt haben. Ich habe das Gefühl, die Ignoranz kippt langsam in aktive Ablehnung. Vor einigen Jahren, so ums schwarzblaue 2000 etwa, wurden einige Festivalbesucher am Campingplatz von betrunkenen Dorfjugendlichen attackiert. Ich hoffe, das wiederholt sich nicht, aber das Potenzial ist fühlbar. Dieses Jahr kam es zur Räumung eines Teils der Soundartausstellung, da der Besitzer ‘keine Flüchtlinge in seinem Haus haben wolle’ (in dem die Ausstellung stattfand). Text zur Ausstellung :

Christine Schörkhuber: “We arrived on the dark side of Europe”
“Wir sind in der dunklen Seite Europas angekommen”
Tausende Menschen waren im letzten halben Jahr an der griechisch-mazedonischen Grenze gestrandet. Um sich aus ihrer Sprachlosigkeit zu befreien und ihren Forderungen Ausdruck zu verleihen, blieb ihnen nur die Möglichkeit, ihre Zelte zu beschriften, in der Hoffnung, dass diese Zeilen irgendwo weitergetragen und gelesen werden. Und sie werden weitergetragen bis nach Nickelsdorf. Transferiert, disloziert und aus dem Kontext gerissen erscheinen diese Relikte eines Stückes Europageschichte auch nach der Räumung Idomenis auf bebenden Zeltwänden wieder.

Die Zelte mussten wieder verschwinden. Sie wurden dann aber direkt vor der Jazzgalerie aufgestellt und das war viel wirksamer.

13781943_1800653423514730_7053703786935747179_nFoto: Micke Keysendal

Dazu kommt, dass seit kurzem das Militär (das Bundesheer) (wieder) bewaffnet durch die Gassen des Dorfes patrouilliert. Ein Freund, der während des Festivals in Hegyeshalom, der ersten Ortschaft nach der ehemaligen ehemaligen Grenze, ein Zimmer genommen hatte, und der täglich mit dem Rad in die Jazzgalerie kam, erzählte mir, dass er zwei Mal auf österreichischer Seite Soldaten gesehen hätte, Gewehr in der Hand. Vor ihnen knieten Menschen im Schotter mit hinter dem Kopf verschränkten Händen. Dror Feiler machte Fotos und wurde verjagt und bedroht.

FullSizeRenderFoto: Dror Feiler

Das alles verunsichert. Man fühlt das “neue Selbstbewusstsein” des Militärs (und der Polizei). Sie hoffen immer noch, dass bei der Wahlwiederholung ihr Kandidat, der rechte, gewinnt. Auch in Wien sehe ich seit einiger Zeit viel mehr Polizei, sie sind überall mit ihren Visagen und unansehnlichen Wägen.

Nach einem Schläfchen in der Sonne bin ich wieder auf der Insel erwacht. Die Vorbereitungen gehen voran, die volunteers sind fleißig, obwohl ich Tilly sagen hörte, ‘I feel more like sleeping.’ Die Ruhe, in der die Arbeit verrichtet wird, ist gerade von einem zu Boden gefallenen Kochtopfdeckel erschrocken worden. Niklas Barnö geht vorbei (organizer). Ich geh dann ins Wasser.

Gerade war Lisa Grip da, Joels Schwester, und hat mich gefragt, ob sie mich fotografieren könne. Sie und ihr Partner Erik Viklund machen (tagsüber) Portraits von den Anwesenden und entwickeln sie in der Nacht. Kamera : Wista 4×5. In der Galerie über dem Stallet soll so in den nächsten Tagen eine Ausstellung entstehen.

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Neben mir sprechen ein Franzose und eine Amerikanerin über die Polizei. ‘When you see the police in the street (in Baltimore) you don’t think that they gonna protect you,’ sagte sie. ‘Yeah,’ entgegnete er, ‘in France it’s the same now. There was a law enforcement, so they can take you in the street and bring you to the police station and hold you for two days without any reason.’ 

Es wird Abend und in der Küche wird viel Französisch gesprochen, es läuft Cumbia. Sie donnert. Ich habe Lust auf 1 Bier.

&

Zweiter Tag, ein Tag vor Festivalbeginn, Mittwoch, 3. August

Sie hat mich im Traum besucht und bezugnehmend auf meine Notiz in meinem kleinen Notizheft, in dem ich schrieb, sie sei eine Frau, mit der ich, wenn es dann wieder so weit ist, vor den Nazis fliehen könne, sagte sie, ‘No, you must fight.’

Gestern Abend lernte ich den Schlagzeuger Paul Abbott kennen und er erzählte mir von CESURA//ACCESO (http://cesura-acceso.org) About : Cesura//Acceso is a print and online journal for music politics and poetics. Oder wie im Editorial zu lesen ist :

‘This journal explores—through music, politics and language—the means we have, in spite of limitations, to be part of an ecology of resistance and learning that includes skin, organs, ideas, imagination, flight, asylum and history. It is also a project of unmasking both the roots and reproductions of increasingly opaque and complex malignant factors that sustain our oppressions, and the “unspent” political potential of music.’

