Versuch über die Wellen. Teil II – Marokko

Samstag, 16. Februar 2013. Tanger, Petit Socco. Ein paar Stunden vor Sonnenuntergang.

Nach dem schweren Schlaf am Nachmittag versuche ich endlich anzukommen. Oder besser: Von Porto loszukommen, von der Regelmäßigkeit, die sich dort sofort eingestellt hatte. Schreibend fühle ich mich von den Vorübergehenden ertappt: Der gescheiterte Poet vom Petit Socco. Ich sah eine kleine rote Katze, die streunte, und dann hinter einem Stuhlbein ihren ganz weißen Kopf hervordrehte.

Nacht: Als der Himmel noch dunkelblau war, lockte mich der Glanz der Zuckerglasuren sowie die Erinnerung an Nüsse und Datteln in eine Patisserie am Boulevard Pasteur. Ich suchte mir gerade ein paar kleine Stücke aus als zwei junge Frauen hereinkamen, geschminkt und mit offenen Haaren. Während ich bezahlen wollte, lehnte sich die Blondierte derart ungeniert an mich, dass die junge Verkäuferin so geschockt war, dass sie den Preis gar nicht herausbrachte. Später kam ich nochmal vorbei, es war schon geschlossen und so wurde ich auf den Namen aufmerksam: Patisserie Le Petit Prince.

Inmitten dachte ich: Les amoureux qui s’bécottent sur la plage publique. Das Durch-den-Sand-Gehen hatte eine versöhnende Wirkung: Ich sah die Verliebten sich umarmen oder nebeneinander sitzen. Ich hörte vague das Meer und wunderte mich über meine Zufriedenheit angesichts der Hochhäuser der Corniche. Ja, ich wollte sie noch viel größer und höher, so gigantisch, dass zehntausende Menschen darin leben können.

Bei einem Bücherstand an einer Straßenecke hinterm Boulevard Pasteur blätterte ich die Anthologie du Lapin durch, die mit vielen Zeichnungen illustriert war. Von der Seite näherte sich Ibrahim, ein ca. 20-jähriger Senegalese und deutete mir, auch die anderen Bücher anzusehen, ‘in English and Español.’ Wir begannen zu reden: Er habe studiert und einige Praktika gemacht, nun wolle er es in Europa versuchen. Aber auf all seine Bewerbungen in Frankreich, Deutschland und der Schweiz bekam er keine Antworten. Ich fragte ihn nach Livemusik. Hier um die Ecke seien manchmal Musiker und in der Bar, wie hieß sie nochmal?, Laetitia gäbe es regelmäßig Livemusik – ‘mais il y beaucoup de putes’ (‘aber da sind viele Prostituierte’). Und er könne mich auch wohin bringen, wo seine Freunde spielen. Wir sehen uns morgen wieder an seiner Ecke.

Sonntag, 17. Februar. Boulevard Mohamed VI, vers le port. Vormittag.

Der Schlaf legte sich mit der Schwere eines leblosen Körpers über mich und hielt mir fest die Augen zu, drückte mir auf den Hals, so dass die einzige Befreiung ein Mich-aus-dem-Schlaf-Reissen war. Menschen aus meiner Vergangenheit waren mir so nahe, dass ich sie mir ins Ohr flüstern fühlte. Und als ich den Raum, in dem ich lag, wieder verstand und das Hupen durchs offene Fenster hörte, oder später den Muezzin, erklärte sich mir mein Aufenthaltsort. Die Schwere auf mir drückte mich in ein Todesgefühl, in ein Gefühl des Sterbens, das, ganz bekannt, sich wie ein déjà-vu in mir ausbreitete. Erst das schwache Licht des Morgens durch die Fensterläden vertrieb den Alberich und ich versuchte mich nun selbst in den Schlaf zu zwingen. Aber vergebens, der Tag hatte schon begonnen.

Café Univers, Boulevard Pasteur: Ich lese und bereite mich langsam darauf vor, in Fes Musiker einer Hamadcha Bruderschaft zu treffen, mit denen ich, auf Empfehlung von Roland Keijser, Kontakt aufgenommen habe. Roland Keijser ist ein skandinavischer Musiker, der jegliche Art von Flöten und Saxophonen spielt. In jüngeren Jahren hat er längere Zeit in Marrakech gelebt und bei dort ansässigen Gruppen bzw. Bruderschaften studiert. Nun versuche ich die Namen zu lernen, die er mir in seinem Brief aufgezählt hat bzw. jene, die ich in Mehdi Nabti’s Buch Les Aïssawa lese. Hamadcha und Aïssawa sowie die bekannteren Gnawa sind islamische Sufi-Bruderschaften, die vom offiziellen Islam nicht oder nur teilweise anerkannt werden, zu Zeiten auch bekämpft bzw. hofiert werden. “Tout en demeurant attaché à la loi islamique, le mysticisme musulman ou soufisme (al-tasawwuf) vise une approche sensitive et charnelle de la foi à travers une méthode théorique et pratique enseignée par des maîtres (al-chaykh-s) pour vivre l’expérimentation de l’union avec Dieu au cours de la vie terrestre.” (Nabti 2010, p. 21). (Ganz sich an den islamischen Gesetzen orientierend, stellt die islamische Mystik oder Sufismus einen fleischlichen und sensitiven Zugang zum Glauben dar. Dabei geht es um den Versuch – den theoretischen und praktischen Methoden eines Meisters (Scheich) folgend – eine Vereinigung mit Gott im irdischen Leben zu erreichen.) Zu den praktischen Methoden diese Vereinigung zu erreichen, gehören Musik, Tanz und Gesang, die je nach ihrer Funktion in der Zeremonie (zB während einer Lila, also einer domestiken, spirituellen Zeremonie) beruhigen oder erregen und Trance erzeugen sollen. Bei den Gnawas geht es, im Gegensatz zu den hier beschriebenen Aïssawa, vielmehr darum, (mit ähnlichen Methoden) eine Verbindung zu den Djinns herzustellen, weniger zu Gott.

Ich werde also noch eine Weile in Tanger bleiben um mich weiter vorzubereiten, meine Kleidung waschen zu lassen und um zu sehen was passiert, wenn es wieder dunkel wird. Gestern Abend: Auf Ibrahims Hinweis ‘juste au coin là’, (‘gleich da ums Eck’) ging ich durch die falsche Tür und stand unmittelbar vor dem Barmann und bestellte ein Stork, bière de Fes. Die Bar hieß treffend Trou dans le mur (Loch in der Mauer) und war auch nicht viel größer. Es war ca. halb zehn und die Männer waren alle stark betrunken, manche sangen aus vollem Halse mit der lauten arabischen Musik. Am Boden lag viel gebrauchtes Papier, Schalen von Kernen, Zigarettenstummel, etc. Langsam trank ich das Bier, es wurde fast nichts gesprochen, es gab nichts zu sagen, nur zu trinken. Später traf ich Ibrahim wieder und verabschiedete mich um das Laetitia zu suchen. Ich fand ein ähnliches Restaurant, al-Ibis: Alkohol, Tapas, Livemusik (Chaabi, populäre Musik, also nicht sakral), putes. Es standen aber zu viele Leute herum, um der Musik wirklich nahe sein zu können und der stechende Augenkontakt mancher Frauen vertrieb mich in den engen Gassen das Weite zu suchen.

Petit Socco, Café Tingis: Starker Milchkaffee saugt sich in die Zuckerstücke bis sie mir aus den Fingern fallen. Viele Leute in Jacken und Jeans ziehen an meinem Tisch vorbei, Frauen in Djellabas – die etwas langsamer, Schritt für Schritt. Die Pflanzen in den steinernen Trögen stehen unregelmäßig den Platz hinunter, zwei, drei Mopeds knattern durch die Gehenden. Sprache, von der ich nichts verstehe, in der ich nur selten eine andere mich auszumachen täusche. Gerüche, als Gedanken und Erinnerungen, steigen wie Luftblasen aus meiner beruhigenden Versunkenheit.

Montag, 18. Februar. Avenue Mohamed VI. Vormittag.

Seit ich hier regelmäßig vorbeikomme, sitzen die schwarze Frau und der schwarze Mann auf der Terrasse des Restaurant Café Terminus du Nord. Nachmittags ist der graue Strand überzogen mit den Fussabdrücken der Möwen. Ich stapfte über ein Muster, das mich an die gekachelten Wände der Cafés erinnerte.

Gestern sah ich Ibrahim nur für ein paar Sekunden und einen Gruß wieder. Am späten Nachmittag folgte ich der Musik und fand einen Proberaum einer Gruppe von Gnawas. Ich trat ein indem ich die angelehnte Tür langsam öffnete. Ein paar Musiker saßen im Kreis und spielten und als sie mich bemerkten spielten sie trotzdem weiter bis einer die Musik unterbrach und etwas sagte. Dann wandte er sich an mich und lud mich mit einer Handbewegung ein, näher zu kommen. Das sei ein Proberaum, in dem sie proben und neue Musiker einschulen. Es gab viele Fotografien an den Wänden, auch von Leuten wie Ali Farka Touré und Bob Marley sowie von Jazzmusikern wir Art Blakey oder Max Roach. Sie probten noch weiter und ich sah dem Jungen zu, wie er versuchte auf seiner Guenbri das Richtige zu spielen, die anderen schlugen einen Rhythmus. Danach stand ich mit dem, der dem Jungen zu lehren versuchte, was er spielen solle, vor dem Proberaum. Er rauchte und seine Kollegen drinnen packten die Instrumente zusammen. Ich könne jederzeit vorbeikommen, sagte er, sie seien sehr oft hier um zu spielen.

Au Maroc, le terme Gnaoua désigne de manière générale tous les anciens esclaves d’origine africaine. Il faut préciser cependant qu’ils n’appartiennent pas tous à la confrérie des Gnaoua. L’origine ethnique n’est pas non plus un critère pour définir l’appartenance à cette confrérie car la plupart des adeptes sont métissés, voire d’origine seulement «arabe» ou plutôt «berbère»“ (Chlyeh 1998, p. 17). (Der Begriff Gnawa bezeichnet in Marokko ganz generell alle ehemaligen afrikanischen Sklaven. Man muss aber präzisieren, dass nicht alle der Bruderschaft der Gnawa angehören. Die ethnische Zugehörigkeit ist kein Kriterium um die Zugehörigkeit zur Bruderschaft zu definieren, denn der Großteil der Adepten entstammen mehreren Ethnien oder sind sogar rein arabischen oder eher berberischen Ursprungs.) Die Gnawa bzw. deren Vorfahren brachten einerseits die Guenbri und andererseits eine Vielzahl an übernatürlichen Wesen und Dämonen in den Maghreb. Dieser Glaube vermischte sich mit dem Islam und wurde zu dem, was heute von den Gnawa praktiziert wird.

Heute verbrachte ich das Gewitter, das immer wieder auf die Stadt zurückrollte unter der Markise des Café Tingis am Petit Socco. Süßen Milchkaffee trinkend starrte ich in den Regen, reglos nahm ich Donner und Blitz war, starrte vor Müdigkeit auf die Vorbeilaufenden. Später wollte ich die Gnawas wieder aufsuchen, aber die Tür war verschlossen, also trug ich meine Müdigkeit weiter, ziellos mit brennenden Fußsohlen, an immer den selben Ecken vorbei, schließlich in mein hellblaues Zimmer und schlief bis in die Dämmerung. Gut, dass ich aus dem verschimmelten Loch unten am Boulevard ausgezogen bin. Schleppend vergehen meine Stunden.

Dienstag, 19. Februar. Café Tingis. Nachmittag.

Wieder fällt mir ein mit starkem Milchkaffee vollgesogener Zuckerwürfel in die hellbraune Flüssigkeit. Ich komme nicht los von Tanger. Was glaube ich hier zu finden? Regen und Kälte? Sprachlosigkeit? Schlaf? Eine überreife Müdigkeit liegt auf meinen Nachmittagen – unmöglich ihr zu entgehen ohne in die feuchtkalte Witterung überzugehen. An der Ecke gestern Abend, kein Bücherstand, Ibrahim war nicht anzutreffen. Die Tür zu den Gnawas war auch heute wieder verschlossen. Morgen reise ich ab.

Vom Balkon der Pension schaute ich lange in die steile, belebte Gasse. Meine Augen folgten den farbigen Djellabas und den türkisen Dächern der Petit-Taxis. Dann, mit lautem Geratter fuhr ein Moped durch die Menschenmenge auf dessen Anhänger ein kleiner Hai lag. Mit seinem dem Himmel zugewandten Auge sah er mich an. Meine Tatenlosigkeit wurde belohnt.

Später, nachdem ich im Café Univers eine Zeit lang gelesen hatte, driftete ich durch die Gassen hinter dem Boulevard Pasteur und kam zu einem quadratischen Markt, einen Häuserblock groß, an den Ecken die Eingänge. Ich trat nicht gleich ein sondern ging um ihn herum. Es begann leicht zu regnen, so folgte ich dem Vogelgezwitscher die paar Stufen hinunter und stand im überdachten souk. Graue Papageien saßen frei auf Stangen, andere in schönen, orientalistischen Käfigen, dann: Wellensittiche, Meerschweinchen, Hunde, ein Falke, Pfaue, alle in kleinen Käfigen, fast wie in Schönbrunn. Schildkröten waren auf einen Haufen geworfen, kleine weiße Kätzchen, die sich aneinandergelehnt fadisierten, Fische im Aquarium und immer wieder Vögel. Traurig gemacht haben mich nur die Fische, vielleicht weil sie so schön waren. Ein paar Schritte weiter, die toten Tiere: Fleisch, Federn, Haut, Hirne, Eingeweide, routinierte, knackende Bewegungen brauner Hände, spaltende Beile, ins Fleisch schneidende Klingen und dazwischen ein ganz kleiner Stand mit Trüffeln, nicht größer als ein Atlas. Dann, hellblau gestrichen, die Fischabteilung. Ein Stand hatte noch offen, einige Leute standen um ihn und redeten laut. Ich kam näher, die Fische und Fischstücke waren groß. Als linke Begrenzung diente ein riesiger Fischkopf mit dem offenen Maul nach oben und in die Ferne gedrehten Augen. Als ich an den rechten Rand kam, neben den Fischbrocken, die im Eis lagen wie die Felsen an galicischen Stränden, blickte ich wieder ins Auge des Hais. Ich konnte ihn jetzt aus der Nähe ansehen, den leicht geöffneten Mund, die kleinen Zähne, die Spitze des Gesichts, den Schwung der Flossen ins Schwarze. Blickend liebkoste ich ihn und der alte Verkäufer deutete mir freundlich. Ich musste lächeln.

Die Wolken schoben sich zusammen und ließen so offene Stellen für die untergehende Sonne, um die weißen Häuser der oberen Stadt in ein freundliches Licht zu tauchen. Ich ging den Hügel hinter der Medina hinauf, wo eine dicke Zeder steht. Ahmed kreuzte meinen Weg und begann mit mir zu sprechen: Was ich tue, woher ich komme, wohin ich weiterreise – alles wichtige und fast unbeantwortbare Fragen. Dann Ahmed: Er und sein Bruder seien aus Mali, ‘there is a big crisis’, und mit Hilfe einer marokkanischen Frau, die beim Roten Kreuz arbeite, zuerst nach Casablanca gekommen, dann nach Rabat und seit ein paar Tagen sind sie in Tanger. Sie hätten Geld und wollten einen Bekannten ihres Vaters ausfindig machen um ein kleines Business zu starten. Aber nichts, der sei wahrscheinlich schon in Europa. Und ohne Hilfe könnten sie als Schwarze in Marokko nicht so einfach ein Business eröffnen, sie bräuchten eine Wohnung und Papiere. Sie sollen sich ans Gemeindeamt wenden, sagte ich hilflos. Das ginge nicht, bekam ich als Antwort. Sie hätten Geld und wenn die Behörden das merken würden, würden sie fragen: Woher? Ahmeds Vater sei in der malischen Regierung tätig gewesen, also bräuchten sie sich keine Sorgen machen. Ich verstand nicht ganz was er von mir wollte. Er wurde klarer: Der Vater sei tot, seine Schwestern und die Mutter noch in Mali. Sie hätten viel Geld. Mir dämmerte, dass ich für sie vielleicht eine Wohnung aufstellen solle. Dann: ‘How is Vienna? Do you think we can come there?’ Ich sagte, ich wisse es nicht. Die Politiker und Behörden seien meist sehr dumm in Österreich und Schwarze oft nicht willkommen. Ahmed war sehr sympathisch und es war angenehm mit ihm zu reden, aber ich konnte nicht ganz verstehen. ‘Okay, we have a lot of money. My father took it from the government. He’s dead now. We brought it to Morocco, the woman who helped us to come didn’t know that we have the money with us. One point five million Euros, in a suitcase. It is now under the bed in the dormitory where we are sleeping. We just took a little for what we need here.’ Ich sagte, ich wisse nicht, was zu tun sei. Wir gingen noch eine Weile gemeinsam den Hügel zur Medina hinunter und trennten uns mit Handschlag und ‘Good luck!’