Ich frühstückte mit Marc,

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dem Weinhändler und Konzert-Organisator des Atelier Tampon Nomade in Paris (https://www.facebook.com/marc.fevre.39). Wir redeten gleich Klartext. Im Küchenradio liefen die The Beatles und er sagte, ‘Je déteste les Beatles (Ich hasse die Beatles).’ Schon früh in seiner Jugend sei ihm die Musik, die alle hörten auf die Nerven gegangen, Dire Straits, Supertramp (das er wie Supertrump aussprach), deshalb sei er in die bibliothèque municipale, discothèque, und fragte die Bibliothekarin, ob sie ihm etwas anderes/something else empfehlen könne und sie gab ihm eine Cecil Taylor Platte und Alan Silva and The Celestial Communication Orchestra, Byg Actuel, https://www.youtube.com/watch?v=hoMwVrNT2Cs. Das habe dann sein Leben verändert. Ich erzählte ihm von Hauna (Hans Falb, der die Jazzgalerie zu dem gemacht hat, was sie ist), der mir auch sehr früh viel Musik (und Literatur) zugeschanzt hat, die mich geformt hat. Marc entdeckte mir daraufhin – langage Lacanien – die Wortkombination repère/re-père (repère = Orientierungspunkt; père = Vater). Danach folgten Wortspiele wie ‘petit-daesh’ oder ‘touches pas à ma compote!’ Marc erzählte mir auch von den ‘chinoises sur les quaies qui te font une pipe pour cinq Euro.’ (Chinesinnen auf den Kais in Paris, die dir für fünf Euro einen blasen.) Freundinnen von ihm gingen einmal auf die Chinesinnen zu um ihnen zu sagen, dass sie ruhig mehr verlangen könnten als fünf Euro, aber alles, was diese sagten war, ‘Bon prix! Bon prix!’ (guter Preis) – wahrscheinlich das Einzige, was sie auf Französisch können. Wir sind wir darauf gekommen? Ah, ich weiß schon. Ich erzählte ihm von einer Heimreise aus der Auvergne über Italien mit dem Autobus. In Lyon stiegen ungefähr zehn Polen ein, die ebenfalls auf der Heimreise waren. Sie tranken Vodka, jeder hatte seine eigene Flasche, sie tranken aber aus winzigen Bechern, und bei jedem Halt kauften sie noch ein paar Flaschen in der Tankstelle. Sie luden mich ein mitzutrinken und erzählten mir, dass sie nun endlich wieder nach Hause fahren konnten, nachdem sie monatelang in Südfrankreich ein Schloss renoviert hatten, für vier Euro pro Stunde und am Samstag mussten sie ihre Verpflegung reinarbeiten. Das ist also die Welt, in der wir leben, solche Ausbeutung passiert mitten unter uns and tacitly we agree. 

Der Eindruck, hier in Dala-Floda auf einer Insel zu sein, verstärkt sich dadurch, dass seit meiner Ankunft das Internet nicht mehr funktioniert, weil der Blitz eingeschlagen hat. Ins Modem?

Aber die Idee von isoliert oder quasi-isoliert existierenden (auch temporären) Gesellschaften – obwohl von den Herrschenden und Herrschenwollenden gerne verwendet – ist schon lange obsolet, in der Anthropologie allerspätestens seit Eric Wolf ‘Europe And The People Without History‘ geschrieben hat, 1982.

Introduction : ‘We have been taught, inside the classroom and outside of it, that there exists an entity called the West, and that one can think of this West as a society and civilization independent of and in opposition to other societies and civilizations. Many of us even grew up believing that this West has a genealogy, according to which ancient Greece begat Rome, Rome begat Christian Europe, Christian Europe begat the Renaissance, the Renaissance the Enlightenment, the Enlightenment political democracy and the industrial revolution.’ (p. 5)

About sociology and the way of analysing societies or nations, after the advent of capitalism, that gave way to the idea of societies or nation-states as ‘islands’ that follow an ‘inner clock-work’, he writes : ‘Since social relations have been severed from their economic, political, or ideological context, it is easy to conceive of the nation-state as a structure of social ties informed by moral consensus rather than as a nexus of economic, political, and ideological relationships connected to other nexuses. Contentless social relations, rather than economic, political, or ideological forces, thus become the prime movers of sociological theory.’ (p. 9)

An einer anderen Stelle kommt Nikolaus Dimmel zu einem ähnlichen Schluss wenn er über die Analyse von Gewalt in der Soziologie schreibt :

‘Deshalb vermag etwa der Mainstream der Soziologie als einer sozialtechnologischen Disziplin, das Gewaltverhältnis nicht anders als über personale Beziehungen zu erschließen. Gewalt wird hier gemeinhin als körperliche (physische) und/oder seelische (psychische) Schädigung eines Anderen oder von Anderen oder/und deren Androhungen verstanden.’ Gewalt – Ein Verhältnis, Streifzüge 63.

Die globalen ökonomischen, politischen und ideologischen Gewalten, die uns hier im Kleinen regieren, werden also nicht in die soziologischen, und andere Mainstream-Analysen einbezogen, die somit jegliche Aussagekraft verlieren, auf die sich aber unsere Herrschenden und Herrschenwollenden und deren Medien beziehen.

Eric Wolf im Afterword : ‘This book has asked what difference it would make to our understanding if we looked at the world as a whole, a totality, a system, instead of as a sum of self-contained societies and cultures; if we understood better how this totality developed over time: if we took seriously the admonition to think of human aggregates as “inextricably involved with other aggregates, near and far, in weblike, netlike connections” (Lesser 1961: 42). As we unraveled the chains of causes and effects at work in the lives of particular populations, we saw them extend beyond any one population to embrace the trajectories of others – all others.’ (p. 385)

In diesem Buch werden zuerst die Geschichte der, und die Connections zwischen den einzelnen Gruppen, Gesellschaften, Nationen, &c. in Amerika, Asien, Afrika, Australien vor Ankunft der Europäer dargestellt, dann die Ankunft der Europäer und mit ihnen die zerstörerischen Kräfte von Merkantilismus und schlussendlich dem Kapitalismus bis zur industriellen Revolution. Es wird klar, dass wirklich alles mit allem verbunden ist und es schon lange vor unserer momentanen Phase der (digitalen) Globalisierung war. Beim Lesen von ‘Europe And The People Without History’ wurde mir auch klar, dass wir als Menschen und Gesellschaften völlig machtlos sind gegenüber den kapitalistischen Notwendigkeiten. Die Grundlagen der entscheidenden Entscheidungen haben nichts mit den Leben der einzelnen Menschen zu tun, auch nicht mit dem Leben von Gemeinschaften, auch nicht mit Staaten oder Staatenverbünden. Diese Entscheidungen werden nicht von Einzelpersonen getroffen, sondern sie KOMMEN ZUSTANDE durch kapitalistische Notwendigkeiten. Widerstand wird inkorporiert (vgl. Nikolaus Dimmel: Sozialkritik als Marktsignal, in Streifzüge 64). Wir können wählen gehen, und auch wenn die “richtige Partei” oder die am wenigsten üble Partei gewinnt, können wir uns sicher sein, dass ihre entscheidenden Mitglieder korrumpiert werden von und durch die kapitalistischen Notwendigkeiten. Wir können nichts dagegen tun. Was bleibt mir also als so decent wie möglich, so elegant und unbeeindruckt wie möglich durch die Weltgeschichte zu surfen und zu versuchen mich so wenig wie möglich regieren zu lassen? Wieder Michel Foucault. Wir müssen uns unsere Welt selber machen, trotz aller Polizei. Eine Merzwelt. Denn, 

‘[p]rofan gesagt: Ohne der Lust zu fröhnen lässt sich die Realität nicht überwinden, die uns der Lust nicht fröhnen lässt.’ Lorenz Glatz, Meer der Lust. In: Streifzüge 51

Und das versuchen wir hier in Dala-Floda. Unsere Gesellschaft ist temporär – sie muss wieder verschwinden, da uns ja keine Ressourcen zur Verfügung stehen und die, die die Ressourcen haben, behalten sie für sich – aber es kommen Ideen und Gefühle an die Oberfläche, wie es besser gehen könnte. Und diese Ideen können sie, die Herrschenden und Herrschenwollenden, uns nicht austreiben.

Es regnet immer wieder, manchmal fünf Minuten, manchmal eine halbe Stunde, manchmal stärker, manchmal tröpfelt es nur. Das Wasser aus den Wolken schlägt auf dem Papier meines Heftes auf und es schlägt Wellen, das Papier, das Wasser, wie der Fluss. Es die Ureigenschaft, das Primordiale, des Wassers Wellen zu schlagen. Vielleicht. Der Regen überträgt das Ozeanische des Wassers auf mein Papier, es schlägt Wellen. Ella, volunteer auf der Hagen und Literaturstudentin in Glasgow fragte ich, ob sie Virginia Woolf, ‘The Waves’ gelesen habe. ‘No, just ‘To The Lighthouse’ and ‘Orlando’.’ Auch nicht schlecht. Auch der Wein schlägt Wellen, wenn ich ihn beim Schreiben verschütte. Der Ozean wogt also auch in meinem verzierten Weinglas.

Un essai de Faire 2 – Gedanken zu Jean-Luc Godards ‘Que faire?’

Über Ähnlichkeiten und Überschneidungen in der Arbeitsweise von Jean-Luc Godard, Eric Wolf, Improvisatoren und Improvisatorinnen und diesem Text im Rahmen des Manifestes ‘Que faire?’.

Einige Punkte aus ‘Que faire?’:

• 1 – Il faut faire des films politiques. (Wir müssen politische Filme machen.)

• 2 – Il faut faire politiquement des films. ( Wir müssen politisch Filme machen.) 

• 13 – Faire 1, c’est faire des descriptions de situations. (1 ausführen heißt, Beschreibungen von Situationen zu machen.)

• 14 – Faire 2, c’est faire une analyse concrète d’une situation concrète. (2 ausführen heißt, eine konkrete Analyse einer konkreten Situation zu machen.)

• 19 – Faire 1, c’est décrire la misère du monde. (1 ausführen heißt, die Schlechtigkeit der Welt zu beschreiben.)

• 20 – Faire 2, c’est montrer le peuple en lutte. ( 2 ausführen heißt, das Volk im Kampf zu zeigen.)

• 23 – Faire 2, c’est de ne pas fabriquer des images du monde trop complètes au nom de la verité relative. (2 ausführen heißt, nicht über-komplette Bilder der Welt im Namen relativer Wahrheit herzustellen.)

dt. Übersetzung: Frieda Grafe.

Was bedeutet relative Wahrheit? In meinem Denken bedeutet das Streben nach relativer Wahrheit den Versuch, die Beziehungen, die Relationen, zwischen den Menschen bzw. sozialen Gruppen und den ‘Rahmenbedingungen’ in denen sie leben, offen zu legen, also FAIRE 2 im Sinne von • 14, faire une analyse concrète d’une situation concrète (eine konkrete Analyse einer konkreten Situation zu machen). Sowie im Sinne von Eric Wolf, der in ‘Europe And The People Without History’ schrieb, ‘To demonstrate the global interconnections of human aggregates is one task; to explain the development and nature of these connections, however, is another‘ (p. 385). Der zweiten Aufgabe, die Wolf anspricht, das Erklären der Entwicklung und der Charakteristika der ‘Rahmenbedingungen’ oder Connections (= ökonomische, religiöse und ideologische Zwänge) zwischen den sozialen Gruppen, liegt ein analoge Idee zugrunde wie Godard’s FAIRE 2.

Daraus folgt, dass ‘Europe And The People Without History’ kein politisches Buch ist, sondern dass Eric Wolf politisch (•2) ein Buch geschrieben hat, aus dem wir viel besser ableiten können, wie wir regiert werden als aus vielen anderen Büchern, Artiklen, Meldungen, denen eine Inselvorstellung inhärent ist und die sich nicht auf die Connections, also die relative Wahrheit konzentrieren.

Das sehe ich analog zu der Art, zu dem Spirit, wie viele Musiker und Musikerinnen am Hagenfesten und anderen Festivals dieser Größe und Atttitude) ihre Musik, bzw. die Musik präsentieren. Es ist mehr ein Forschen nach möglichen Ausdrucksformen der Musik, weniger ein Demonstrieren von etwas Vollendetem, Abgeschlossenem, also von Einflüssen Isoliertem. Wenn man mit den einzelnen Musiker/-innen spricht, wird einem schnell klar, dass sie prinzipiell alle Einflüsse auf sich wirken lassen, aus allen Künsten aus aller Welt, sie reflektieren die politischen, religiösen und wirtschaftlichen Zwängen, das eigene momentane Befinden, &c. Das alles wirkt auf die Musik, die bei einem Konzert gespielt/durchgelassen wird. Wie Christof Kurzmann einmal sinngemäß im Radio sagte, ‘Gestern hab’ ich die Nachrichten gesehen, heute in der Früh hab’ ich die Zeitung gelesen und das spiel’ ich’.’

Und die Künstler und Künstlerinnen zeigen sich auf der Bühne in ihrem Kampf (vgl. • 20 – Faire 2, c’est montrer le peuple en lutte. Das Volk im Kampf zeigen), da solche Konzerte oft den Charakter eines öffentlichen Experiments haben.

• 24 – Faire 1, c’est dire comment sont les chose vraies. (Brecht) (1 ausführen heißt, zu sagen, wie wirklich die Dinge sind (Brecht).

• 25 – Faire 2, c’est dire comment sont vraiment les choses. (Brecht) (2 ausführen heißt, zu sagen, wie die Dinge wirklich sind (Brecht).

• 30 – Faire 2, c’est savoir que l’unité est une lutte des contraires (Lénin), savoir que deux est dans un. (2 ausführen heißt, zu wissen, dass Einheit ein Kampf der Gegensätze ist (Lenin), zu wissen, dass die zwei in einem sind.)