Mitwoch, 20. Februar.

Zug Tanger – Fes: Das Land ist grün, die Hügel, die Senken. Den Schafen und Kühen scheint es gut zu gehen. Die Wolken treiben langsam. Als ich die Augen öffnete kamen zwei Frauen ins Abteil. Ich richtete mich auf, versank aber bald wieder im braunen Kunstleder. Oma und Enkelin, dachte ich. Sie redeten und kicherten viel, sie spielten und streichelten einander. Jede war auf ihre Weise schön. Bald aber pressten mir schwere Lider wieder Tränen aus den Augen. Ich vernahm ein leises Summen des Mädchens, in das ich noch tiefer versank als in den weichen Sitz, und öffnete meine Augen erst wieder überrascht vom Ruck des Waggons in der Station.

Fes, Beginn der Nacht: Am Morgen in Tanger schien die Sonne. Ich aß Harcha und trank Tee in der Wärme. Terminus du Nord, bekannte Gesichter. Die Brachen der Stadt brodelten unter der Sonneneinstrahlung, Dampf stieg aus dem halbmeterhohen Dschungel aus Brennnesseln und blühenden Malven. Sie werden noch eine Weile den Müll verbergen, das Plastik und den Schutt, die toten Katzen und Vögel.

Hier in Fes ist es kalt und alles ist unbekannt. Morgen rufe ich Frédéric an, dann öffnet sich vielleicht etwas ganz Neues, endlich Musik! Ich sollte bald schlafen.

Donnerstag, 21. Februar. Bab Boujloud. Früher Abend.

Milchkaffee und Patisserie mit der ich mir die Löcher stopfe – in der vergehenden Zeit und im vergehenden Gesicht.

Il est un autodidacte,’ sagte Anna über Marc voller Bewunderung zu Alex. ‘Moi aussi, je suis un autodidacte,’ denke ich, in fast jeder Hinsicht. (‘Er ist ein Autodidakt,’ ‘Ich bin auch ein Autodidakt.’)

Den Film Mauvais Sang von Leos Carax sah ich noch in Tanger im Cinéma Rif, in dessen buvette die jungen Schönen sich tummeln und auch untereinander französisch reden. Burschen und Mächen nach der Schule, denke ich. Bei den Projektionen im Saal hab’ ich sie nicht gesehen, weder im großen noch im kleinen. Auf der Terrasse saßen die Europäerinnen. Hier in Fes sitzen sie auch herum, die Europäerinnen, neben den zahlreichen Asiatinnen. Auch Paare und Pärchen und Pärchen-Paare aus dem “Westen” flanieren durch die Medina. Einen einzelnen Asiaten habe ich gesehen: Gestern saß er schräg hinter mir als ich im Restaurant unterm Hotel ein Sandwich aß und heute betrat er die boutique des livres, die ich gerade verlassen wollte: Weiß im Gesicht, Pickel, wenig Bart lange nicht rasiert, verbogene Brille, bescheidenes Eintreten. Was er wohl denkt?

Hey man, your jacket is broken!’ riefen mir die Typen nach, die hier an jeder Ecke lehnen. ‘Pss, pss, hachiche. Want to get high?’ Dem weißen Esel tropfte grüner Schleim langsam von der schwarzen Unterlippe und zog sich hinunter bis aufs Pflaster. Ich kreuzte Schönheiten, deren schlechter Schneidezahn ihr ganzes Gesicht entstellte, ja, ihr ganzes Sein. Laufende Katzen schwebten den Maulbeerbaum hinauf, dahinter schöpfte ein alter Mann Harira aus einem großen Topf. Der Nieselregen versenkte den marché aux legumes (Gemüsemarkt) in Schlamm und Traurigkeit. Meine Solidarität ist mit den Eseln.

Samstag, 23. Februar. Bathab. Mittag nach dem Unwetter.

El hombre solitario iba siempre acompañado

Schön langsam kommen sie mich alle besuchen. Woher kommen die Träume, die jede Nacht, jeden Morgen wiederkehren, so klar und plausibel? Aus der Entfernung zu meinem vorigen Leben? Vom alleine sein? Vom vielen Gehen? Die meisten Schritte setze ich für mich selbst, abandonado, abandonando, mich selbst befragend, was ich sehe. Was da ist und was ich sehe. Was ich höre – was ich (als) wahr-nehme. Die tausenden Gesichter in der Medina erzeugen in mir eine Indifferenz, manchmal sogar eine Abwehr gegen eine Kontaktaufnahme. Alleine fühle ich mich besser, nicht so verlassend. Ich wünsche mir, verloren in den tausenden, engen Gassen der Medina umherzuirren und nicht zu wissen, wie ich wohin komme. Deswegen murmle ich meist unverständliche Laute und schaue verständnislos wenn mich Marokkaner ansprechen um mir durchs Labyrinth zu helfen, oder ich beginne leise zu summen: Ce mortel ennui / Qui me vient / Quand je suis avec toi.

Das Sich-Mischen mit den Leuten sei nur eine Beruhigung der Einsamkeit. Dann kämen wieder die Fliegen, las moscas!, und verdunkeln den Blick und zwingen zum Weiterreisen – ‘the important thing is movement, not permanence.’ Die zurückgelassenen Beziehungen trügen nur zu einer viel größeren Einsamkeit bei, sagt Sie in A Pedra do Lobo, einem Film, den mir meine galizischen Freunde zeigten bevor ich sie in Richtung Marokko verließ. ‘People are devestated when they are abandoned. I don’t know. People are devestated when they abandon someone. I don’t know.’

Der gestrige Regen hat wieder eingesetzt, die Kälte drückt die junge Palme zu Boden. Die meist dunkel gekleideten Männer sind von der Terrasse hereingekommen und gestikulieren laut. Die Abwesenheit von Frauen kommt mir etwas unfreundlich vor. Gestern wollte ich an einer Aïssawa-Zeremonie, einer Lila (arabisch für Nacht.) teilnehmen, aber Aderrahim sagte mir nach einem Telefonat mit dem Muquadem (Verantwortlicher für die Gruppe von Disziplen/Musikern) dass es leider doch nicht möglich sei, es sei privat. ‘Et il y a des femmes.’ ‘Je n’ai rien contre les femmes,’ dachte ich. (‘Und es seien Frauen anwesend.’ ‘Ich habe nichts gegen die Frauen.’)

Diese häuslichen Zeremonien sind einige der ganz wenigen Möglichkeiten für die marokkanischen Frauen sich in Gesellschaft den Männern gleichwertig zu benehmen und sich ihrer Kontrolle zu entziehen ohne dass sie als pute (Nutte) bezeichnet werden können. Deshalb sind es auch eher Frauen, die hinter der Veranstaltung von Lilas stehen, etwa zu muslimischen Feiertagen, einer Hochzeit, Geburt, etc. aber auch als therapeutisches/heilendes Ritual zur Besänftigung eines Djinns oder zur Heilung einer Krankheit durch den Kontakt mit dem Göttlichen, der durch Extase erreicht wird. “Pour les fidèles, la cérémonie domestique des Aïssawa est un espace de mixité sexuelle et sociale quoi offre une place centrale et omniprésente à la femme. L’autorité des femmes sur le déroulement du rituel est significative d’un glissement des pratiques mystiques vers la mondanité féminine. Par son utilisation ludique, esthétique et stratégique du sacré, la cérémonie des Aïssawa est vue par les femmes sympathisantes comme un lieu de réunion et de rencontres lui autorisant la transgression, les coquetteries et la séduction. (Nabti 2010, p. 386) (Die häusliche Zeremonie der Aïssawa bedeutet für die Gläubigen einen sozialen Ort, an dem sich Männer und Frauen mischen können und der den Frauen einen omnipräsenten Platz zuweist. Die Autorität der Frauen über den Ablauf der Zeremonie deutet auf eine Verschiebung der mystischen Praktiken in die Weltlichkeit der Frauen hin. Durch die spielerische, ästhetische und strategische Verwendung des Heiligen wird die Zeremonie der Aïssawa von den Frauen als Ort gesehen, an dem sie zusammenkommen können und wo ihnen in den Begegnungen eine Überschreitung erlaubt ist, Koketterien und Verführung.)

Abderrahim Amrani Marrakchi: Ich kontaktierte ihn auf Rat von Roland Keijser und mit Hilfe von Frédéric Calmès, einem jungen Franzosen, der ein Schüler Abderrahims ist und seine Korrespondenz auf Französisch übernimmt. Der Meister, ein Hamadcha Muquadem, empfing mich in seinem Stammcafé beim Bab R’cif, dann gingen wir mit Abdelali – er schien mir wie sein ewiger Assistent – um tausende Ecken durch die Medina zu ihm ins quartier des Andalous. Wir tranken Tee (avec chiba, contre le froid, gegen die Kälte) und sahen Fußball (Fes gegen Casablanca) und Al-Jazeera und redeten. Nach zwei, drei Stunden ging ich wieder. Am Tag darauf (gestern, Freitag) war ich zu Mittag zum Couscous eingeladen. Danach fand eine Probe mit Musikern aus der kurdischen Türkei, Algerien und Kuba statt, die sich gemeinsam mit Abdeltif, Freund und Darabuka-Spieler Abderrahims, auf das Konzert im Rahmen des Festival de la musique andalouse de Fes vorbereiteten. Ich verbrachte den ganzen Nachmittag in Abderrahims Haus mit Musik, versunken in den Polstern und Rhythmen. Niemand stellte meine Anwesenheit in Frage. Neila Benbey war die Sängerin der zusammengewürfelten Gruppe. Ich lernte alte andalusische Poesie: Cuanda caiga la tarde / Espera mi visita. Der heisse Tee wurde genau im richtigen Moment serviert.

Abderrahim selbst begnügte sich damit sein Haus zur Verfügung zu stellen und rauchend zuzuhören. Dabei klopfte er auf seinem Oberschenkel und seinem festen Bauch die Rhythmen mit. Er schien alles genau zu verstehen, denn dort wo die Musiker sich zu finden versuchten aber nicht zusammenkamen, konnte er genaue Richtungen andeuten, einfach durch ein paar erhellende Schläge auf seinen Bauch und seinen Oberschenkel. Er tat es bescheiden und alle folgten ihm.

Montag, 25. Februar. Zug Meknes – Marrakech.

Nachdem es dunkel geworden und der Vollmond aus meinem Blickfeld gedriftet ist, fokussieren meine Blicke mehr auf das Innere des mittlerweile fast leeren Zuges. Orientierungslos könnte ich momentan auch durch Südfrankreich reisen: etwas Arabisch, etwas Französisch, in einem ausrangierten Waggon der SNCF. Als der Zug noch voll war und die Leute gedrängt in den Gängen standen, kam es bei einer Station nicht weit von Meknes zu einer Schlägerei: Zwei Frauen gegen einen Mann. Sie waren schon getrennt worden, als sie nochmals – la rage! – aufeinander losstürmten und sich mit voller Wucht aufeinander stürzten und versuchten ihre Fäuste so fest wie möglich ins Gesicht des Anderen zu schlagen. Sie waren nicht zu halten, voller explodierender Wut. Als der Zug losfuhr rauften sie noch am Bahnsteig, das Gepäck blieb im Zug.

Dienstag, 26. Februar. Marrakech, Jamaa el-Fna, Brasserie du Glacier. Mittag, im Schatten.

Gestern Nacht war der schwarze Himmel offen, der Vollmond überschien die Sterne in seiner Nähe. Stille respirierend stand ich auf der blanken Terrasse im Inneren des alten Hotels am Jamaa el-Fna, den Kopf neigend schnitt das Palmenblatt ein schwarzes Kammmuster in die weiße Scheibe. Erstmals war mir warm in der Nacht. Und noch nie war der Muezzin so laut in der Früh. Ich hörte Abderrahim mit ihm singen und rufen und noch ein paar andere bekannte Stimmen.

Heute ist der riesige Platz schon längst voller Menschen. Retas, Darabukas, Bendirs, Mopeds und Petit Taxis. Zuvor saß ich gegenüber im Tajna Darna und trank den ersten Tee des Tages. Von Latif – ‘tu me trouves toujours ici ou à coté dans le magasin de tapis’ (‘du findest mich immer hier oder nebenan im Teppichgeschäft’) – ließ ich mich freundlich einladen und setzte mich an seinen Tisch, weil sonst keiner frei war. Wir redeten, ich fragte nach Gnawas. In Marrakech und Essaouira sind die Gnawas populärer, in Fes und Meknes eher die Aïssawa und Hamadcha. Latif erzählte mir, dass er auch selber gerne Lilas veranstalte. Hier, ins Café neben dem Tajna Darna, komme jeden Abend ein Maalem, er heiße Mahjoub, ‘un noir, très gentil’ (ein Schwarzer, sehr freundlich), und er verlange auch nicht so viel Geld, deshalb frage Latif immer ihn für seine Lilas. Mahjoub und zwei andere seien die wichtigsten Maalems in Marrakech. Einer der beiden anderen ist Maalem Merchane, dessen Telefonnummer ich von Abderrahim erhalten habe.

Ob es schwierig sei, bei einer Gnawa-Lila dabei sein zu können, fragte ich Latif. ‘Mmm, tu peux aussi organiser une soirée’ (du kannst auch selber eine organisieren), bekam ich als Antwort. ‘Avec trois musiciens – le Maalem et deux autres – tu peux les avoir pour 600 Dirham’ (Drei Musiker – der Maalem und zwei andere – du kannst sie für 600 Dirham haben, ca. 60 Euro). Wo ich das machen könne, ‘dans un café?’ ‘Non. Mais mon frère a une maison, pas loin d’ici, dix minutes, la maison de la famille, avec la terrasse et tout, une fontaine. Je l’appelle, il a un moto, il vient te chercher et tu peux regarder la maison.’ ‘Mmm.’ ‘C’est bien pour les fêtes. Mais tu dois pas oublier : on doit manger, on doit boire. Si tu veux du monde, des femmes qui dansent.’ ‘Mhm, je vais y réfléchir.’ ‘Oui, réfléchis ! C’est que pour avoir l’idée.’ (‘In einem Café?’ – ‘Nein, mein Bruder hat ein Haus, nicht weit von hier, zehn Minuten, das Haus der Familie, mit Terrasse und allem, einem Springbrunnen. Ich ruf’ ihn an, er hat ein Motorrad und kommt dich abholen und du kannst dir das Haus anschauen.’ – ‘Mmm’ – ‘Es ist ideal für Feste. Aber du darfst nicht vergessen: man muss essen, man muss trinken. Wenn du Leute möchtest, die Frauen, die tanzen.’ – ‘Ich werd’ drüber nachdenken.’ – ‘Ja, denk drüber nach! Es ist nur, um dir eine Idee zu geben.’) Die Idee: Ein Maalem, Guenbri und Gesang, plus zwei Qraqeb-Spieler, ein paar Leute (aber wer?), Essen, Tee, Kaffee, Patisserie, bis vier, fünf in der Früh in einem schönen Haus, auf einer schönen Terrasse mit dem Mond und den Sternen am Himmel. “Au niveau symbolique, la céremonie représente le cheminement initiatique du soufi : un voyage mystique ascendant vers Dieu et le Prophète avec retour sur terre. L’odyssée traverse à la fois le monde des hommes et celui des démons pour culminer dans les speères supérieurs, point de roncontre de l’homme et du divin.” (Nabti 2010, p. 348) (Auf symbolischer Ebene repräsentiert eine Zeremonie den Initiationsweg des Sufi: Eine mystische, zu Gott und dem Propheten aufsteigende Reise mit der Rückkunft auf die Erde. Die Odyssee führt durch die Welt der Menschen und jener der Dämonen bis sie in den höheren Spähren kulminiert wo sich der Mensch und das Göttliche gegenübertreten.)

C’est bien de changer le rhythme

sagte Abderrahim zu mir als wir vor ein paar Tagen mit Essen und Trinken angefüllten schwarzen Plastiksackerl in Händen durch die Nouvelle Ville von Meknes schritten. Ich legte mein Schicksal voller Vertrauen in seine Hände, versuchte seinem Rhythmus, seinem Drive, zu folgen. Es war nichts zu antizipieren.

In diesem Moment kam ein Gnawa und spielte vor den zwei alten Holländerinnen, die rechts von mir auf der Terrasse ihren Kaffee trinken und auf den Jamaa el-Fna schauen, auf einer Guenbri. Sie rief nach mir, die Guenbri! Sie zog mich unglaublich an. Ist das mein Sound? Ist es das, was William Parker meint, wenn er von der heilenden Kraft der Musik spricht? Die eine Holländerin gab dem Musiker ein paar Dirham und sagte: ‘No music!’ ‘No music?’ fragte er. ‘No.’

Abderrahim führte mich, ich akzeptierte, hatte nicht die Zeit nachzudenken, versuchte es auch bald nicht mehr sondern ließ einfach alles geschehen. Vieles erfuhr ich erst in dem Moment in dem es passierte. Das lag vielleicht auch an der Sprache, die ich nicht verstand. Alles was ich ihm erzählte oder fragte, schien ihn nicht zu berühren. Doch es kam wieder zurück zu mir, oder ich bekam eine Antwort Stunden oder Tage später, in einer Situation, indem er etwas tat oder etwas zu jemandem sagte, indem er mir jemanden vorstellte oder einfach eine gewisse Musik über einen Kassettenrecorder oder sein kleines Mobiltelefon abspielte. Er überraschte auch viele andere, denn er kündigt sich selten an, er kommt einfach und dann ist er präsent und nicht mehr wegzudenken.

Abderrahim hatte einen Abend bei seinem alten Freund in Meknes, dem Maalem Abdelnabi el Meknessi el Fakir, arrangiert. Dort brachten wir die vollen schwarzen Plastiksackerl hin. Wir wurden von einer etwas älteren Frau empfangen, wahrscheinlich seiner Frau, und sofort die Stufen hinaufgebeten. Dort saß der Maalem und die beiden Frauen, die schon bei uns im Taxi von Fes nach Meknes mitgefahren sind. Die Getränke wurden ausgepackt und der Abend begann. Meist sprachen sie arabisch, hin und wieder übersetzte einer der beiden Männer für mich. Die Stunden vergingen und mit ihnen verlor ich mein Zeitgefühl. Im Halbdunkel saß ich dann, israelischen Anisschnaps ohne Wasser und Eis trinkend, dem Maalem Abdelnabi el Meknessi el Fakir gegenüber. Er spielte auf seiner Guenbri und sang leise dazu – hypnotisierte mich. Rundherum war Zedernholz, Teppiche, Mosaike, die Wolken des Rif, weiche Stoffe in allen Farben, in die ich meine Wange schmiegte. Smoke got in my eyes. In dieser Nacht weckte mich sanft wie der süße Milchkaffee das gehauchte Stöhnen einer Unbekannten.

Am Tag darauf schob Abderrahim einen Vorhang in der Medina zur Seite und wir standen im Salon von Abdeltif, coiffeur homme und Sänger. Alte, eisern-mechanische Ledersitze, in die weiße Wand versenkte Spiegel, die mit Holzverzierung umrandet waren, Steinboden. Abdeltif brauchte etwas Hilfe für einen Lied-Text, den er geschrieben hatte und nun singen wollte. Abderrahim las und sang und klopfte den Rhythmus auf seinen Oberschenkel. Andere Musiker kamen und gingen, das Reden hörte nie auf, manchmal wurde gesungen. Ich zog mich mit einem Tee avec chiba in meinen Kater zurück, sah einen Kunden hereinkommen, Platz nehmen. Er wurde mit und gegen den Strich tadellos rasiert. Abdeltif redete, schwang das Rasiermesser wie ein Gangster und rasierte zu Ende wie andere eine Zigarette ausdrücken – es blieb ein perfekter Schnurrbart zwischen weichen Wangen stehen. Er kramte nach alten Kassetten und wir hörten eine nach der anderen auf einem kleinen alten Radio. ‘Du vieux Hamadcha,’ sagte Abderrahim, (‘alter Hamadcha’). Langsame, mit Bedacht geschlagene Rhythmen, in denen ich kein Muster ausmachen konnte, die mich aber ca. 5 cm über der Sitzfläche meines Sessels schweben ließen. Ich konnte meine wachsenden Haare in den vielen Spiegeln aus fast allen Winkeln betrachten. Manchmal warf mir Abderrahim einen Blick zu und lächelte: ‘C’est ça qu’on fait tout le temps.’ (‘Das machen wir ganze Zeit.’)

Abdeltif fragte mich woher ich komme. Vienna. Ich vermeide, soweit es geht, Austria, Autriche, Österreich, an-nemsa zu sagen, das Land, das in vielen Ländern als erstes immer mit Adolf Hitler assoziiert wird. Dann noch mit Mozart, klar, und Wittgenstein sagte João, ein freundlicher Philosophiestudent in Porto, und ‘what’s his name? Mm, Fritzl!’ und streckte seinen Zeigefinger in die Höhe. Ein älterer Marokkaner, der mit einer Österreicherin verheiratet sei, sagte, nachdem er Hitler gesagt hatte, noch: Falco!

Nachdem Abderrahim fertiggeraucht hatte, setzte er sich in den braunen Ledersessel um sich die Frisur nachschneiden zu lassen. Er erinnerte mich an Cheb Khaled und Louis Moholo-Moholo. Nach dem Haarschnitt, bevor er das Gesicht für die Rasur eingeschäumt bekam – er nahm dazu Abdeltif den Pinsel aus der Hand und machte es selbst – rauchte der Muquadem noch eine Marquise. Der Coiffeur wechselte die Kassette. Ein weiterer Rhythmus, Gesang, nicht mehr. Ich begreife (noch?) nicht ganz, wie diese Musik zu den Menschen passt, wie sie sich in die société einfügt. Wo finde ich den Rhythmus, wo das Pathetische bei den Meknessi oder Marrakchi? Gott ist allgegenwärtig, aber das wird nicht so streng genommen. Ich versuchte mich wieder auf die Rhythmen zu konzentrieren um Patterns herauszufinden, aber es gelang mir nicht. ‘Les rhythmes du Hamadcha sont les plus complexes,’ (die Hamadcha-Rhythmen sind die komplexesten) hörte ich von Abderrahim. Ich verlor mich in den Schlägen, dem Arabischen und dem Fluss meiner Gedanken, kam auf Franz Hautzinger’s Idee eines Gomberg und fragte mich nach einer Idealfigur für mich selbst. Wie würde die aussehen und mäanderte weiter in Vorstellungen und Erinnerungen wie die Haarbüschel über den Steinboden. Leos Carax, Mauvais Sang sah ich in Tanger. Eine Freundin, die mich vor Kurzem im Traum besucht hatte, sagte einmal zu mir, als wir an einer glänzenden Bar am Alsergrund saßen: ‘Philipp, du musst lernen Sex und Liebe zu trennen.’

Jamaa el-Fna, voller Spektakel: Mit zusammengekniffenen Ohren und vor Wärme kribbelnder Haut schaute ich den Schlangenbeschwörern zu. Cobras leckten den Staub aus der Luft, den die Bendir-Spieler aus ihren Instrumenten schlugen. Ein gut gekleideter Marrakchi hockte in deren Nähe und hatte einen zusammengeknüllten violetten 20 Dirham-Schein zwischen Daumen und Mittelfinger. So schnell konnte er gar nicht schauen, riss ihm die Schlange das Geld aus der Hand.

Und dann stand ich da, auf dem großen Platz, begleitet nur von der Sonne, umkurvt von Hunderten machte ich mich auf wohin zu gehen.

Ich kaufte einen Dolch, schwarz, gelb, ‘berbère, touareg,’ sagte der steinalte Verkäufer, ‘pour couper des bananes et des tomates’, (zum Bananen und Tomaten schneiden). Ich fühlte die Klinge und sie war scharf. Er betrachtete mich durch seine kleinen, glänzenden Augen und fragte, wofür ich den Dolch wirklich brauche. ‘Pour poignarder des chrétiens,’ (um Christen zu erstechen) sagte ich und konnte die Wärme fühlen, die von seinem komplizenhaften Lächeln ausging.

Au cafe: J’observe les hommes qui regardent les fesses des femmes. (Ich beobachte die Männer, die den Frauen auf den Hintern schauen.) Et les fesses des femmes.

Einer von Karins Füchsen küsste mir die Hand und senkte sein unheimliches Gesicht ganz nahe an meines und blickte mich aus leeren Augenhöhlen an. ‘Mon ami, pour manger le pain!’ (Mein Freund, fürs Brot essen) hielt er mir seine verkrüppelte Hand hin. Sein zahnloses Kiefer hatte die selbe braune Farbe wie sein zerfurchtes Gesicht. Die Haut seiner Hände war warm und fühlte sich weich und freundlich an, als ich ihm ein ein Zehn-Dirham-Stück in die abgewinkelten Finger legte und er sanft aber bestimmt zudrückte. Er richtete sich auf und wurde fast zwei Meter groß. Ich habe ihn weder kommen noch verschwinden sehen.

Und dann ging der Sonnenuntergang auf und wurde immer heller. Im selben Moment begannen die Muezzine wie wahnsinnig zu schreien. Die Tausenden taten weiter wie vorher.

Donnerstag, 28. Februar. Mellah, Mittag.

I came to hear the music

Lafif erzählte mir heute Morgen, dass er aus der Familie eines Marabout (eines Heiligen) abstamme und von Lilas, bei denen Leute barfuß über Glasscherben gingen ohne sich zu verletzen und von Menschen, die kochendes Wasser mit einer Berührung erkalten lassen können. Sein Sohn sei 28 und, wenn er aufgebracht sei, beisse er von Gläsern ab, kaue das Glas und schlucke es. ‘Il le mange, comme ça, pas de sang.’ (Er isst es, einfach so, kein Blut.) Noch bevor er mir all dies anvertraute redeten wir über Musik. Zu Beginn erzählte ich ihm, dass ich am Tag zuvor bei Maalem Abdelkebir Merchane gewesen sei. Latif hob die Augenbrauen und grinste. Je mehr ich ihn ansehe, sein schmales, langes Gesicht, seine kleinen Augen, die hervorragenden Vorderzähne, seine langen Finger, die Haltung im Sitzen, der schwarze Kaffee, je mehr erahne ich eine Weite, eine Tiefe zwischen seinen Augen. Er liebe Gnawa, diese Musik berühre ihn en intérieur, er fühle sich sicher mit ihr. Ja, und nur unverstärkt, ‘pas des micros’ (‘keine Mikros’). Darum veranstalte er die Lilas bei ihm zu Hause. Latif sprach von dem worüber ich mir seit ein paar Tagen Gedanken mache bzw. was William Parker etwa als healing force der Musik bezeichnet. Wir haben denselben vibe, vielleicht reden wir deswegen jeden Tag wieder gerne miteinander. Latif fahre jedes Jahr zu der Zeit in der das Gnawa-Festival stattfindet, nach Essaouira, ‘mais pas pour la musique que tu peux voir sur scène.’ (‘aber nicht für die Musik, die du auf den Bühnen siehst.’) In diesen paar Tagen kämen alle Maalems aus Marokko in Essaouira zusammen und parallel zum Festival würden zahlreiche Lilas in Privathäusern veranstaltet. ‘Est-ce qu’ils sont privés ou c’est ouvert?’ fragte ich. ‘Non, c’est fermé, sinon ça sérait comme Jamaa el-Fna.’ (‘Sind die privat oder sind die offen?’ – ‘Nein, die sind geschlossen, sonst wär das wie Jamaa el-Fna.’) Für eine Lila müsse man – nicht nur die Musiker, auch die Gäste – ‘propre’ sein. ‘Pas seulement les vêtements’ (‘sauber, nicht nur die Kleidung’), dabei richtete er sich mit den Spitzen seiner langen Finger den Kragen, es hieße auch: kein Alkohol. ‘Et si je dors avec ma femme avant, je dois prendre une douche, bien me laver.’ (Und wenn ich davor mit meiner Frau schlafe, muss ich mich duschen und mich gut waschen.’) Und eine Ganwa-Lila sei nicht nur Musik und Gesang. Ich fragte Latif was sie sängen, ‘de la poésie ancienne?’ ‘Oui, oui, la poésie ancienne.’ (‘Alte Poesie’) Manche würden neuere Texte einbringen und alles vermischen, das wären aber nicht die vrais gnaoui (die richtigen Gnawa). Eine Lila habe einen Ablauf. Soweit ich verstehe, durch Nabtis Buch und bestätigt durch Latif, haben die Gnawas (wie auch andere Bruderschaften) einen Teil ihrer Zeremonie (den Mittelteil, wenn die Teilnehmer und Teilnehmerinnen die höheren Sphären erreichen) den mluk gewidmet, also Djinns oder Dämonen. Die Gnawas sind die besten Kenner der mluk. Das Wort mluk (Einzahl malk) bezeichnet einen von einem Dämonen/Djinn in Besitz genommenen Menschen. Die Wurzel „mlk“ drückt eine generelle Idee von Besitz aus, sei es eines Dinges, eines Grundstücks oder auch eines Menschen. (vgl. Nabti 2010, p. 272: ‘Selon la croyance, des démons, des jinn-s, peuvent prendre possession des êtres humains : ils deviennent alors des mluk (sing. al-melk). Ce mot est issu de la racine « mlk », qui exprime l’idée génerale de propriété d’une chose, d’un bien foncier ou même d’une personne.’) Die Begriffe sind jedoch nicht scharf voneinander getrennt.

Während der Zeromie werden die mluk nacheinander mit ihren unterschiedlichen Liedern, Rhythmen, Farben und Räucherwerk herbeigerufen. Die Leute, für die diese heilenden Zeremonien veranstaltet werden, seien jeweils von unterschiedlichen Djinns beherrscht. Wie erwähnt, wird jeder Dämon mit einer Farbe, einem Geruch, mit bestimmten Liedern und Rhythmen assoziiert. Nach einer Einstimmungsphase, für die ebenfalls bestimmte Lieder und Gebete herangezogen werden, steigert sich die Intensität der Zeremonie immer weiter. Einmal in der Sphäre der Djinns angekommen, geht der Maleem auf seiner Guenbri die Lieder und Rhythmen der unterschiedlichen Djinns durch, das heißt, er ruft sie herbei. Ein Besessener bzw. eine Besessene reagiert auf die Lieder, die Poesie und den Rhythmus bzw. die Ankunft “ihres/seines” Djinns (dh von dem er/sie besessen ist) sehr stark und das äußert sich im Possessionstanz und Trance. Der danse de possession wird bis zur Bewusstlosigkeit durchgeführt. Wenn dies nicht bis zum Ende geführt wird, kann der Dämon nicht oder nicht ganz besänftigt werden und die Normalisierung des Lebens des oder der Besessenen wird sich nicht einstellen. Manche Djinns fordern mehr als andere.

J’ai vu des choses’ (‘ich habe Sachen gesehen’), sagte Latif und führte seinen linken Zeigefinger zum Auge und zog es leicht nach unten, ‘des femmes, des hommes’ (Männer, Frauen). Man könne Gnawa hören, ja, aber so etwas müsse man sehen. ‘J’ai un ami qui organise des lilas et chaque fois il égorge un chameau’ (‘Ich habe einen Freund, der organisiert Lilas und jedes Mal sticht er dafür ein Kamel ab.’) Er lade immer viele Leute ein, es kämen einige aus anderen Städten, auch bekanntere Leute, extra für diese Zeremonien. Und dieser Freund, der sehr schnell in Trance falle, würde zum voyant (Seher), der vielen der Anwesenden ihre Zukunft voraussage. Dann erzählte mir Latif von seiner Abstammung. Nach einer kleinen Pause sagte ich: ‘Ouais, j’espère que le temps va s’améliorer.’ (‘Mhm, ich hoffe, das Wetter wird besser.’)

Bald blühen die Orangenbäume in Gueliz, Büscheln mit kleinen weißen Blütenballons hängen in Griffweite.