Die Übersetzerin Frieda Grafe schreibt, dass die zwei in einem sind und meint damit wahrscheinlich die Gegensätze, obwohl im Original nur steht, dass zwei in einem oder gar dass 2 in 1 ist; das wird nicht klar. Wahrscheinlich ist es so gemeint, wie sie es übersetzt. Beim ersten Lesen jedoch (ohne Übersetzung) hab’ ich das als universellere Idee aufgefasst, wie etwa : ein Gedanke besteht aus allen Gedanken, analog dazu, dass eine Einheit nicht nur aus zwei Gegensätzen bestehen kann, sondern aus unzähligen Elementen, wie eine Gesellschaft aus allen auf sie wirkende Einflüsse, Connections, besteht.

Ein anderer Gedanke war : zwei ist in einem, wie the body is the mind is the body.

https://www.youtube.com/watch?v=nfHCIkaxsN4

• 37 – Faire 2, c’est se servi[r] des images et des sons comme les dents et les lèvres pour mordre. (2 ausführen heißt, Bilder und Töne als Zähne und Lippen zu benutzen, um damit zu beißen.)

• 38 – Faire 1, c’est seulement ouvrir les yeux et les oreilles. (1 ausführen heißt nur, Augen und Ohren aufzumachen.)

Wer macht 1, in dem Bilder und Töne (und ich füge an : Worte) nicht als Zähne und Lippen zum Beißen benutzt werden? Godard nennt es die Bourgeoisie (• 11 – Faire 1, c’est rester un être de classe bourgeois. [1 ausführen heißt, ein Wesen der bürgerlichen Klasse zu bleiben.]) Und faire 1 bedeutet auch in der Beschreibung zu bleiben (• 13) und nicht nach der relativen Wahrheit zu suchen, also den Beziehungen zwischen den Phänomenen – der Wahrheit der Beziehungen. Und die Wahrheit der Beziehungen spiegelt die Machtbeziehungen, an deren schwächeren Ende wir leben. Und nur wenn wir die Machtbeziehungen erkennen, können wir versuchen, uns weniger regieren zu lassen.

Jeder übliche Text über ein oder anlässlich eines Musikfestivals bleibt in der Beschreibung und gibt sich damit zufrieden, über das zu schreiben, was auf der Bühne passiert (ist) – manche Journalisten schreiben auch ohne anwesend zu sein über Konzerte.

Ich versuche hier, im Sinne von FAIRE 2, die Musik, die gespielt wird, und das Wie der Präsentation, den Ort und die Menschen des Festivals, sowie die Umstände, die politischen und gesellschaftlichen Zustände, beobachtend-juxtaposierend und poetisch-politisch in dem Zusammenhang zu zeigen, in dem ich sie stehen sehe.

Nun, abgesehen vom sogenannten Kulturjournalismus (=Kulturindustrie) – der an sich harmlos ist und ausschließlich über Harmloses (den Machtausübenden gegenüber) berichtet – gibt es sehr viele im Bereich der Medien (Tageszeitungen, Wochenzeitungen, Radio, privat und staatlich), denen ihre fundamentale Aufgabe gar nicht bewusst ist. Der Arbeitsweise der herkömmlichen Journalisten inhärent ist eine Selbstlegitimation, die ihnen erlaubt, weiter existieren zu können im System – denn sie verdienen entweder zu gut oder zu schlecht, wahrscheinlich meistens zu schlecht, und sind somit nie unabhängig. Und bevor sie ein Risiko eingehen, bleiben sie lieber innerhalb und erfüllen in vorauseilendem Gehorsam ihre Aufgabe als Legitimierungsrädchen, auch und vor allem im Sinne der Herrschenden. Ihre Arbeitsweise bedeutet die Legitimierung der Nichtssagerei der Politiker und Politikerinnen, der sogenannten Experten und Expertinnen, &c., indem sie, einerseits, sie und ihre Schwafelei ernst nehmen, und andererseits, sie durch ihre Nichtsfragerei bzw. ihrer Zufriedenheit mit Nichtantworten ungestraft wieder gehen lassen. Denn was der Legitimität der Medienarbeiter/-innen am gefährlichsten werden kann, ist das ‘In-Relation-Setzen’ ihrer Berichte – denn das könnte der Politik und allen anderen Machtausübenden unangenehm werden, und somit wiederum den Medien gefährlich werden. Deswegen reduzieren sie ihre Arbeit auf parteiisches Beschreiben und der Legitimierung von Worthülsen. Sie verschweigen die Connections, wenn sie überhaupt versuchen, sie zu finden.

Politicians, Journalists, nous irons cracher sur vos tombes !

(Wir werden auf eure Gräber spucken)

&

Dritter Tag; erster Festivaltag, 4. August

Erstes Konzert, Kirche. Pat Thomas, piano; Daichi Yoshikawa, feedback; Seymour Wright, saxophone; Joel Grip, double-bass; Paul Abbott, drums; Antonin Gerbal, drums; Pierre-Antoine Badaroux, saxophone. Bevor es begann sprach Lena, Joels Mutter und das Herz der Küche, zu den Gästen und sagte zwei wichtige Dinge : ‘We are doing this for the fun.’ und ‘Food is also music.’

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Das Konzert erinnerte mich wieder daran, dass die Musik keinen Anfang und kein Ende hat. Die Musik, als immer existierender Strom, ist stets da, sie muss nur durch die Musiker und Musikerinnen hörbar gemacht werden, durch deren Konzentration wird sie hörbar gemacht, an die Oberfläche gezogen oder hereingeholt in die alten Gemäuer, es werden Lecks geschlagen in die Atmosphäre. Sie fließt durch die Musiker/Medien, durch den Raum, in-dem sie hörbar wird, in uns hinein und verschwindet wieder. Manchmal kommt sie wie ein Blitz auf die Erde. Sie ist dann in uns, sie schlägt Wellen in uns, im Wasser unseres Körpers. Manche Spieler/-innen versuchen, diesen Schwall von Musik (mehr) zu kontrollieren, andere lassen ihn so frei wie möglich durch ihren Körper hindurchfließen und versuchen ihm den besten Ausdruck zu verleihen, mit dem Vokabular, das ihnen zur Verfügung steht, konzentriert und détaché en même temps.