Gestern, nach zwei Milchkaffee mit Latif, folgte ich langsam dem Rat von Roland Keijser, der lange hier gelebt und unterschiedliche Instrumente spielen gelernt hat, und ging in die Rue Dabachi, von der nach einer Weile die Rue Ben Saleh im rechten Winkel nach links abzweigt. Ich folgte ihr und einige junge Burschen riefen mir zu: ‘It’s closed!’ oder: ‘Vous allez où Monsieur? La place est par là.’ Oder: ‘Là bas il y a rien!’ (‘Wo gehen Sie hin?’ ‘Der Platz ist in diese Richtung.’ ‘Dort hinten ist nichts!’) Ich fühlte mich auf dem richtigen Weg, driftete über den Müll durch die Gasse. Vor einer Tür, an der Fotos von Musikern angebracht waren, blieb ich stehen und betrachtete genau deren Gesichter bis von hinten ein Bursche kam der mich freundlich begrüßte. Ich fragte ihn nach Musik. Gnawa, ja. Und ob er Maalem Abdelkebir Merchane kenne. ‘Oui, bien sûr,’ er komme jeden Abend hier her. Ich solle später wiederkommen. Okay, shoukran. Meinen Weg fortsetzend, schlenderte ich in der Blase meiner Vision (‘It’s only important to live within the vision.’ William Parker) und betrachtete noch mehr Fotos von Gnawa- und Aïssawa-Gruppen. Mir fiel das Symbol auf, das mir Roland als Zeichen, dass Musiker und Musik zu finden seien, beschrieb – ‘a small double-headed drum in green & red colours hanging at the entrance’. Am Ende der Rue Ben Saleh ging ich wieder links und dann rechts und folgte einer schmalen Gasse. Dort verlor ich mich, fiel aus meiner Blase, also drehte ich um und ging die Rue Ben Saleh in die entgegengesetzte Richtung. Der Staub der Straße war noch feucht und klebte am Boden. Ich hatte meinen Mut verbraucht, dachte ich, weil ich jene, die mir ganz sicher hätten helfen können nicht ansprechen konnte. Doch: Ich drehte wieder um und schritt zielstrebig auf den Salon de Coiffure am Ende der Straße zu. Ein Typ wollte mich in einen anderen lotsen, ich hatte aber schon eine Entscheidung getroffen.

Zwei alte Ledersessel, zwei Spiegel mit in die Wand versenkter Holzverzierung, blau-weißes Muster auf den Fliesen, zwei Leute, einer stehend, der andere sitzend, blickten mich etwas erstaunt an. ‘C’est pour raser’ (rasieren), sagte ich. Der Coiffeur bat mich auf den rechten Stuhl. Wir redeten und er fragte mich etwas aus, wo ich herkomme und so weiter. ‘Faites-moi un beau moustache’ (‘Machen Sie mir einen schönen Schnurrbart’), bat ich den Friseur, der mich an einen Mitschüler aus der Volksschule erinnerte. ‘Un moustache d’Hitler? Hahahahah!’ (‘Einen Hitlerbart?’) Da war er wieder. ‘Non, rasez tout!’ gab ich zurück, rasieren Sie alles. Er seifte mich ein, lange strich er mir mit dem Pinsel über Kinn und Wangen. Währenddessen versuchte ich mich zu erkundigen, Musik, &c. Sie antworteten nicht gleich, aber ich merkte an manchen Worten, dass sie darüber redeten. Der Barbier öffnete sein Messer und desinfizierte es mit einer Flüssigkeit, die er gekonnt in meinem Blickwinkel entzündete. Der Geruch entfachte einen leichten Schwindel in mir. Während der Rasur fiel ein Name, den ich aus Roland Keijsers Briefen kannte. Ich wiederholte ihn, was zur Folge hatte, dass sie den Bruder, des bereits nach Frankreich ausgewanderten Genannten, herbeiholten. Mit einem Handtuch trocknete er mein Gesicht und seifte mich aufs Neue ein. Der Bruder verließ das Geschäft und kam wieder als ich fertig rasiert war, fast tadellos. Der Coiffeur sagte, ich solle zahlen was ich glaube. Ich gab ihm 20 Dirham, wie ich es bei Abdeltif in Meknes gesehen hatte und sah ihn fragend an. ‘Oui, oui, ça va, c’est pas grave’ (‘Ja, ja, passt, kein Problem’). Dann folgte ich dem Bruder, der mich zu ein paar Musikern brachte, die ich zuvor schon durch eine schmale Tür erblickt hatte: Chahab Marrakech. Les Jeunes de Marrakech. Aïssawi. Sie luden mich ein, am Freitag, 1. März um halb sechs an den selben Ort zu kommen und sie würden mich mitnehmen, ‘là bas il y a une fête!’ (‘Da drüben ist ein Fest!’). Ich verabschiedete mich herzlich bedankend und spazierte mit glänzendem Gesicht meines Weges.

Nachmittag: Das Wetter ist nun besser geworden. In einem kleinen Restaurant bestellte ich einen kleinen Salat, wegen den Roten Rüben, Leber (boeuf) und Brot. Die ganz enge, ca. 40 cm breite, eiserne Wendeltreppe führte in den oberen Raum, der eine offene Tür zum Balkon hatte, wo ein kleiner Griller stand auf dem der freundliche Koch die Leberbrocken zubereitete. Die Sonne schien herein und ich aß ganz langsam und allein, auf einem kleinen Hocker sitzend den Salat und die Leber von den kleinen Tellern, die auf dem sehr niedrigen Tisch standen. Den Tee trank ich nach dem Essen in der der Balkontür stehend, einen Fuß auf dem Geländer, mit dem Rücken an den Türstock gelehnt, die Sonne im Gesicht. Ganz unerwartet ging Delphine mit einem Mann unter mir durch die Gasse. Ich rief nach ihr: ‘Delphine!’ Sie drehte sich um und blickte in beide Richtungen der engen Gasse. ‘Regardes le ciel!’ rief ich. Sie blickte mich an, fixierte mich streng. ‘Viens! Viens!’ winkte ich ihr zu. Mit einem angedeuteten Kopfschütteln und einem nach innen gezogenen ‘ts’ verneinte sie und ihr Begleiter nahm sie am Arm und zog sie endlich weiter.

Mein Weg führte mich weiter in eine Patisserie, in der ein junges Mädchen hinter der Vitrine stand. Sie war in eine dunkelblaue Djellaba gehüllt und ein hellrotes Kopftuch gab nur ihr dunkles Gesicht frei. Als sie mir die mit geschlagener Butter und Walnussflocken gefüllte Erdnussrolle reichte, kamen ihre Männerhände zum Vorschein.

Ich flanierte in den souk, den ich ganz anders in Erinnerung hatte. Diesmal hatte er etwas Traumhaftes, wie so ein Ort, an den man sich immer wieder verirrt, und den man nur im Traum finden kann. An einer Kreuzung entschied ich mich nach links abzubiegen, da vor meiner Nase sieben hübsche, und in einer koketten Art gekleidete, französische Frauen vorbeigingen. Ich ging ganz langsam, an der Patisserie kauend, weiter und schloss nicht auf. Aus der wachsenden Entfernung sahen sie aus wie Mädchen. Ein shopkeeper sprach mich an und wollte mir seine Ware zeigen. ‘Merci, mais je dois ratrapper mes femmes’ (‘Danke, aber ich muss meine Frauen wieder einholen’), sagte ich und zeigte auf die sieben, die er unweigerlich bemerkt haben musste. Er brach in ein lautes Lachen aus, aber meine Ernsthaftigkeit ließ ihn wieder verstummen und mich misstrauisch beäugen. In diesem Rhythmus wanderte ich weiter. Der Mädchenschwarm hielt an, unschlüssig, und ich kam wieder näher, so dass ich Worte wie ‘bottes’ (‘Stiefel’)oder ‘parfum’ hören konnte. Geradewegs bahnte ich meinen Weg durch sie hindurch, vier links, drei rechts.

Etwas später, zu meiner Verwunderung, hörte ich wieder ihr Französisch und mit schnellen Schritten überholten sie mich, drei links, vier rechts und ließen mich hinter sich. Ich schloss abermals nicht auf, holte die Butter-Erdnuss-Rolle wieder hervor und aß in kleinen Bissen weiter, einen Fuß vor den anderen setzend. Nach einer Weile, als wir den souk schon verlassen hatten, passten sie ihren Gang, ca. 10 bis 15 Meter vor mir, an meinen an. Eine von ihnen, mit schwarzen, aufgesteckten Haaren, einer engen, grauen Hose und einem grünen Hemd darüber, drehte sich manchmal zu mir um und während sie ihrer Freundin etwas ins Ohr flüsterte, blickte sie mich an. Sie fing an, mir besser zu gefallen als die anderen. Langsam erschien die Koutoubia über den Häusern und am Gehsteig machte sich ein Gedränge breit. Auf der Höhe der Gärten neben der Moschee machten sie Fotos und ich ging ein weiteres Mal durch ihre Mitte, die letzten kleinen Stücke der Patisserie auf der Zunge. Nahe dem Place Jamaa el-Fna holten sie mich wieder ein und schlossen auf als ich links an der ockerglänzenden Mauer entlangging, um die herunterhängenden hellblauen und violetten Blüten zu betrachten. Schon am Platz, als sie neben mir gingen, mich fast eingekreist hatten, bog ich etwas abrupt nach rechts ab um hier her ins Café Le Glacier zu kommen um zu schreiben. Meine Augen wendeten meinen Kopf leicht zur Seite und ich sah, dass sie mir etwas überrascht nachsahen, ja, fast erschüttert stehenblieben.

Ich wollte hier im Café weitererzählen, von gestern Abend, dass ich in die Rue Ben Saleh zurückgekehrt bin um den Maalem Merchane zu sehen. In der Hand trug ich milles-feuilles, den ersten Biss machte ich, da ich keine Möglichkeit einen Kaffee zu trinken fand, als ich vom Gedränge der Rue Dabachi in die Rue Ben Saleh einbog. Dann aß ich schnell, denn bis zur Tür der Gnawa waren es nur ein paar Schritte. Sie war offen und zwei Männer saßen in dem kleinen Raum auf Polstern entlang der Wände. Der dunklere der beiden schnitt Gemüse in eine Tajine. Ich fühlte mich wie ein Eindringling und stotternd brachte ich mein Anliegen vor. ‘Abdelkebir?’ ‘Oui.’ Der andere, ein großer Araber, un beau gosse, telefonierte und schrie einige Namen durch die offene Tür ins Freie. Dann telefonierte auch der andere, ebenfalls ein beau gosse. Der Araber stand auf und stieg in seine babouche, der andere sagte: ‘Suivez-le!’ (‘Folgen Sie ihm!’) Und plötzlich wurde mein Rhythmus wieder beschleunigt. In einem zügigen Tempo schritten wir zwischen den Leuten durch die Medina. Weil er so groß war, konnte ich gut in seinem Windschatten folgen. Nach einigem Weg bog er in den finstersten Durchgang der Gasse und wir gingen über ein Brett, das über die feuchte Erde und die Lacken gelegt war. Am Ende erschien ein Licht und Stimmen wurden hörbar. An der gemauerten Ecke nach links erblickte ich die ersten Leute. Dann standen wir vor zwei Eingängen in kleine Räume. Im linken saßen mehrere jüngere Leute und diskutierten. Im rechten, in das ich geführt wurde, der Maalem und ein sehr, sehr alter Mann. Ich stellte mich vor und überbrachte Grüße von Abderrahim Amrani und Roland Keijser. Der große Araber nahm die Pfeife des Alten, füllte sie und entzündete den Inhalt. Der Alte rauchte, gab sie dann dem Maalem, der sie fertig rauchte und wieder dem großen Araber reichte. Ich wurde ausgelassen. Der Maalem fragte mich und ich erzählte von mir, mehr als er wissen wollte, denke ich. Ich versuchte freundlich mich zu öffnen. Sein Mobiltelefon läutete und er telefonierte. Der Alte sagte kein Wort, also begann ich die Fotografien an den Wänden zu betrachten. Nach dem Telefonat fragte mich Merchane, ob ich länger in Marrakech sei. ‘Quelques jours, mais je peux revenir’ (‘einige Tage, aber ich kann wiederkommen’), sagte ich. ‘Mhm.’ Er richtete sich seine Kappe und blickte mir prüfend in die Augen. ‘Vous voulez la carte de visite?’ ‘Oui.’ (‘Möchten Sie die Visitenkarte?’ – ‘Ja.’) Keine Arbeit zur Zeit, keine Lilas, ich solle anrufen. Dankend verabschiedete ich mich und ging in die Nacht. Auf dem Jamaa el-Fna weckten mich die Trommeln und der Rauch. Ich war wieder allein und hatte das Gefühl, nichts erreicht zu haben. Zu wem sollte ich noch etwas sagen? Ich war hungrig und müde. Ich wollte Bier trinken, aber nicht in den blöden, teuren Bars und Restaurants am Platz. Ich wollte in eine boutique d’alcool gehen und gekühlte Flag-Bierdosen kaufen, sie in meinem Zimmer aus dem schwarzen Plastiksackerl nehmen, dann aus dem Zeitungspapier rollen und genüsslich mit einem lauten Huster öffnen. Brassens hören und mir meine Melancholie aus den Nieren schwemmen. Das Alleinsein an sich war nicht was drückte, das konnte ich schon als Fünfjähriger ganz gut, Sommerferien hauptsächlich mit mir selber zu verbringen. Es war das Gefühl des Scheiterns und dass ich es nicht mitteilen konnte.

Ich fand kein Geschäft, in dem ich Bier kaufen konnte und da mir meine Fußsohlen schon zu sehr brannten und mir ein Ausflug nach Gueliz ausgeschlossen erschien, kaufte ich mir eine Handvoll Datteln, eine voll Walnüssen und eine voll Mandeln, ging in die laiterie gegenüber und bestellte ein Glas Milch. Die Kombination wirkte und besänftigt dachte ich ans Nach-Hause-Gehen. Ich schlief zehn Stunden, tief und klar, überhörte sogar die Muezzine bei Sonnenaufgang, auf die, nach einer kurzen Stille, die Vögelgesänge folgen. Manchmal konnte ich erst genau in dieser Stille einschlafen.

Freitag, 1. März. Mittag, Hotelterrasse mit Blick über den Jamaa el-Fna.

Die Sonne erwärmt die Stadt, das Pastell ergreift die Menschen. Kinder stürmen lärmend aus der Schule, in der Ferne sehe ich den Atlas. Ich war im jüdischen Friedhof, trat ein, weil das Tor einen Spalt geöffnet war. ‘Vous-êtes juif?’ fragten sie mich. ‘Non.’ ‘Vous venez d’où?’ ‘Vienne, Autriche.’ ‘Ah, vous pouvez faire un tour.’ (‘Sind Sie Jude?’ – ‘Nein.’ – ‘Woher kommen Sie?’ – ‘Wien, Österreich.’ – ‘Ah, Sie können eine Runde machen.’) Wir haben eine große Geschichte mit den Juden, dachte ich. Da war er wieder, Hitler, der mir zu Hause selten, und wenn, fast nur in Zeitungen und Büchern unterkommt. Gehend stellte ich mir vor, wie Menschen systematisch ausgebeutet, ermordet und in Gruben geworfen wurden. Es würgte mich, als ich den überwucherten Wegen durch die Stille folgte. Die meisten Gräber waren ohne Namen, nur niedrige, gemauerte Höcker, manche gekalkt. Auf vielen lagen Steine.

Abend: Kurz nach halb sechs erreichte ich das Ende der Rue Ben Saleh aber fand die Tür der Chahab Marrakech, die mir vorgestern offen gestanden war, heute geschlossen. Ich blickte um die Ecke und da lehnte mein Barbier, mit hinter dem Kopf verschränkten Händen, in einem Sessel vor seinem Geschäft. ‘Ça va?’ ‘Ça va. T’as vu les Aïssawa?’ fragte ich. ‘Ils sont pas là?’ ‘Non, la porte est fermée.’ (‘Hast du die Aïssawa gesehen?’ – ‘Sind sie nicht da?’ – ‘Nein, die Tür ist verschlossen.’) Ich versuchte es nochmal, klopfte an die verspiegelte Tür. Es war niemand da. Dann verabschiedete ich mich vom Coiffeur und langsam schlitterte ich die Gasse zurück, mit meinen Augen auf den Zufall hoffend aber bald lag ich in meinem Zimmer auf dem Bett und tröstete mich mit Lafifs Worten: ‘L’Aïssawa, c’est que du bruit.’ (‘Aïssawa, das ist nur Lärm.’)

Morgen reise ich weiter nach Essaouira obwohl ich nicht viel erreicht habe. Das Scheitern ist immer eine Möglichkeit und Teil des Weges. So wie das Warten, vor allem hier in Marokko erscheint es mir als natürlicher Bestandteil vieler Dinge. So sagte auch Abderrahim: ‘Parfois il y beaucoup de travail, parfois il y a rien et on attend les appelles.’ (‘Manchmal ist sehr viel Arbeit, manchmal ist nichts und wir warten auf Anrufe.’) Momentan finden keine Lilas statt an denen ich teilnehmen kann, erst im Juni. Also sitze ich im Café und trinke Milchkaffee in den ich alle beigelegten Zuckerstücke versenke und denke an den Weisen, der mir einmal sagte: ‘Mach nicht zu viel. Und nur das Gute.’