Ich dachte : so ein Festival ist ein Fest der Hörbarmachung, eine gemeinsame Anstrengung, da gehört auch die Konzentration der Zuhörer dazu, sich der Musik als Verbindung zwischen den Menschen zu bedienen und jede und jeder Einzelne hat ihre und seine eigene Art, das zu tun. Hier gibt es keinen Dirigenten, keinen sogenannten Schöpfer, der den Einzelnen sagt, wie sie was zu tun haben. Hier wird die Musik nicht missbraucht.

Ich dachte weiters : Ich versuche so viele Pforten (Türen, Tore) zu öffnen wie möglich, sozial und artistisch.

Zweites Konzert, Kirche. Es war wirklich eine Überraschung, denn ich hatte nicht erwartet, Jens Linnel (tamburin, amplifier, cymbals), der sich so um den Aufbau und die Freiwilligen gekümmert hat (und um mein Zelt), auf die Bühne kommen zu sehen. Er sah anders aus, trug ein helles Hemd und seine blonden langen Haare waren nicht von einer Kappe bedeckt. Man merkte, dass es ruhig wurde, als nur mehr zufriedene Babylaute zu vernehmen waren, und Jens begann ganz langsam mit einem Tamburin und fand bald die notwendige Konzentration schwedische folk music auf ein abstrakteres Niveau zu bringen. Am Ende hörte es draußen zu regnen auf und die Sonne schien durch die Kirchenfenster. Und aus den Augen der Madonna lief Blut, irgendwo in Italien.

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Am Nachmittag waren wieder alle zurück auf der Hagen. Um vier Uhr gab es die Wahl zwischen Filmen und einem kurzen Konzert. Ich war noch so auf Musik aus, dass ich sofort ins Härbre ging, wo Susana Santos Silva, trumpet; Paul Abbott, drums; Wilhelm Bromander, double-bass spielten. Zehn Minuten, Viertelstunde Konzentration saß ich zu ihren Füßen, dann war’s vorbei und ich warf mich in den Fluss.

Am frühen Abend eröffnete Aimie La Friseuse, une ‘coiffeuse qui bosse dans la mode à Paris,’ wie sie sagte, ihren Friseursalon, pay as you wish. Ich war der erste Klient (und zahlte zwei Gläser vin naturel).

Mein viertes Konzert war im Ladan mit John Holmström, piano; Anna Lund, drums; Emil Skogh, double-bass; Swing auf supernice, also nicht auf alt, so auf mittelalt. Aber was ist alt und was ist neu? Es geht nur immer darum, die Musik an die Oberfläche oder herein oder herab zu holen und das ist an sich eine ehrenvolle Aufgabe. Bleibt halt immer die Frage nach dem Wie – das jede/r für sich beurteilen kann. Was ich zu vermeiden suche, das Beurteilen. Das geht aber auch nicht immer. Manches ist einfach – ich möchte nicht sagen schlecht, denn schlecht kann auch gut sein, aber hypocrite. 

Danach im Stallet spielte Evie Scarlett Ward, voice and cassette recorder. Poetry. Ich fand erst Raum im Gesprochenen (und Konzentration), als sie den Recorder abstellte – mit dem sie sich selbst als Stimmengewirr abgespielt hatte : konkret unkonkret Londonian metro – und ihre Poesie fragil in die Stille sprach. Dann war’s schön.

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Vierter Tag, 5. August 2016

Kleine Exhaustion. Aber das gute Essen und das halbtäglich frisch gebackene Brot, das hier alle gemeinsam (artists, audience, volunteers) zur gleichen Zeit einnehmen, stärkt ungemein. Auch der französische vin naturel und das schwedische craft beer, das jedoch ein bisschen nach Zahnpasta schmeckt (Parodontax), sind Medizin gegen Müdigkeit.

Die beiden letzten Konzerte des gestrigen Abends hörte ich nur aus der Ferne, sie waren auch laut genug. Vorletztes Konzert: Jonathan Larsson, dragspel; Oskar Reuter, guitar, nyckelharpa. Letztes Konzert: Ständernas Svall – Finn Loxbo, guitar, singing; Vegard Lauvdal, drums.

Ich hielt mich in der Bar auf und redete mit den Leuten. Dort lernte ich Lucas Maia kennen, einen Brasilianer aus São Paulo, der in Berlin lebt und hier während des Hagenfesten gemeinsam mit Léa Lanoë und Pierre Borel einen Film dreht, mit einer 16 mm Kamera. Ich sprach mit den volunteers und einigen Gästen und hörte viele Geschichten, die man strangern gerne erzählt. Justine erzählte mir, dass sie von Mélody, der ich mehr über mein Schreiben und Büchermachen offengelegt habe, gehört hatte,

Hagenfesten 2016 12
Mélody & Justine

dass ein écrivain (ca. Schriftsteller) am Festival sei. Sie wusste nicht, wie er aussehe, aber sie habe sich ganze Zeit gedacht, so wie ich mich bewege und schaue, müsse ich das sein. Ich werde also als écrivain bezeichnet und erkannt. Aber bin ich wirklich einer? Ich schreibe und ich publiziere, aber nur privat und nicht in Zeitschriften oder Verlagen. So bin ich outsider, aber auch unabhängig und nicht im Feuilleton (Kulturjournalismus!), wie etwa unlängst die würdelose (erbärmliche) Glavinic-Sargnagl-Diskussion – Seiten voll galoppierender Bedeutungslosigkeit, die nur von den Zwängen und den Herrschenden, denen wir unterworfen sind, ablenken. Solche Kleinigkeiten passieren auch auf weitaus höherem Niveau, denn H. C. Artman soll auch zu oder über Ingeborg Bachmann gesagt haben, sie sei eine blöde Gurke. 

The rain disregards any agenda
Under the stars.
Howe Gelb

Die Instabilität des Wolkigen. In der Galerie sah ich Anna Högberg, saxophones; Susana Santos Silva, trumpet. Es war sehr früher Nachmittag, ziemlich hell für die allgemeinen Verhältnisse, ich setzte mich an den Rand und schloss die Augen fast bis zum Ende des Konzerts. Ich war in ihren Instrumenten, hätte noch lange bleiben können. Am Ende sah ich sie als zwei junge Elefantinnen vor mir stehen und applaudierte.