Samstag, 2. März. Essaouira. Später Nachmittag. Regen.

Müdigkeit und starke Zweifel. Ich fühle mich als nicht mehr denn eine kleine Strömung im Fluss der Touristen, fast sinnlos unterwegs. Ob ich je durchdringen kann zur Musik?

Die ganze Reise kommt mir vor wie ein langsamer Tod. Jede Nacht ziehen Elemente meines Lebens an mir vorüber, ganz unerwartete Kindheitserinnerungen, andere Erlebnisse, von denen ich nicht weiß, ob sie überhaupt wirklich stattgefunden haben, ob ich dabei war. Auch die Stadt hier ist ganz anders als in meiner Erinnerung. Ein dahingezogenes Sterben. Ich schreibe meine Gedichte aber nicht mit Blut, wie William Blake, sondern mit Kugelschreiber. Noch reise ich alleine, I am with Nobody.

Als der Bus in die Nähe des Ozeans kam und die ersten Möwen am Himmel hin und wider segelten, drängte sich sich ein Gedanke in meinen Blick und er wurde hoffnungsvoll: Porto! Ich glaubte sogar ihre Rufe hören zu können und ich sah die schmalen, feinen Häuser vor mir in deren großen Fenstern sich der Douro spiegelte. Dann, der noch bekannte Busbahnhof von Essaouira.

Als erstes werde ich tun worum mich Christiane gebeten hat: den Brief an Abdelrhani und die Mohammed Jimmy Mohammed CD an Kaontar übergeben und sehen, was sich aus diesen beiden Bekanntschaften ergibt. Abdelrhani könne mich zu Maalem Mokhtar Gania führen, schrieb sie mir.

So wie in Marrakech sind auch in Essaouira die Gnawas die wichtigste oder die sichtbarste Bruderschaft. Wie oben bereits erwähnt, befindet sich ihr Ursprung südlich des Atlas und der Sahara. „Les Marocains traditionnels … considèrent le plus souvent les Gnaoua comme les détenteurs de connaissances magiques qu’ils auraient rapporté du Soudan, région mythique qui, selon les représentations collectives communes, serait le pays des esprits redoutables et de la magie.“ (Chlyeh 1998, p. 121). (Die Marokkaner sehen die Gnawas oft als Inhaber von Kenntnissen der Magie, die sie aus dem Sudan mitgebracht haben, der mythischen Region, die nach allgemeinen Repräsentationen das Land der gefürchteten Geister und der Magie darstellt.)

Alle Gnawas berufen sich auf Sidna Bilal als ihren Urahnen. Er ist ein historische Persönlichkeit, die auch unter dem Namen Ibn Hamma bekannt ist. Seine Eltern kamen aus Äthopien und er selbst wurde in Mekka als Sklave geboren. Bilal war einer der ersten Konvertiten zum Islam und wurde ein Begleiter des Propheten Muhammad, mit dem er gemeinsam nach Medina auswanderte. Er war der persönliche Diener Muhammads. Nach der Rückkehr des Propheten nach Mekka, wurde er der erste offizielle Muezzin (vgl. Chlyeh 1998, p. 19-20). Diesem Sidna Bilal ist die zaouia (religiöses und spirituelles Zentrum; auch der Raum, der das Heiligtum umgibt) in Essaouira geweiht und die Gnawas in Essaouira sind somit die einzigen, die über eine heilige Stätte verfügen. Es gibt einen Brunnen, dessen Wasser therapeutische Tugenden nachgesagt werden sowie eine hohe Konzentration von baraka (göttliche Gunst, Segen, gleichzeitig spiritueller Einfluss und übernatürliche Kraft).

In einer zaouia kommen sehr viele Dinge zusammen. Sie ist oft der Wohnort eines Gründers, meist ein Heiliger, einer Bruderschaft bzw. seines Mausoleums, wie etwa bei den Aïssawa in Meknes wo die zaouia rund um das Grabmal von Muhammad ben Aïssâ entstanden ist. Im Falle der Gnawa von Essaouira ist dies nicht der Fall, da Sidna Bilal nach seinem Tod in Syrien begraben wurde. Eine zaouia dient als Ort der Zusammenkunft für die Anhänger/Diszipeln des Heiligen, die die Lehre des Heiligen fortführen, d. h. nach ihr leben, und sie sind auch die Transporteure des baraka des Heiligen und erhalten so die Autoriät, rituelle und therapeutische Aktivitäten durchzuführen. Die therapeutischen Aktivitäten (Possessionsriten) stehen in Verbindung mit Trance. Bei den Gnawas sind dafür einerseits die (männlichen) Musiker zuständig – die Guenbri ist das Instrument, mit dem die Dämonen (Jinns) gerufen werden – und andererseits, die (meist weiblichen) voyantes-thérapeutes, die Seherinnen bzw. Therapeutinnen, die sich um die von Jinns besessenen während der Zeremonie kümmern. Der therapeutische Aspekt ist die Besänftigung der Djinns, die einen bestimmten Menschen besitzen, durch das Trance-Ritual.

Die zaouia ist auch die sichere Lagerstätte für die Instrumente und alle wichtigen Artefakte für die Rituale, sie dient als Schule und als sozialer Ort. Die zaouia ist auch die Stätte, an dem der moussem stattfindet. Ein moussem ist ein saisonales Fest und Anlass für viele Anhänger, sei es der Gnawa, Aïssawa, Hamadcha oder anderen Bruderschaften an eine heilige Stätte zu pilgern um das Fest gemeinsam zu begehen und auch um die primären, Heilung erhoffenden, sowie sekundären, allgemein erhöhenden, therapeutischen Effekte der Darbietungen aufzunehmen. In Meknes findet der moussem der Aïssawa zum mawlid, dem Geburtstag des Propheten, statt und die ganze Stadt transformiert sich in eine Pilgerstadt, in die Touristen aus ganz Marokko sowie aus dem Ausland anreisen um dem Spektakel beizuwohnen. Der moussem in Essaouira beschränkt sich auf die lokalen Gnawas und Anhänger anderer Bruderschaften.

Sonntag, 3. März. Mittag.

Am Weg vom Strand zurück in die Stadt blies mir der Wind die Haare um die Ohren. Einen Schritt lang glitt ich auf einer braunen Bananenschale dahin. Das Buchgeschäft, in dem ich mir Bertrand Hells Buch Le tourbillon du génie. Au Maroc avec les Gnawas suchen wollte, hat heute zu. Franzosen. Das Warten transformiert sich in Müdigkeit und schlechte Laune und die französischen Touristen und Touristinnen sind mir etwas zu zahlreich hier. Ich habe nichts zu tun, einzig widerwillig dem Wind standzuhalten.

Gestern Abend traf ich Abdelrhani, er lud mich zum Essen ein. Wir kauften Zwiebel, Paradeiser und Rindfleisch am Markt. Der Fleischhauer gab – ‘wie immer,’ sagte mein neuer Freund – ein Geschenk dazu: eine kleine Merguez, die wir dann beim Essen gerecht teilten. Wir gingen in ein Lokal in einer schmalen Seitengasse der Marktstraße wo wir unseren Einkauf zubereiten ließen. Abelrhani redete mit seinen Freunden im Restaurant, ich setzte mich an einen Tisch. Unser Einkauf kam in einen zusammenklappbaren Rost, auf den Griller und dann auf einen großen Teller zwischen Abdelrhani, der sich mittlerweile zu mir an den Tisch gesetzt hatte, und mich. Mit einem Stück Brot zwischen den Fingern begannen wir zu essen und zu reden. Er arbeite schon seit über 20 Jahren im Hôtel des Iles, dort habe er auch Christiane kennengelernt. Zehn Jahre älter als ich, werde er sich im April verheiraten. Amina. ‘Amina Myers’, dachte ich. Das Fleisch war faschiert und salzig. Abdelrhani wohne à coté de Mahmoud Gania, er werde sich erkundigen, ob der Maalem in den nächsten Tagen in Essaouira sei. Oder Mokhtar, ‘le petit frère,’ (‘der kleine Bruder’), wie er sagte. Was ich noch heraushörte: Es ist einfach nicht la bonne saison für Lilas. ‘Au mois de juin pendant le festival, oui,’ (es sei nicht die richtige Zeit und ‘während dem Festival, schon’) und in diesem Jahr falle auch das Monat Chaabane teilweise in den Juni, in dem auch jedes Jahr das Gnawa-Festival stattfindet. Chaabane ist das Monat, das dem Ramadan vorausgeht und in dem immer viele Lilas veranstaltet würden. Während dem Ramadan finde nichts statt: ‘Ils touchent pas à leur instrument’, sagte mir Latif, ‘sie greifen ihr Instrument nicht an.’

Wie langsam, ach!, vergehen doch die Tage, wenn einem die Kraft fehlt sie zu nutzen. Das Beschränken auf Gehen, Lesen und Schreiben fordert bald mehr! Die Vorstellung, mich hier ins Warten zu vertiefen rührt an meiner Langsamkeit.

Gestern, nachdem Abdelrhani sein Rad genommen hatte und vers la gare routière (Richtung Busbahnhof) abgefahren ist, wanderte ich durch die Medina, überlegend, ob ich noch in die Bar wolle, die er mir auf meine Frage hin gezeigt hatte. Abgehalten haben mich junge Musiker, deren Musik um zwei Ecken bis an meine Ohren drang. Ich folgte ihr und betrat eine nettes kleines Restaurant in Form eines Schlauches: ganz hinten die drei Musiker: Qraqeb, Guenbri, Qraqeb, alle sangen. Rechts und links der Mauer entlang die Sitzbänke und in der Mitte die Tische, dunkel, Kerzenlicht, nette Menschen. Vor mir saßen zwei Französinnen, hörten sich nach Paris an. Die eine, mit schwarzen Locken an der weißen Wange, drehte sich oft zu mir um, manchmal blickte sie mir länger in die Augen. Wenn ich nickte, wandte sie sich wieder der Musik zu. Manchmal schaute sie auch an mir vorbei und ich schielte ins Kerzenlicht. Die Guenbri ergriff mein Herz. Ich trank schwarzen Kaffee und Wasser, hörte einfach zu, ohne mehr zu wollen, schlief hin und wieder leicht ein und fand mich in mir selbst und dem Sound der Guenbri. Ich meditierte das Unmögliche.

Um circa halb eins war Schluss und die Instrumente wurden eingepackt. Ich ging zum Strand um noch etwas salzigen Wind zu atmen bevor ich mich wieder in meine Vergangenheit, d. h. in meine Träume, begab. In dieser Nacht wurde ich geschüttelt von Lachkrämpfen. Das Bild habe ich noch vor Augen sowie die Pointe des Witzes, den eine Professorin, die ich durch mein Ethnologie-Studium kannte, erzählte. Aber alles drehte sich um ein Wort, das ich nicht mehr weiß, das ich vielleicht nur im Traum wissen kann.

Abend: Ich stehe an Ecken und sehe die Leute an mir vorbeigehen, langsam vergehen die Sekunden. Im Trubel mit geschlossenen Augen höre ich meine innere Stimme: einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig.

Der Regen fällt ganz leise in die Medina. Mich schmerzt jede einzelne Haarwurzel in meinem Körper. Ich bewege mich nur ungern unter der Last der schweren, feuchten Kleider, die an mir kleben. Den Sonntag verließ ich mit niederdrückendem Schlaf, dann mit erhöhenden Gedichten von H. C. Artmann, von ihm selbst gelesen, die ich auf meinem Computer abspielte. Ich ging Aspirin kaufen, nun sitze ich am Bett in meinem Zimmer, in voller Montur, die feuchte Kapuze noch immer über dem Kopf, das Aspirin in mir. ‘Vous avez des problèmes avec l’estomac?’ (‘Haben Sie Probleme mit dem Magen?’) fragte mich der Apotheker. ‘Non.’ In einer halben Stunde treffe ich Abdelrhani.

Eine Stunde später: 20 Minuten und einmal die Marktstraße hinauf und hinuntergegangen, zuerst mit Abdelrhani, der mich zu Kaontar brachte, die ein Mädchen ist, und dann mit ihr den selben Weg, änderten meine Wahrnehmung zu einer positiven. Kaontar führte mich durch ein paar Gassen zu einem Haus in dem eine Lila stattfände. Links und rechts vorm Eingang empfingen uns Musiker. Aus dem Arabischen hörte ich heraus, dass es heute nichts wird, ‘la’, aber ein andermal, ‘inch’allah.’ Auf dem Weg zurück zur Marktstraße sagte Kaontar, dass die Lila abgebrochen wurde weil der Maalem in Trance gefallen sei, aber in vier Tagen finde wieder eine im selben Haus statt. ‘Tu connais Mahmoud Gania?’ fragte sie mich. ‘Oui, bien sûr!’ ‘C’est lui.’ (‘Kennst du Mahmoud Gania?’ – ‘Ja, sicher.’ – ‘Es ist er.’) Und ich könne da so einfach hingehen, erkundigte ich mich. ‘Oui, c’est libre.’ Haha musste ich lachen. Also bleibe ich und kuriere mich. Wir treffen uns morgen um eins wieder und um sechs treff’ ich Abdelrhani beim Fischmarkt – wir werden Fische grillen am Abend bei ihm.

Montag, 4. März. Café Sicilia. Vormittag.

Es regnete die ganze Nacht bis in den Morgen. Um halb neun, etwas die Augen öffnend, war es immer noch dunkel und es donnerte. Trotz der beiden kleinen Vögel, die direkt an meinem Fenster saßen und ausgelassen quietschten, schlief ich noch einmal ein und erwachte etwas später mit einem Sonnenstrahl im Auge. Der Preis für das Licht ist ein klar wehender Sturm, der die Wolken kreuz und quer über den Himmel jagt und mir so stark entgegenblies, dass ich mitten im Gehen stehenblieb. Entweder Regen oder Wind gibt’s hier im März, denn als ich vorgestern zu Abdelrhani erleichtert sagte: ‘C’est bien, le vent s’est calmé,’ antwortete er trocken: ‘Oui, c’est parce qu’il va pleuvoir.’ (‘Gut, dass sich der Wind beruhigt hat.’ – ‘Ja, das ist, weil es regnen wird.’) Meine Haarwurzeln liegen wieder geschmeidiger in meinem Körper, das Warten tut so weniger weh.

Dann wiederfinde ich mich in der Mitte meines Körpers mit der Lust überzuschwappen. Der mit seinem Tagebuch mir zum Freund gewordene Bronislaw Malinowski betritt meine Gedanken, ich sehe sogar den hellgrünen Buchrücken mit dem langsam sich abzeichnenden Knick vor mir: Malinowski. Ein Tagebuch. Ich nehme es in die Hand und suche die markierte Stelle: ‘… kurz, ich bekämpfe die metaphysische Trauer um ‘Vsiekh nye pereybiosh!’ [russisch, wörtlich: ‘Du kannst sie doch nicht alle ficken.’]

Malinowski denkt viel und schreibt viel über Frauen, die weit entfernt sind, ehemalige Freundinnen, die zukünftige Ehefrau, weniger über jene, die mit ihm Raum und Zeit teilen. Ich frage mich, wie viel Einfluss dieses “Denken an” auf sein Verhalten im Feld hatte. Er konnte nicht einfach abreisen, wie ich es kann. Ich kann meine Sachen zusammenpacken und in den nächsten Bus nach Tanger steigen, ein Ticket nach Tarifa kaufen, trente-cinq minutes, und den ersten Bus nach Lissabon und Porto nehmen. Aber nein, ich bleibe. Mittlerweile hat es wieder stark zu regnen begonnen und der Wind zieht mir um die Knöchel und weht Sonnenschirme über den Platz. Ich warte auf Kaontar. Warum bleibe ich? Warum halte ich meine Sehnsucht aufrecht? Warum bin ich überhaupt verreist? Me quedo. Ich bleibe in Marokko und folge den Spuren der Musik. That’s what I wanted.

Hier in Essaouira gibt es viele Touristinnen, weit mehr als männliche Besucher, aber die allermeisten gefallen mir nicht. Und schon immer hatte ich eine Abneigung gegen das Kennenlernen von Mit-Touristen (Reisende ausgenommen). Die marokkanischen Frauen, die mir gefallen, sind durch eine meterdicke, gläserne Wand von mir getrennt und ich habe nicht die Entschlossenheit sie zu durchbrechen.

In guten Momenten dirigiere ich meine Gedanken vers la musique und werde mir des Zum-Warten-verdammt-Seins bewusst. Und akzeptiere, lese und schreibe, folge meinem Stern (gell, Paul?). Die Sonne ist frisch gewaschen (danke, Artmann!) wieder aus dem Regen hervorgekommen und trocknet mir meine gatschigen Schuhe.