Es ist jetzt halb vier, 2016, ich bin 36 Jahre alt. Die Menschen um mich sprechen in den unterschiedlichsten Sprachen. Aimie hat die Bar schon aufgemacht und spielt Radio Nostalgie. Seit Tagen hat sie ihre rosa Sonnenbrille nicht mehr abgenommen, die sehr gut zu ihrem marokkanischen Gesicht und dem brasilianischen Haarschopf passt. Sie kam gerade aus der Bar und rief, ‘The bar is open!’ und dann tanzte sie ein wenig vor der Eingangstür. Buenaonda. Ich überlege, mir ein Glas rosé pétillant zu organisieren.

Hagenfesten 2016 61
with Itaru Oki

Später: War dann doch im Ladan mir das Kino anzusehen. Das Programm wird kuratiert von Pierre Borel und Léa Lanoë. An diesem Nachmittag gab es zu den Filmen Livemusik von Joel, Susana, Niklas, Linda, Antonin, Pierre-Antoine und Franziska, die alle nur mit dem Vornamen vorgestellt wurden. 

Voilà, das Programm, das während dem Festival etwas durcheinandergebracht wurde, absichtlich.

Mercredi 3/8
23H / Séance 1: Moullet/Smith
– Essai d’ouverture, de Luc Moullet – 14 ‘
– The Girl Chewing gum, de John Smith – 12′
– Gargantuan, de John Smith – 1′
– Barres, de Luc Moullet – 14′
– Associations, de John Smith – 7′
– Om, de John Smith – 4′

Jeudi 4/8
16H / Séance 2 : Jean Painlevé
Le Bernard l’hermite, 14′
La quatrième dimension, 10′
Les amours de la pieuvre, 14′
Le Vampire, 8′

01H / Séance 3 : Jean Rouch
Cocorico Monsieur Poulet, de Jean Rouch – 92′

Vendredi 5/8
16H / Séance 4 : Ciné Konzert Bruce Lacey
– The Battle of New Orleans, 5′
– How to take a Bath 8′
– The Running and Stumbling and dumping Still, 10′
– The Kiss 8′
+   La Croissance des Végétaux, Institut Pasteur – 12′

01H / Séance 5 : Djibril Diop Mambety
– Badou Boy, de Djibril Diop Mambety – 56′

Samedi 6/8
16H / Séance 6 : 16mm
– Studie Zur Farbe, Lucas Maia, digital ton, 8′
– In the Traveller’s Heart, Distruktur, Optical ton, 20′ 

01H / Séance 7 :
Dreaminimalist, de Marie Losier – 23′
Germans taste the best , de Rosa von Praunheim – 26′
Double Exposure, de Bruce Lacey – 3′

a und Pierre betreiben in Berlin das KK19 http://daskkdixneuf.tumblr.comA space in Berlin for extraordinary musics, exhibitions, films, lectures, dancings, foods, and so forth. Ich muss sie unbedingt mal besuchen. Vor allem, was die Filme betrifft, haben sie mir eine andere Welt angedeutet – es gibt noch so viel, das ich nicht kenne! Jeden einzelnen Film würde ich mir wieder ansehen, aber schreiben will ich über keinen.

So ein Filmprogramm müsste in jedem Festival, das sich mit Experimenten auseinandersetzt bzw. Experimente präsentieren möchte, seinen Platz haben. Live-Vertonung ist okay, aber nicht notwendig.

Es geht hier ein Mann, ein alter Schwede, durchs Festival, der aussieht wie Jean-François Pauvros mit abgeschnittenen Haaren. (Leider kein Foto).

Gerade beginnt ein Konzert im Stallet. Ich hoffe, ich höre es herüber. Immer noch denke ich an die jungen Elefantinnen. Applaus im Stallet. Greta (3 Jahre, weißblond, wie alle schwedischen Kinder) versteckt sich vor ihrer Mutter (Franziska). Ich weiß, wo sie ist. Franziska nicht.

Hagenfesten 2016 16

Das andere Kind hat eine Maske verkehrt aufgesetzt. In der Küche wird das Abendessen prépariert. Ich höre nichts aus dem Stallet. Die Sonne scheint mir auf die schwarze Jacke. 

Später : Es spielten Martin Küchen, saxophones; Joel Bremer, violin.

Hier kommt es leicht zu einer Vermischung der sounds von außen und innen, je leiser das Konzert, claro, desto mehr hört man aus der Umgebung. Ich dachte : Es gibt hier keinen Willen eine (künstliche, gekünstelte) pureté zu schaffen, also die Musik vom Leben rundherum abzutrennen, also (anti-faschistisch) eine Vermischung zuzulassen von Musik, Menschen, Tieren, Maschinen, knarrenden Holztüren, le vent qui passe. Man ist relaxed, man weiß, in welcher Welt man lebt/liebt.

Halb 9, die Sonne scheint noch. Ich sitze am Fluss, die Leute sind im Konzerte mit Eva Rune, Gesang; Maria Misgeld, Gesang; Karin Ericsson Back, Gesang. Zwischen mir und dem Wasser stehen hohes Gras und Wiesenblumen. Ein paar Gelsen fliegen mir um die Ohren. Ich werde nicht über jedes Konzert schreiben. So viel hab ich über Musik an sich nicht zu sagen und ich kann mir auch nicht alles anhören. Ich werde auch nichts Musikalisches analysieren, vielmehr versuche ich herauszufinden, was sie mit den Menschen macht, was DIESE Musik mit den Menschen macht und wie sie auf mich selber wirkt. Mich interessiert die Beziehung zwischen Musik und Mensch/Gesellschaft und weniger zwischen Musik und Musik/Musikgeschichte. I think like Andrew,

‘Really often, when the mind just wanders and lets the music do its thing, I mean, I keep coming back to really the primal things. (…) Because it’s really those things of life and death and food and animals and the stars and relationships with other people that I keep coming back to and then I think, those were the things that I’m thinking about in living, so of course those are the things that are going to come when I listen to the music.’

Andrew Choate, theoral no. 11
https://theoral.wordpress.com/2016/07/19/theoral-no-11-conversations-with-laura-altman-and-monica-brooks-and-andrew-choate/

&

Fünfter Tag, Samstag oder Lördag, 6. August 

Et puis, la pluie.

Es schlägt schon alles Wellen. Der Regen auf den Zeltdächern dämpft die Wahrnehmung.