Dienstag, 5. März. Mittag.

Aus dem Lebenslauf Arthur Rimbauds, in: Illuminations, Reclam:

1876 April. Rimbaud geht nach Wien, wird dort seines Gepäcks und seines Geldes beraubt und wenig später wegen Landstreicherei des Landes verwiesen.

Kaontar kam nicht um zwei ins Café, wie wir gesagt hatten. Nicht so schlimm. Um vier, Chez Zakaria, war Abdou – ‘toutes les femmes sont mes femmes!’ (‘alle Frauen sind meine Frauen!’) –, den ich bei Abdelrhani kennengelernt hatte, noch nicht da um einen Tee zu trinken, wie wir gesagt hatten. Er arbeitet als Herborist. Eigentlich habe er Tourisme studiert, aber es gebe keine Arbeit. Deshalb habe ihn sein Cousin in seinem Geschäft für ein paar Stunden angestellt. Dazwischen war ich am Fischmarkt und hab mir zwei kleine Thunas und eine Dorade gekauft. Ich ließ sie mir ums Eck mit einem Fenchel und Paradeisern grillen. Als ich unachtsam den Schädel der Dorade zerfledderte hatte ich plötzlich eines ihrer Augen zwischen den Fingern. Ich aß es nicht, aber der bittere Geschmack blieb an meinen Fingern kleben und übertrug sich auf die nächsten Bissen. Nachdem ich Abdou auch dann nicht vorfand driftete ich zum Bab Doukkala um mich in mein Zimmer zurückzuziehen. Zwischen den zahlreichen Menschen erschien ein Lächeln wie jenes der Cashire Cat über einem dunklen Ast in einer warmen Nacht voller goldenem Mondlicht. Es war die schöne Köchin aus dem kleinen Restaurant. Sie ging mit einer anderen weiblichen Person – die ich nicht sehen konnte, sowenig ich die verblassenden Sterne neben dem leuchtenden Vollmond in Marrakech – nahe an mir vorbei und wendete ihr Gesicht leicht nach links, so wie ich, als wir den gleichen Breitengrad betraten. Sie kamen gerade vom Einkaufen.

Mittwoch, 6. März. Essaouira, kleines Städtchen. Café de France.

Immer wieder hört es auf zu regnen aber nie ganz. Die Lacken stehen ausgedehnt in den Gassen und auf den Plätzen. Hier, im touristischeren Teil, als braunes Wasser, drüben, wo ich wohne, in der Marktstraße, die vom Bab Doukkala zum Meer führt, überschlägt sich der Schlamm in den Rädern der Leiterwagerl (chariots) und quetscht sich zwischen den Absätzen der Gummistiefel der Brotverkäufer hervor. Sidi Sisyphos kehrt das Wasser Richtung Kanal und eine allgemeine Akzeptanz blickt aus den Kiosken. Die Touristen haben ihre Gesichter gewechselt. Sind Reisende in der Stadt?

Ich kaufte das Buch Les Gnaouas du Maroc von Abdelhafid Chlyeh in der Librairie La Fibule, die es als einzige führte, obwohl der Verkäufer besser Zigaretten oder Hühner oder Eier verkaufen sollte als Bücher. Im Buch steht: ‘… le Guenbri provient d’une autre origine, les esclaves … l’auraient rapporté du Soudan.’ Ist das mein nächstes Ziel?

Ich erfuhr auch von der zaouia, die innerhalb der Medina liegt. Vorhin suchte ich sie auf und erkannte die Gassen in denen ich mit Kaontor gegangen bin. Die Tür war offen, aber keine Menschen bewegten sich über die Fliesen, deshalb trat ich nicht ein. Die Lila mit Mahmoud Gania findet also in der zaouia statt.

Nachdem ich gestern Abend die Bar, die sich am Ende einer um Ecken gehenden Sackgasse befindet, verlassen hatte, fühlte ich mich angeschlagen. Ein Typ sprach Italienisch mit mir, aber ich verstand fast nichts. Er wollte mir Haschisch verkaufen, aber ich sagte ihm, ich hätte selbst viel besseres – aus dem Libanon. Mich loseisend driftete ich ins Restaurant. Die Köchin, als sie mich sah, begann wieder zu lächeln. Ich tat es ihr gleich, nahm Platz und bekam zwei A4-Zettel in Plastikhülle als Speisekarte. Hunger hatte ich keinen, auch keinen Appetit. Dennoch erhob ich mich und ging zu Amal (ich lernte ihren Namen aus den Rufen ihrer Brüder und Schwestern) und fragte nach einer Kleinigkeit. Ihre jüngere Schwester übersetzte, ebenso lächelnd. Ich entschied mich für einen Tee und eine Harira. Der Abend verlief langsam, wenig Leute, die Musiker spielten, ich war zerstreut. Erst als sich das kleine Restaurant schloss und ich schon bezahlt hatte und beim Eingang stand, führten meine langsamen Bewegungen dazu, im richtigen Moment vor dem Guenbri-Spieler zu stehen. Ich sprach ihn an und wir redeten eine Zeit lang, in der die schöne Köchin neben uns in der offenen Küche das Couscous für die Familie und die Musiker anrichtete. Ich weiß nicht genau, ob er schon als Maalem bezeichnet werden kann, aber er habe schon eine Lila geleitet, in Casablanca. ‘Je ne connais pas tout, je suis encore jeune [circa 35, denke ich], ça fait dix ans maintenant que j’apprends.’ (‘Ich kenne nicht alles, ich bin noch jung, seit zehn Jahren lerne ich schon.’) Bei den Lilas ginge es auch um Trance, ‘mais il y a beaucoup de gens qui font du cinéma.’ (‘aber viele Leute spielen dabei Theater.’) Muhammad ist tagsüber Guenbri-Bauer, ‘ça sont mes outils’ (‘das sind meine Werkzeuge’) mit denen er die Tür des Restaurants repariert hatte. Ich solle am nächsten Tag wiederkommen, dann können wir mehr reden, oder zu ihm außerhalb Essaouiras fahren und er zeige mir sein Atelier, ‘ou pour fumer un joint’. (‘oder wir rauchen einen Joint.’)

Wenn ich vom Schreiben in den grauen Himmel der Stadt aufblicke und Silben bekannter französischer Phrasen an mein Ohr prallen, kommen mir die Stadt und die Menschen unwirklich vor.

In der Nacht kommen die Möwen in die leeren Gassen und teilen sich die Lacken mit den Katzen. Es wäre vielleicht auch tagsüber so, würden die Menschen nicht so viel Tumult veranstalten.

Später Nachmittag: Eine Katze hat vor mir ihren Djinn herausgewürgt. Er hat die Farbe meines gezuckerten Milchkaffees. Etwas alleine erwarte ich den Abend, müde und heiser vom Nichtreden.

Donnerstag, 7. März. Café de France. Mittag.

Der Himmel ist blau, durch den Wind sehe ich den Lacken beim Trocknen zu. Orangensaft und schwarzer Kaffee. Die Touristen kriechen aus ihren Löchern. Gestern: Ich schlitterte von einer Straßenecke zur nächsten, Unterschlupf zu finden und Schutz, lehnte mich hockend an Hausmauern und versuchte mich zu orientieren. In einem Kraftakt entschloss ich mich zum Restaurant zu gehen, eventuell den Guenbri-Spieler Muhammad und die schöne Köchin zu sehen. Die Musiker standen an der Ecke, die zum Restaurant führt, wir redeten (begannen fast wieder von vorne).

Bald darauf saß ich wieder auf einer Bank der rechten Seite des Restaurants und trank süßen Tee. Amal hatte mir sieben große Stücke Zucker beigelegt, von denen ich drei verwendete. Ich dachte an die Französinnen von Marrakech. Die Musiker spielten die Lieder, die sie auch schon die Tage zuvor gespielt hatten. In den Pausen redete ich manchmal mit Muhammad und je mehr seine Augen glänzten, desto unverständlicher wurden unsere Gespräche. Er vergaß anscheinend alles, was wir bereits gesagt hatten. Um circa elf war der Abend zu Ende, alle bereiteten sich zum Essen. Ich bezahlte meinen Tee bei Amal und verabschiedete mich. Sie beeilte sich so, mir eine Karte zu geben, dass einige Münzen zu Boden fielen. ‘Monsieur, carte!’, sagte sie und unsere Finger berührten sich sanft.

Ein Marokkaner, circa 50 oder 60, geht den ganzen Tag durch die Gassen und über die Plätze des Städtchens. Mit der linken Hand hält er seine über die Schulter geworfene Reisetasche, die rechte hält er auf eine resigniert fordernde Weise den Entgegenkommenden hin.

Nachmittag: Ich kann nicht länger hier bleiben, ich muss mich weiterbewegen. Ich bin kein Tourist oder Urlauber und ich bin kein Einheimischer, ich bin ein Reisender (der Unterklasse). Es war ein gutes Gefühl, alle meine Sachen im Zimmer einzusammeln und den Rucksack zu packen und dort stehen zu sehen, auf den freigeräumten Fliesen, nur mehr das Notwendige auf dem Tischchen. Neuer Ort, neues Glück!

Ich weichte die Oberfläche etwas auf, wie der Regen den Boden. Ich drang aber nicht durch. Dafür müsste ich bleiben, mich einleben, die selben Wege noch hunderte Male gehen, tausende dazulernen, vor allem: Sprechen lernen, vernacular, und noch mehr: Verstehen lernen. Und alle meine Anstrengungen und Gedanken geduldig fokussieren um mich vielleicht nach Jahren, die Hand eines Maalem haltend, wiederzufinden. Weil ich aber Reisender bin, werde ich diesmal nicht mehr erfahren als die Ahnung der Macht der Guenbri über den Rhythmus meines Herzens und die Vorstellung eines warmen, farbigen und weichen Raumes als inneren Rückzugsort. So wie ich die Wüste nicht sehen werde und mich mit Sandkörnern in meinen Augen zufrieden gebe. So wie ich vom Ozean nur ein paar Fische in mich aufgenommen habe und nicht in ihm wohnen kann, so bin ich mit den Fingerspitzen der schönen Köchin zufrieden.

And there are so many things I don’t believe I’ll understand / While the days turn into weeks turn into months.

Sonntag, 10. März. Tanger. Café Univers. Abend

Tanger Danger

Hier fühle ich mich ganz richtig, der süße Tee krault mir die Schwere und meine wohlverdiente Müdigkeit wird angenehm.

Montag, 11. März. Café Univers. Vormittag.

Nachholung der Aufzeichnungen der letzen Tage: Noch in Essaouira ging ich in die zaouia um Mahmoud Gania zu hören. Die Musik begann um acht Uhr, ich kam etwas später und fand einen Platz im Hof rechts, an die Mauer gelehnt. Es war keine Lila, nur ein Teil daraus, der circa drei Stunden dauerte. Zuerst spielte Mahmoud Gania mit sechs oder sieben Qraqeb-Spielern, alle in den traditionellen Gewändern. Die Guenbri war verstärkt. Dadurch verlor sie ihre Eindringlichkeit und ich konnte ihren Ruf kaum noch hören. Es klang ein bisschen nach Jimi Hendrix. Nach einiger Zeit machte ein Gnawa mit einem Teeglas, in dem Honig war, die Runde und die Anwesenden – hauptsächlich marokkanische Jugendliche und ein paar Touristen – tippten ihren Finger darein und schleckten ihn ab um das Baraka aufzunehmen. Es folgte eine längere Pause, da es ein Problem zu geben schien.

Danach spielte Abdallah Gania weiter und der ‘rite de possession’ begann. Sie riefen jene Djinns, deren Farbe schwarz ist. Frauen fielen in Trance bzw. tanzten sich in sie hinein und bewegten sich vor den Musikern hin und her. Eine Helferin, eine voyante, die Schwester der Maalems, wie mir ein junger habitué der zaouia ins Ohr flüsterte, bedeckte deren Köpfe mit einem schwarzen Tuch und hielt ihnen von Zeit zu Zeit das Gefäß mit der rauchenden incense der Djinns darunter. Das führte jedes Mal zu einer Intensivierung der Bewegungen. Dann fiel auch Abdallah in Trance. Er wurde zu den tanzenden Frauen gehievt und auch ihm wurde ein schwarzes Tuch über den Kopf gestülpt. Mahmoud nahm die Guenbri und den Platz Abdallahs ein. Nach einer Weile ging die Helferin mit einem Korb durch die Leute und verlangte Geld von den Anwesenden. Ich zahlte und verließ die zaouia um einen Tee zu trinken, den ich körperlich unbedingt notwendig hatte. Als ich zurückkam waren alle verschwunden und alles weggeräumt.

Was habe ich da gesehen und gehört? War das, was da gespielt wurde echt, authentisch? Muss ich mir diese Frage überhaupt stellen? Und wie soll ich beurteilen was echt ist und was nicht? Ich beschließe, mir diese Frage nicht zu stellen und alles, was ich in diesem Fall und sonst auch – gesehen und gehört habe, als echt zu nehmen um nicht auf der Suche nach den so genannten wahren Traditionen bzw. auf der Suche nach einer allgemeinen oder objektiven Realität die Phantasie zu verlieren. All das, was ich in den ethnologischen Büchern gelesen habe, hat mir geholfen, einiges, das passierte, besser zu verstehen, aber es hat auch ein Bild in mir geformt, das ich so nicht wieder auffinden konnte.

Anthropologen versuchen eine genaue Beschreibung dessen, was sie erforschen. Dazu setzen sie sich lange mit den Menschen, deren Praktiken, den Orten und deren Geschichte auseinander. Wenn sie schreiben, versuchen sie kein Detail auszulassen um ein möglichst vollständiges Bild zu vermitteln, indem sie Raum und Zeit verdichten. Ich lese diese Berichte und in mir entsteht eine Vorstellung von den Dingen.

Was ich vorfand waren Bruchstücke, Andeutungen, Erzählungen vom Echten, sowie die Information, dass viele „richtige“ (les vrais) Maalems gar nicht mehr leben. Ich kam auch nicht zum richtigen Zeitpunkt, wie mir letztendlich klar geworden ist. Und nur mit der Zeit können sich die Teile zusammenfügen. Passion & Patience, sagt Joëlle Léandre. Als Reisender halte ich mich aber nicht so lange auf, dass ich initiiert werden könnte. Nicht die Kultur ist am Verschwinden, ich bin es. Die Praktiken – nicht nur der Gnawa, auch der Hamadcha und Aïssawa – sind nicht so leicht zu erfassen, da sie sich ständig verändern. So sagt ein Maalem (Chlyeh 1998: 59): ‘Nous n’avons pas un savoir mais des façons de faire transmises de maître à disciple.’ (‘Wir haben kein Wissen, aber eine Art und Weise etwas zu tun, die vom Meister an den Schüler weitergegeben wird.’) Und weiter: ‘L’apprenti complète le reste à partir du don qu’il possède et suivant des capacités personnelles.’ (Der Schüler macht den Rest, je nach Talent und seinen persönlichen Kapazitäten.) Die Tradition wird nie geprobt sondern nur praktiziert, sie entsteht also durch das Agieren der Einzelnen auf ihre Art und Weise in Interaktion mit der Umwelt. Da gehören Urlauber genauso dazu wie das clientele, also jene Gläubigen oder Anhänger, die sich Heilung erwarten, es gehören Reisende dazu und Ethnologen und Ethnologinnen, das Spielen für Abendgesellschaften im französischen Restaurant sowie bei spirituellen Zeremoien, zu denen Touristen und Reisende keinen Zutritt haben.

Nun war es auch schon zu spät ins Restaurant zu gehen, so schlenderte ich ins Hotel und schlief tief und fest neben meinem gepackten Rucksack. Am darauffolgenden Morgen nahm ich einen Bus nach Casablanca, CTM um im Zentrum anzukommen. In Safi stieg ein freundlicher, circa. 45-jähriger Mann zu und setzte sich neben mich um bald mit mir zu reden. Er hieß Abdallah und wohnt in Bologna mit seiner italienischen Frau und den Kindern, die arabische Namen tragen. Er erwähnte immer wieder Gott und den Propheten und hatte für Aïssawa und Hamadcha nicht viel übrig – ‘ça sont ceux qui boivent de l’eau chaude?’ (sind das die, die das heiße Wasser trinken?). Ich sagte ganz freundlich, dass es mir egal sei, ob diese Traditionen im Einklang mit dem offiziellen Islam praktiziert werden oder nicht und dass ich durch mein Interesse an Musik auf sie gestoßen sei. Jeder für sich, schliefen wir bald ein. Nach einer Pause, die der Chauffeur einlegte, redeten wir weiter. Er sei vor 25 Jahren nach Italien ausgewandert, also lange vor Frontex. Gemeinsam mit einem Freund nahm er den Zug von Safi nach Casablanca, von dort nach Oujda. Sie reisten weiter nach Tlemcen, durch Algerien bis Tunesien. Auf dem Weg trafen sie eine Frau: groß, dick und kräftig, ‘une folle’, eine Verrückte. Sie stahl Mercedes Autos in Italien und exportierte sie bis nach Côte d’Ivoire – ‘c’est une aventure,’ (das ist ein Abenteuer). Und diese Frau nahm die beiden Jünglinge unter ihre Achseln (in den Schwitzkasten). In Tunesien gingen sie in Geschäfte und sie forderte die beiden auf, so viel wie möglich zu stehlen. Dem Freund gefiel das, Abdallah nicht. Einmal saßen sie in einem Café und redeten mit einem Tunesier und Abdallah erzählte von Schwierigkeiten in Algerien. Hinter ihm saß ein Algerier und plusterte sich auf was denn das Problem sei. Gegenüber saß die Frau und begann ihrerseits so zu schimpfen, dass er wieder verstummte und das Café verließ. ‘Elle était forte,’ (‘sie war stark’) sagte er lächelnd, und zeigte mit seiner Hand die Stärke ihrer Oberarme auf dem dem seinen. Dennoch mochte sie Abdallah nicht. Sie fühlte, er würde nie ein Komplize sein. Die Frau legte ihn hinein. Erst bezahlte er das Hotel für alle und die Frau sagte, sie gebe ihm das Geld am Schiff bzw. wechsle das verbliebene gegen europäisches Geld. Kurz bevor sie in Genua anlegten, gab sie ihm Lira und sagte, er solle das am Zoll vorweisen. Die Beamten fragten Abdallah wie lange er in Italien bleiben wolle und er antwortete, ein Monat. Sie sahen das Geld und sagten zu ihm, dass das viel zu wenig sei und er wurde zurückgeschickt. Die Frau und der Freund passierten die Grenze ohne Probleme. ‘La colère!’ (Wut) stieg in ihm auf. Zähneknirschend kam er zurück nach Tunesien und wechselte das Geld, das ihm die Frau gegeben hatte um zu sehen wie viel es es sei – ungefähr acht Euro heute. Mit dem restlichen Geld, das er noch hatte fuhr er nach Lybien um dort Arbeit zu suchen, fand aber nichts und kam zurück nach Tunesien. Nun hatte er fast nichts mehr, aß nur Datteln und schlief in den Parks. Eines Tages hörte er in einem Café Leute reden, dass es Italiener gäbe, die einem das Geld für die Einreise borgen. (Wie der deal aber genau läuft, habe ich nicht herausbekommen). Abdallah sprach diese Leute an, die führten ihn zu den anderen und bald war er auf einem Schiff nach Genua mit dem nötigen Geld im Reisepass. In Genua kaufte er ein Ticket nach Bologna zu einer Adresse, die ihm ein Freund, der auf Heimaturlaub in Marokko gewesen war, gegeben hatte. Er kam um zehn Uhr abends an und fragte in einem Gasthaus wie er genau zu dieser Adresse gelange. Gut, dass der alte Wirt Französisch sprach, er hatte in Frankreich gearbeitet. Abdallah erfuhr, dass es diese Adresse, so wie sie auf dem Zettel steht, nicht gibt. Der alte Wirt brachte ihn daraufhin in ein Hotel und bezahlte die Nacht für ihn. Er sagte zu ihm, er solle am nächsten Tag dort, in dieses quartier gehen, da seien all die Einwanderer. Bald hatte er Arbeit und vier Jahre später, als seine jetzige Frau ihn zum ersten Mal zu ihren Eltern mitnahm, bemerkte er, dass sie ganz in der Nähe dieses Wirtshauses wohnten. ‘Dieu m’a amené tout de suite ici.’ (Gott hat mich gleich dorthin geschickt.) Jetzt habe er ein eigenes Unternehmen und werde von seinen Mitmenschen respektiert, auch von jenen, die sich anfangs gegen einen Marokkaner im Haus gewehrt haben.

Nach ein paar Monaten im Ausländerviertel von Genua rief er zum ersten Mal zu Hause an. Da sich die Eltern der beiden Auswanderer gut kannten, erfuhr er, dass sein Freund mit der Frau in Salerno lebe, ‘à coté de Napoli.’ Sobald er verreisen konnte, fuhr er in den Süden und suchte seinen Freund auf, voller Rage gegen die Frau. Er fand ihn vor, die Frau war nicht zu Hause. Was er gemacht habe, die ganze Zeit? Meistens seien sie in Geschäfte gegangen und hätten gestohlen. Abdallah brachte ihn dazu mit ihm abzureisen. Als sie das Haus verließen, sah er die Frau gerade nach Hause kommen, die aber, als sie ihn erblickte, erschrocken abbog. ‘C’était une folle.’ (‘Sie war verrückt.’)

Nachmittag, vers le port de Tanger: Der Lärm der Städte klopft mich weich und macht mich gleichzeitig hart gegen die Außenwelt. Mir ist klar geworden, dass ich seit meiner Abreise nicht mehr im Ruralen war.

Vor mir ging eine junge Frau vorbei, mit offenem Mund, ohne Zähne und zog eine Fahne von Urin nach sich, noch intensiver als am Morgen, als ich nach schlechtem Schlaf hier Orangensaft und schwarzen Kaffee hatte. Im Hotel ist auch keine Ruhe, dort hämmert schon den ganzen Tag ein Handwerker. Aggressionen, la rage!, steigt in mir hoch. Marokkaner, die mich ansprechen, drehen nach ein, zwei Sätzen wieder ab von mir. Die Müdigkeit macht mich wild. Der Gestank der Frau, die schon wieder vorbeigeht, lässt mich verzweifeln. Die Marokkaner lachen. Ich wünschte, ich könnte es auch.

Trotz allem versuche ich weiterzuerzählen: Beim Aussteigen in Casablanca verabschiedete ich mich von Abdallah und ging meines Weges, nahm ein Hotelzimmer, ließ meine Sachen liegen und betrat den Abend, driftete durchs koloniale Zentrum, fuhr mit der neuen Tram zum Bahnhof Casa Voyageurs und checkte die Zeiten für meine Abfahrt nach Fes am nächsten Tag, da ich von Abderrahim zu einer Lila eingeladen worden bin. Der Hunger wollte nicht kommen, also überlegte ich, Bier zu trinken, dann ein Sandwich zu essen und zurück ins Hotel zu gehen. Ich hatte die Ziffer Drei vor Augen. Nach einigen Straßenecken kam ich an der Maharaja-Bar vorbei, ein oranger Schriftzug auf einer braunen Fassade, ein verspiegeltes Fenster und ein Schnürlvorhang durch den Rauch und Om Kalthoum drangen. Das schien mir genau richtig. Also trat ich ein und rannte gegen den videur, der mich daraufhin freundlich hineinbugsierte. Die Bar war bummvoll mit Männern und Frauen, es war verraucht, unordentlich und laut, aber am lautesten war Om Kalthoum. Ich bestellte ein Stork und hielt mich damit auf der rechten Seite mit dem Rücken zur Wand. Es waren auffallend viele junge Frauen da. An der Bar lehnte ein etwas bleicher, aber feister Marokkaner, der beinahe aus dem Stand umgekippt wäre, aber er erfing sich mit trippelnden Schritten und grinste mit großem Mund übers ganze Gesicht. Das kleine Bier war schnell ausgetrunken. Ich nutzte einen freien Platz an der Bar um noch eines zu bestellen und dann dort stehen zu bleiben. Zu meiner linken der Feistling und rechts von mir, wie ich bald erfahren sollte, Abderrahim, ein ehemaliger fonctionnaire (Beamter) mit gediegener attitude. Wir redeten einfach miteinander als ob wir uns schon ewig kennen würden. Der Typ links von mir begann auch zu sprechen, oder versuchte es, weil er anscheinend mitbekommen hatte, dass ich Vienne gesagt hatte. ‘Ahh Itttlllerr, errr chat gut gemacht!’ und lachte rülpsend mit zusammengebissenen Zähnen. Ich versuchte ihn zu ignorieren. Er wechselte von Bier zu Wein. Abderrahim schüttelte nur den Kopf: ‘Ce n’est pas bien. Il ne sait plus ce qu’il fait.’ (Das ist nicht gut, er weiß nicht mehr, was er macht.) Wir redeten weiter. Dann wieder von links, er hörte nicht auf mich zu buserieren, diesmal auf Französisch: Wie ich’s mit Gott habe. Abderrahim schob mich zur Seite und begann mit dem Feisten auf Arabisch zu schimpfen. Dann war Ruhe und wir konnten uns wieder der Konversation widmen. Er habe zu ihm gesagt, dass er in einer Bar nicht von Gott sprechen solle, es sei schon eine Sünde, Alkohol zu trinken, und dann noch von Gott zu reden! Morgen im Café, ohne Alkohol, könne man über Gott reden, aber nicht in einer Bar. Ich war sicher schon beim vierten oder fünften Bier.

Tanger: Gerade ereignete sich ein Streit. Ein Typ zog ein Messer und attackierte den anderen, avec rage. Ein Dritter schritt ein und beendete den Streit. Der mit dem Messer lief davon und der andere sitzt am Boden, mir kommt vor, er sucht den Asphalt nach Blut ab.

Etwas später: In diesem Moment hörte ich auf zu schreiben, da er aufgestanden war und durch die Leute hindurch stolperte, mit dem Gesicht auf den Boden klatschte und unkontrolliert zu zucken begann. Ich sah ihn dann nicht mehr weil die Leute ihn wieder umringten. Ich zahlte meinen Milchkaffee und ging. Marokko verabschiedet mich mit einem Arschtritt.

Noch später, zurückgezogen in mein hellblaues Hotelzimmer: Ich werde den Uringestank der Frau nicht los, der dem Mord vorausgegangen ist. Mir ist kalt. Ich denke an die Mutter, die ihren Sohn beklagt, an den Vater, der still daneben sitzt. Darüber der Muezzin, der die Gläubigen zum Gebet ruft. Ich denke an meine Eltern, an meine Rippen, durch die ebenso ein Messer in meinen Körper fahren kann. Schnell kann so ein Leben vorbei sein. Es reicht die Dummheit oder die unbändige Wut eines Einzelnen. Ich werde aufpassen.

Ich dachte, Tanger sei mir ein gutes Café um zu schreiben. Ja, eines in dem die Kakerlaken die Wände herunterlaufen und dabei ein klatschendes Geräusch produzieren, eines in dem sich der schwarze Kaffee als mit Blut zubereitet erweist. Ich frage mich nur, warum der Kellner so freundlich war.

Noch später: Autos rasen unachtsam an den Menschen vorbei, es scheint den Fahrern egal zu sein ob sie die Fußgänger verletzen. Ich ging die Straße hinauf und hörte eine wilde Schreierei – Mann und Frau – und vernahm dumpfe Schläge. Eine Menschenmenge hatte sich um den Hauseingang gesammelt. Ich blickte niemanden an, ging sehr rasch meiner Wege zum Boulevard Pasteur um meine Kleidung aus der Wäscherei zu holen. Immer wieder tauchen der fallende Körper und die heftig zuckenden Beine in meinen Gedanken auf. Dieser Körper, dieses Gehirn, das so unerwartet und so widerwillig und so voller Angst sein Leben verliert. Die Geste, ein letztes Aufstehen, ein letztes Torkeln, dann der Fall. Ich sah, wie ihn der andere traf, also abstach, dann wunderte ich mich, dass er keine Verletzung zu haben schien, er stand da und jener, der dazwischengegangen war, redete wild auf ihn ein. Ich schrieb und blickte auf, suchte den Boden nach Blut ab. Nichts. Der Schock hielt ihm anscheinend die Wunden zu. Dann setzte er sich auf den Boden und ich denke, als er das Blut seinen Körper verlassen fühlte, und weil ihm vielleicht klar geworden ist, dass er mit einem Messer zwei oder drei mal getroffen worden war und dass das gefährlich ist, sprang er verzweifelt auf, so als wolle er aus der Situation flüchten, aufwachen aus dem Albtraum. Er torkelte und fiel. Und immer wieder die zuckenden Beine. Wo der andere wohl hingelaufen ist? Zu Freunden? Zu seinen Eltern, Geschwistern? Haben sich die beiden gekannt? Der Getötete ist zerstört. Auch der Mörder? Ist er überhaupt tot? Ich glaubte es zu wissen, als ich ihn fallen und haltlos am Asphalt aufschlagen sah und war mir sicher als seine Beine wie wild ausschlugen.

Dienstag, 12. März. Hafen, am Schiff. Vormittag.

Es regnet in dicken, schrägen Schnüren. Das Blut auf dem Platz vor den Cafés ist wahrscheinlich schon weggewaschen und alle Gangster trinken Tee in ihrer Höhle. Ich ging nicht an der Stelle des Zwischenfalls vorbei sondern wechselte auf halbem Weg die Seite und folgte der Straße hinein in den Hafen. Ich bin froh, auf der Fähre zu sein. Das Leben in Tanger geht ohne mich weiter.

Die Messerattacke riss mich immer wieder aus dem Schlummer, indem es mir in dem Moment, in dem ich ihn zustechen sah, die Luft abschnürte und ich meinen Kopf aus dem Polster riss. Ich blickte um mich und senkte meinen Kopf langsam wieder ins Dunkel des Bettes. Lärm drang durch die Fenster, durch die enge Gasse rasende Autos, Hupen, streitende Stimmen, klagende Musik. Ich krallte mich in die Decken und Leintücher – dann wieder das Zustechen, der Fall, die Beine. Ich weiß nicht, wie ich einschlief aber ich erinnere mich, dass ich mein Denken in die Wiesen und zu den Bäumen rund um mein Elternhaus gezwungen habe. Beim ersten Aufwachen stand ich auf und machte mich fertig abzureisen. J’ai vu des choses.