Ich hab Margarida Guia schon in den vorangegangenen Tagen kennengelernt (durch Marc) und sie hat mir viel erzählt vom Aufnehmen der Umgebung (sie hat auch Unterwasseraufnahmen gemacht), vom Vertonen von Filmen, von der Biederkeit des Fernsehsenders arte, von Roy Andersson, von dem ich nicht mal seinen letzten Film gesehen habe, obwohl ich es wollte. Als ich in den vollen Stallet kam, sprach Joel noch seine Ankündigung. Ich stellte mich neben Margarida, die sagte, ich könne gleich ihren Platz haben.

Ihre Performance umfasste Poesie, ihre Stimme, poésie sonore, Samples aller Art – Musikinstrumente, Menschen, Tiere, Maschinen, die Welt draußen also –, Schilder, Papierrollen, &c. &c. Sie wurde zur sorcière, une belle sorcière, die mich in ihren Zauber hineinzog. Ich hatte so etwas so noch nie so gesehen und obwohl sie es nicht gesagt hatte, hörte ich in meinem Kopf die zwei Worte paradis sonore.

Pourquoi chantent-ils en pleine nuit les oiseaux ? Sur la place, il y a quinze arbres encore un banc pour reposer la journée. Que sont les bancs publics devenus ? Voilà les jardins bétonnés pour que Reine voiture puisse trouver domicile fixe et symétriquement au millimètre près clonés les arbres sont enfermés dans un cage afin que les racines rebelles ne défigurent le paysage.
TOUT EST SI CALME
Les rues vidées de leurs piétons. Que sont les hommes devenus ?

Margarida Guia, Pour Votre Sécurité
https://soundcloud.com/margaridaguia/pour-votre-securite

Und Margarida a mis le chien (hat den Hund gespielt). Am Tag zuvor haben wir uns zufällig auf dem Heimweg von der Kirche (kyrka) getroffen. Ich ging der Straße entlang und sie kam über die wackelige Fussgeherbrücke über den Vesterdalälven. Wir führten unseren Weg gemeinsam fort und kamen zu einem Haus, in dessen Hof ein grauer Hund angebunden war und bellte. Ein schönes Bellen, wie Margarida sagte. Sie ging über die Straße zum Zaun des Hauses und enregistrierte (nahm auf), bis er aufhörte und sich abwendete. Beim Weitergehen erzählte sie mir, dass Hundebellen ihr Erkennungszeichen sei, ihre Signatur – sie versuche, wenn sie etwas vertone, immer ein Bellen unterzubringen. In den nächsten Tagen – wir beide gingen unabhängig voneinander öfter an dem Haus vorbei – war der Hund, Phantomhund, nicht mehr anzutreffen. Ich bin mir nicht sicher, ob es ihn überhaupt gegeben hat. Nichtsdestotrotz ist er auf Margaridas Aufnahmegerät. Vielleicht war ich der Hund, oder es war ein Gehilfe Volands.

Margarida redete von den Erinnerungen, die einzelne Aufnahmen oder Sounds in ihr auslösen, wie ein tic-tac, das Angehen von Neonröhren oder eben Hundebellen, auch wenn von Menschen gemacht, eine ganze Welt wieder-holen können. Ich erzählte ihr von einer Erfahrung, die ich irgendwo in Frankreich oder in Marokko hatte. Ich kam in einen Raum und drehte das Licht auf und der click des Schalters klang, klickte, genauso wie der in meinem Kinderzimmer damals. Ich sehe immer noch genau vor mir, wie ich in mein kleines Notizheft ‘Lichtschalter der Kindheit’ schrieb – dort fühlte ich mich auch hinversetzt, bis ich meinen Rucksack und meine Tasche auf den einzigen Stuhl des Raumes –

Eshu threw a stone yesterday; he killed a bird today.
Yoruba Proverb, in Pelton 1980

Dann sah ich den Film Badou Boy von Djibril Diop Mambety, in dem ein fetter Cop (wie der ungelenke, aber gewalttätige Arm eines korrupten Staates) einen schlanken Gangster (die Verkörperung des Überlebenstriebes) jagte. Sehr feiner, fast unsichtbarer Humor. Dadurch verpasste ich das Konzert im Stallet mit Jonas Kullhammar, saxophone; Marcelo Gabar Pazos, saxophone; Elsa Bergman, double-bass; Magnus Vikberg, drums.

Nach einer kleinen Pause folgte die Tanzband mit Pat Thomas, computer, ipad;

Hagenfesten 2016 02

Daichi Yoshikawa, feedback; Seymour Wright, saxophone, Joel Grip, guimbri; Paul Abbott, drums, electronics; Antonin Gerbal, drums; Pierre-Antoine Badaroux, synthesizer, saxophone. Und die Leute begannen sofort, auf der Stelle, zu tanzen und wurden immer mehr auf der Tanzfläche bis der Ladan voll war. Ich holte mir ein Kraftbier und setzte mich raus um in den Himmel zu blicken, in meinem Rücken, ca. 15 Meter entfernt die brodelnde Tanzfläche. Focus inexpectatus – kam Félix und massierte mir den Nacken und die Schultern, professionell, wie mein Haarschnitt. Ich schloss die Augen, überließ meine Arme der Schwerkraft und ebenso die Bierflasche, die mir aus den Fingern glitt. Diese Situation lockte andere Leute, sich zu uns zu setzen. Ich ging wieder tanzen. Movement. Merci, Félix.

Hagenfesten 2016 18

Heute, Samstag, Vormittag gab’s wieder zwei Konzerte in der Kirche, zwei Solos + zufriedene Babylaute. Die erste war Sofia Jernberg, voice. Ich hab sie schon lange nicht mehr so klar gehört, so alleine, in letzter Zeit nur in großen Formationen, die viel von ihrer Stimme verschluckten. Aber hier, in dem kurzen Solo kam sie wieder wirklich zum Vorschein (für mich), ich lauschte einfach. Das zweite Konzert war ein Violinsolo (fiol) von Joel Bremer. Er spielte traditionelle tunes und dazwischen redete er viel auf Schwedisch. Seine Stimme war von meinem Platz aus unhörbar, sein Instrument aber nicht. Also legte ich mich entlang der Bank und schlief von Zeit zu Zeit ein, um mich von der himmlischen Geige wecken zu lassen und an die Kirchendecke zu staunen. Es sind auch diese Momente von scheinbar kleinerer Wichtigkeit, die so ein Festival ausmachen, vor allem, weil einem auch die Freiheit gegeben wird, ausgestreckt in einer Kirche zu schlafen.

Nachmittags im Kino : Lukas Maia projizierte einen 16 mm Film, den Freunde von ihm gemacht hatten, Distruktur : In the Traveller’s Heart – sehr Jodorowsky – und zwei Filme, ‘they are the same but different’ von ihm selbst, Studie zur Farbe.

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Sechster Tag, Sonntag, 7. August – Abschiedstag

Am Abend gestern spielte Ahmed : Seymour Wright, saxophone; Joel Grip, double-bass; Antonin Gerbal, drums; Pat Thomas, piano. Eine Variation auf ein Thema, 40 Minuten, nichts Neues, aber gut, und es war sehr witzig.

Abends wieder im Kino : Dreaminimalist mit Tony Conrad von Marie Losier. Es gibt noch so viel zu entdecken.

Und zu versäumen – denn was ich während des Films nicht hörte, war Alberto Pinton Noi Siamo – Alberto Pinton, saxophone, clarinet; Konrad Agnas, drums; Nikals Barnö, trumpet; Torbjörn Zetterberg, double-bass.

Zwischendurch projizierten wir den Film von Léa, Pierre und Lucas am Platz bei der Glocke. Léa und Pablo hielten die Leinwand hoch, Pierre und einige andere den Film, Lucas bediente den Projektor, ich die Taschenlampe um ihm zu leuchten. Ehrlich gesagt, man sah nicht viel. 

Danach folgte das Abschlusstanzkonzert mit The Joe Davolaz – Vilhelm Bromander, elbas; Oscar Carls, singing, saxophone, flute; Dennis Egberth, drums; Joel Danell, synth; Linus Hillborg, guitar; Anders Af Klintberg, organ, lapsteel. Gute Rockshow, weiß bemalte Gesichter, zwei Zugaben. Die Leute haben getanzt und gefeiert. Lena und Jon, Joels Eltern, wurden auf Händen über die Tanzfläche getragen. Wir blieben sehr lange auf.

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Siebenter Tag, Montag, 8. August, Stockholm, Arlanda Airport, 19.20 Uhr

Ich habe gerade € 8,50 für ein kleines Bier bezahlt.

I got the Airport Blues.

Eine kleine Autofahrt (mit Linda und Jon) von drei Stunden katapultierte mich aus unserer kleinen Gesellschaft, unserem Stamm in Dala-Floda, wie David Meier, gesagt hat, der mit im Auto saß, in die Einsamkeit des Flughafens.

I got the Airport Blues.

Wir fuhren mit einem roten Saab, schwedische Qualität – ein Kronjuwel! Heute stellen sie keine Autos mehr her, nur mehr Kriegsgerät. Ob die Piloten in den Kampfjets auch in so behaglichen Ledersitzen was auch immer machen?

Sweden has become a major world supplier of weapons counting a number of regimes criticised for human rights abuses among its customers, while at the same time enjoying a global reputation for peacemaking and generous foreign aid.

http://www.thelocal.se/20140520/sweden-arms-dictators-as-defence-exports-soar

Eine Einsamkeit, die nur nach einer solchen Zusammengehörigkeit möglich ist, rather unausgeschlafen. Vor mir, ein junges Pärchen küsst und streichelt sich – ‘they make it all so concise and so clear, that she (G.) is not here,’ denke ich mit Bob Dylans Worten. Bald bin ich in Wien, aber hier habe ich noch die ganze Nacht, bis zehn in der Früh, vor mir. Unsere Gemeinschaft in Dala-Floda hat sich aufgelöst, die Einzelnen haben sich wieder auf ganz Europa verstreut, eher Westeuropa, sind zurückgekehrt in ihre heimischen Gesellschaften oder reisen weiter, als Künstlerinnen, von einer zur anderen, oder als Minnesänger.

I got the Airport Blues.

In den letzten Tagen haben wir alle eine Situation geschaffen, eine temporäre Gesellschaft, die wir uns beständig wünschen. So ist das Leben richtig, so hat es einen Sinn. Unsere Gesellschaft war eine sehr offene und in allen Wiesen und Wassern war ein Entgegenkommen zu spüren, ein Wohlwollen. Das Hagenfesten macht deutlich klar, dass ein Festival ALLE Beteiligten machen – Organisation, artists, Freiwillige, Publikum – und dass es diesen kleinen Rahmen braucht. Je größer ein Festival wird, desto mehr werden Einzelne auf ihre Funktion reduziert und werden unsichtbar. Hier gab’s ganz wenige Invisibles, die das Festival zum Laufen brachten und wer weiß, vielleicht wollten die, die weniger gesehen wurden, auch weniger gesehen werden. Einige konnte ich besser kennen lernen, andere weniger. Alle haben ihre Geschichte und ihre Geschichten, claro! wie jeder Mensch, aber hier waren sie Teil des Festivals, die Geschichten. Sicher weniger als jene der Musiker und Poetinnen, aber quand même. Die meisten der volunteers sind Anfang 20. Einige sind schon länger dabei (and they keep coming back und sie bringen neue Freunde und Freundinnen mit) und viele andere, die zum ersten Mal dabei waren, sagten es sei eine unique experience gewesen. Sie hätten so eine Gemeinschaft noch nie erlebt.

This is EDUCATION.

I got the Airport Blues.

Tage später, während dem Reinschreiben des Hagentextes, habe ich beim Lesen von Emma Goldmans ‘Living My Life’ ein wichtiges Wort gelernt: tyrannicide.

Literatur:

Choate, Andrew 2015. In: theoral no. 11. Nickelsdorf.

Godard, Jean-Luc 2016. Österreichisches Filmmuseum. Wien.

Goldman, Emma 2008. Living My Life. Volume 1. Cosimo. New York.

Lesser, Alexander 1961. Social Fields and the Evolution of Society. Southwestern Journal of Anthropology 17: 40-48

Pelton, Robert 1980. The Trickster in West Africa. A Study of Mythic Irony and Sacred Delight. University of California Press.

Streifzüge. http://www.streifzuege.org

Wolf, Eric 1982. Europe And The People Without History. University of California Press.

Fotos, Text zur Ausstellung:

We who create this exhibition is Lisa Grip and Erik Viklund. In here we try to make photographs of the movement, people and moods that we meet during the festival. We see them as splinters in the jumble of Hagenfesten. Together they are as unpredictable as the rest of the program. In the beginning of the week the gallery is empty and then grows hand in hand with the festival. Everyday we take photographs, every night we develop them and hang them on the walls of the gallery.

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