Spanien. Tarifa. Bodega Taller de Tapas. Nachmittag: Es hört nicht auf zu regnen. Also, zurück nach Casablanca: Ich trank ein Bier nach dem anderen, gemeinsam mit meinem Kumpanen Aderrahim, der mir sagte, er sei 57. Wir unterhielten uns blendend. Der feiste Marokkaner lehnte klein, schief und sprachlos mit der Brust an der Bar. ‘Ici, le Maharaja, c’est un bar populaire,’ sagte mir Abderrahim, es sei nicht teuer und alle möglichen Leute würden hier her kommen. Durch die Lautsprecher rauschte Mohammed Abdel-Wahab. Abderrahim sprach sehr eloquent über die Liebeslieder und wann sie am besten zu hören sind. Fayrouz mochte er noch nie. ‘Elle chante sur les Palestiniens, les Libanais et les Israéliens. Ça ne me regarde pas, la politique.’ (‘Sie singt über die Palästinenser, die Libanesen und die Israelis. Das geht mich nichts an, die Politik.’) Lieber mit einer schönen Frau und einem Getränk in Ruhe Om Kalthoum lauschen. Ich bestellte noch ein Fläschchen Flag Spécial und dann fragte ich ihn, was ich mich selbst schon ganze Zeit über fragte: ‘On m’a dit que toutes les filles qui vont dans des bars sont des putes. Est-ce que c’est vrai?’ ‘Oui.’ (Man hat mir gesagt, dass alle Mädchen, die in Bars gehen, Prostituierte seien, stimmt das? – Ja.) Die Antwort überraschte mich weil mir alles so normal vorkam, Männer und Frauen, jung und alt, standen an der Bar, saßen an Tischen, tranken und redeten, lachten, kannten einander. ‘Toutes ces filles sont là pour chercher de l’argent.’ (Alle diese Mädchen hier sind auf Geld aus.) Aha, was sollte ich da noch sagen. Wenn ich wissen wolle – ja! wie es genau läuft, ‘je te parle ouvertement’ (‘dann spreche ich offen mit dir’): Wenn einem eine gefalle, suche man den Augenkontakt, lade sei ein und rede ein bisschen. Dann werde alles ausgemacht: Welcher Sex, Ort, Uhrzeit, ‘même le prix’ (‘der Preis’). Und dann könne es losgehen. ‘Toutes?’ ‘Toutes.’ (‘Alle?’ ‘Alle.’) Wenn ich interessiert sei – nein! – dann solle ich darauf Acht geben, dass immer ein Marokkaner meines Vertrauens dabei sei, ‘qulqu’un qui connait les méthodes.’ (Jemand, der die Methoden kennt.) Denn wenn sie einen Ausländer sehen, würden sie viel mehr Geld verlangen und vor allem, ‘elles peuvent te voler tes choses, ton téléphone, tes vêtements, même ton passport. Elles n’ont pas des sentiments.’ (Sie können dir alles stehlen, Telefon, Kleidung, sogar den Reisepass. Sie haben keine Gefühle.) Ich versicherte ihm, dass ich kein Interesse hätte und erzählte ihm von der Köchin in Essaouira, fragend was ich tun könne in so einem Fall. ‘Rien,’ und ‘il faut qu’un marocain de ta confiance soit avec toi.’ (Nichts. Und es müsse ein Marokkaner deines Vertrauens dabei sein.) Abderrahim ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und manchmal ließe er sich mit einer ein. ‘Elles me respectent’ (‘Sie respektieren mich.’) Zwischendurch ging ich einmal die Wendeltreppe hinauf aufs Klo. Am Rückweg stellte sich mir ein Mädchen, eher klein und mit Zahnspange, in den Weg. Sie hielt mich an und forderte mich auf, ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. Ablehnend strich ich ihr mit dem Handrücken über die angedeutete Stelle und stieg wieder hinab. Sie kam zu uns an die Bar und redete mit Abderrahim. Er übersetzte mir, dass sie mich liebe. Sie sagte: ‘Tes yeux! Je t’aime!’ (‘Deine Augen, ich liebe dich!’) und forderte wieder einen Kuss. Ich lehnte wieder ab und sog an meinem Bier. Sie himmelte mich an und bleckte ihre Zahnspange. Abderrahim übersetzte mir weiter, dass sie zwar klein sei, aber im Bett hätten alle die selbe Größe. Sie machte dazu mir unverständliche Zeichen mit ihren kleinen Fingern. Ich sagte zu ihr, dass ich bald schlafen gehen werde. Daraufhin schrieb sie mir ihre Telefonnummer auf eine umgedrehte Visitenkarte, auch ihren Namen, Fatima Zahra, und ‘je t’aime.’ Ich wandte mich an Abderrahim und bat ihn zu übersetzen, dass ich nicht anrufen könne, da ich nach Fes fahren würde um Blumen für sie zu kaufen. Sie gab nach und da sie so klein war, verschwand sie schnell wieder im Tumult. Andere, größere und ältere Frauen kamen auch noch zu uns an die Bar, insistierten aber nicht so. Abderrahim sagte: ‘Maintenant tu connais le Maharaja. Veux-tu voir un autre bar plus chique?’ ‘Oui, bien sûr.’ (Jetzt kennst du das Maharaja. Möchtest du noch eine andere, viel chiquere Bare sehen? – Ja, na sicher.) Zehn, zwölf Fläschchen hatte ich sicher schon getrunken, ich fühlte mich großartig. Die nächste Bar war nicht weit mit dem Taxi. Wir enterten den hell beleuchteten Eingang. Oben war Restaurant, alle kannten meinen Saufkumpanen und schüttelten ihm die Hand, danach auch mir. Wir gingen rechts die Stufen hinunter. Ich zögerte da ich dachte, Abderrahim gehe auf die Toilette. Er drehte sich um und winkte mir: ‘Viens!’ und öffnete eine davor nicht sichtbare Tür und wir passierten die Schwelle vom hell beleuchteten Weiss ins verrauchte Dunkel des mittleren Teils. Wieder Händeschütteln. Die mit Teppichen ausgelegte Bar war voll mit jungen und schönen Leuten, die tranken und shisha rauchten. Hier verschwimmt meine Erinnerung ein wenig. Ich trank nur Bier, für Abderrahim zahlte ich zumindest ein Cola-Whisky und musste lachen als ich merkte, dass mein neuer Freund, marocain de ma confiance (Marokkaner meines Vertrauens), auch fett wie ein Radierer war und ihm die Haare wie elektrisch in die Höhe standen. Ich fragte ihn, ob auch hier in diesem teuren Etablissement all die hübschen und gut angezogenen Frauen nur auf Geld aus seien. ‘Oui.’ Wir gingen erst als wir kein Geld mehr hatten, nur mehr fürs Taxi ins Hotel. Ich ging noch duschen.

Mittwoch, 13. März. Granada, Calle Elvira, El Cascabel.

Nette Bar mit Django Reinhard Jazz und Pension, also blieb ich gleich hier. Die Lady hinter der Bar erinnerte mich sofort an die eine Conchita, cet obscur objet du désir, mit ganz dunkel geschminkten Augen und einer roten Rose in den schwarzen Locken. Es ist Abend geworden, ich trinke ein Estrella und denke an meine Freunde in Galicia. Von der Bar wanderte ich zu einem Tisch mit Leselampe um weiterzuerzählen: Am Morgen, noch leicht betrunken, fuhr ich zum Bahnhof Casa Voyageurs und kaufte mir ein Ticket nach Fes. Auf der Fahrt wechselten sich Schlaf und Schädelweh ab, beim Aussteigen hörte beides auf. Mit dem Taxi fuhr ich zum Bab Batha, aß ein Lebersandwich und rief Abderrahim an. ‘Attends à la Poste, quelqu’un vient te chercher, un peu noir avec un jellaba blanc.’ (‘Warte bei der Post, es kommt dich jemand abholen, ein bisschen dunkel, mit einer weißen Jellaba.’) Mit dem, der mich abholte, sprach ich kein Wort, wir wechselten nur ein Handzeichen, dann folgte ich dem Jungen immer ein paar Schritte hinter ihm, zu dem Haus in dem gespielt wurde – in einen hellblau/hellgrün/weiß gekachelten Innenhof mit Springbrunnen in der Mitte und Palmen, deren Stämme am Boden von Mosaiken umrandet waren, Farnen und halbblühenden Orangenbäumen. Die Musiker begannen in dem Moment, als ich mich müde und verkatert neben meinem Rucksack auf den Boden hockte. Ich schloss die Augen, der Rhythmus nahm mich aufs Tablett und ein Kellner trug mich mit erhobenem Arm durch die Anwesenden ohne irgendwo anzukommen. Es war keine Lila sondern eine Nachmittagsveranstaltung fürs American Center. Abderrahim, Frédéric, Abdeltif und noch ein paar andere spielten klassische Aïssawa-Rhythmen und ein amerikanischer Student Abderrahims erklärte die komplexe Abfolge der Schläge. Nachdem alles vorbei war, gab es nochmal Tee und Patisserie, die Leute mischten sich, begrüßten die Freunde, die erst während dem Konzert gekommen waren, es standen alle herum wie bei einer Vernissage. Ich überlegte, nach Tanger zu fahren, doch Abderrahim überzeugte mich zu bleiben. Als wir gingen, drückte er mir eine Tasche mit Instrumenten in die Hand, ich nahm sie ganz automatisch. Er ging schnell voraus und ich folgte ihm, wir redeten nicht. ‘L’élève devient son serviteur en toutes circonstances selon le modèle confrèrique, le disciple exécute alors pour son maître (cheikh) les tâches ordinaires de la vie quotidienne telles que réchauffer l’eau de ses ablutions rituelles, porter les intruments de musique, etc. Il recueillera ainsi la bénédiction et la baraka de son maître’ (Chlyeh 1998: p. 49). (‘Der Schüler wird sein Diener unter allen Umständen, gemäß dem Bruderschafts-Modell. Der Diszipel erledigt für seinen Meister (Scheich) die normalen, alltäglichen Aufgaben wie das Wärmen des Wassers für die rituellen Waschungen oder das Tragen der Musikinstrumente, etc. So geht der Segen und das Baraka des Meisters auf ihn über.’)

Ich dachte, wir würden nach Hause gehen, aber wir gingen ins Café, wo wir uns zum ersten Mal getroffen hatten und sonst auch immer wieder waren, wenn wir einen Kaffee tranken. Dort bezahlte er die Musiker, die einer nach dem anderen vorbeikamen, mit Handschlag aus. Später folgte ich ihm, die Instrumente tragend, auf dem langen und um hunderte Ecken führenden Weg durch die Medina zu seinem Haus. Im Gehen dachte ich: Bis jetzt war ich ein guter Schüler, ich nahm alles so wie er es machte, und machte alles so wie er es erwartete, ich stellte keine Fragen und enttäuschte ihn auch nicht in delikaten Momenten.

Wenn man sich auf so ein Verhältnis, wie es sich mir angedeutet hat, einlässt, wird man – in meinem Fall – zum Diszipel. Man folgt und beobachtet den Meister. Es wird nichts direkt vermittelt, es wird vorgemacht oder angeschafft. Und mit der Zeit lernt man. Da aber oft lange nichts passiert, ist es wichtig, viel Zeit miteinander zu verbringen, vielleicht auch um das richtige Timing zu erlernen. Bald agiert man so wie der Meister, aber nur wenn er nicht anwesend ist (wie ich beobachten konnte). Ist er präsent, folgt man. Der Schüler gibt sein Ego auf. Dorthin fühlte ich mich schon etwas geleitet und ich mochte dieses Gefühl gar nicht. Dann sagte Abderrahim: ‘Tu as un visage religieux.’ (‘Du hast ein religiöses Gesicht.’)

Donnerstag, 14. März. Placa del Triunfo, Café Oriente. Mittag.

Der Himmel leuchtet kaltblau. Das Café am Platz gehört einem Marokkaner, der Kaffee ist gut, auch die Patisserie. So verschwimmen die Grenzen.

Am Tag darauf reiste ich aus Fes ab und kam nach Tanger. Ein paar Herumstehende begrüßten mich mit ‘otra vez?’ oder ‘still here?’ Ich wollte weder nachfragen noch überlegen, was das zu bedeuten hatte. Wahrscheinlich nicht viel. Es wurde dunkel vorm Kleinen Prinzen und hinterm Boulevard Pasteur standen Ibrahim und der ältere Marokkaner, dem der Bücherstand zu gehören schien, an ihrer Ecke. Ibrahim erkannte mich schon von der Weite und winkte erfreut: ‘Monsieur Philippe!’ Wir redeten und der Alte hörte zu. ‘L’Anthologie du Lapin est vendu,’ (‘die Anthologie du Lapin ist schon verkauft’) waren die ersten Worte die er an uns richtete. Und daraufhin wurde er sehr gesprächig, dozierte über Weltpolitik und Weltwirtschaft, über die Deutschen, die Franzosen und die Amerikaner und die Chinesen. ‘Les chinois ont détruit le marché. Ils sont responsable pour la crise. Tu sais pourquoi ils viennent au Maroc? Pas pour faire du tourisme! Ils achètent l’artisanat pour le copier et le vendre pour rien. Mais si tu achètes par exemple des babouches chinoises, tu peux les jeter après trois jours. Il faut le dire: Ils sont des escrocs!’ (Die Chinesen haben den Markt zerstört. Sie sind für die Krise verantwortlich. Weißt du, warum sie nach Marokko kommen? Nicht wegen Tourismus! Sie kaufen das Kunsthandwerk um es zu kopieren und dann für nichts zu verkaufen. Aber wenn du dir zum Beispiel chinesische Babouches kaufst, kannst du sie nach drei Tagen wegschmeißen. Man muss es sagen: Sie sind Betrüger!) Der alte Marokkaner hat den jungen Einwanderer unter seinen Flügel genommen, dachte ich. Er lehre ihn, denn Ibrahim hörte jedes Mal aufmerksam zu und wiederholte brav, was der Alte sagte. Ein guter Schüler. Aber ich denke, wenn er die Möglichkeit hat zu gehen, wird er es tun. Er ist kein disciple, und ihr Verhältnis ist nicht religiös/sakral.

Schade, dass die Anthologie du Lapin schon verkauft war, es wäre ein schönes Geschenk für meine Komplicin zu Hause gewesen. Ich verabschiedete mich damit, am nächsten Abend wiederzukommen, was ich aber nach der Messerstecherei an dessen Nachmittag nicht tat.

Hier ist es ruhig. Granada ist nicht so wild. Nur ein paar Gaukler stellen gefährlich ihre Dreadlocks. Um sechs treff’ ich Marta.

Sonntag, 17. März. Madrid, Taberna de los Conspiradores. Mittag.

Kommst du aus einer ausweglosen Ratlosigkeit oder aus einem wahren Herzensgrund?’ fragte mich Artmann. Aus beidem, denke ich.

Erinnerung an die Busfahrt von Algeciras nach Granada Mitte der Woche: Es war viel Platz und wenige Passagiere, die Sitze in großzügigem Abstand voneinander. Ein älterer Marokkaner kam mit einer jüngeren Marokkanerin in den Bus, sie ging entschlossen auf den Doppelsitz vor mir zu und sie setzten sich. Die junge Frau, so wie ich, auf der Fensterseite, der ältere auf der Gangseite. Der Bus fuhr los und bald lehnte sie sich ans Fenster und drehte sich zu mir um mich anzusehen und anzulächeln – immer nur kurz, damit der Mann, der ihr Vater oder ihr Ehemann hätte sein können, nichts merkte. Ich hatte mich zum Schlafen in den Sitz gedrückt und meine Knie standen nahe an den Vordersitz. Sie lehnte sich wieder ans Fenster und ließ ihren Ellbogen ganz langsam gegen mein Knie gleiten. Ich spielte mit und ließ es dort, oder: empfing die Berührung mit meinem brennenden und von Unberührtheit geschändeten Körper. Erst als ich mich leicht bewegte, zog sie ihren Arm zurück und setzte sich wieder gerade in den Sitz. Dann tat sie als schminke sie sich und hielt ihren Spiegel in einem Winkel in die Höhe, in dem sie mir in die Augen blicken konnte. Der Alte merkte nichts, sagte nur manchmal etwas zu ihr auf Arabisch. Dann holte sie ihren Fotoapparat hervor und tat als fotografiere sie sich selbst im Sitz, aber ich blickte genau in die Linse und lächelte – soweit ich dazu imstande war. Nach einiger Zeit, in der ich etwas die andalusische Landschaft verschlief, wachte ich wieder auf weil wir die Autobahn verließen und in eine Stadt kamen, ich glaube Malaga. Die junge Frau lehnte wieder am Fenster, diesmal so, dass die Finger ihrer linken Hand unter ihrer rechten Achsel zum Vorschein kamen. Als wir zum Busbahnhof einbogen, streichelte sie mir übers Knie bevor sie sich wieder gerade hinsetzte. Es stiegen so viele Leute zu, dass sie aufhören musste.

Kam ich nach Madrid aus einer ausweglosen Ratlosigkeit? Oder bin ich dorthin unterwegs? Seit meinen Tagen in Tanger, scheint mir die Umwelt plötzlich verstummt, die Orte sagen mir nichts mehr, ich finde nichts Poetisches und wenig Gutes – das Gute, das ich in allem suche. Die Menschen sind mir weit. Gut, dass ich Marta schon in Galicien kennengelernt habe, in Granada wäre das nicht passiert. Mit ihr redete ich gerne und fand viel Gutes.

Später: Taberna Albanda. Ausweglose Ratlosigkeit, na ich weiß nicht. Ich weiß auch nicht, was der nächste Schritt bringen wird: Ob mein schöner brauner Lederschuh auf Hundescheisse dahingleiten wird, ob ich bis zu den Knöcheln in eine Lacke steigen werde, ob mir eine Mitstreiterin hineinrennt oder ob, wie in der letzten Stunde in Granada als ich um den Bahnhof geisterte und mir meine Wasserflasche hinuntergefallen ist, ein kleiner Bub mit großen braunen Augen mir beistehen wird. Er löste sich von seinen Eltern und der etwas älteren Schwester, lief mir entgegen, hob die Flasche auf, reichte sie mir und blickte mich freundlich und etwas erstaunt durch seine kindlich-verschmierten Brillengläser an.

Obwohl ich mich schon an das Leben aus dem Rucksack gewöhnt habe, konnte ich noch keine schützende Routine entwickeln, in die ich mich in Momenten des größten Zweifels zurückziehen kann. Mich am Feuer Alkohol zu wärmen scheint mich öfter zu zerstreuen als es mich zusammenkehrt. Denn trinkend akzeptiere ich und frage mich nicht mehr was ich will. Es umschließt mich also weder eine Routine, aus der es auszubrechen gilt, noch habe ich ein Ziel, das ich verfolge, wie etwa in Marokko. Also tue ich fast nichts, mich fragend: Was ist in mir? Es ist harte, einsame Arbeit, da ich seit einiger Zeit, ganz anders als noch in Lissabon und Porto zu Beginn meiner Reise, gar kein Gefühl mehr dafür habe, wie ich mich Menschen nähern kann. Ja, ich weiche ihnen sogar aus. Und wieder frage ich mich: Warum diese Reise? Ich führte weder ein mechanisches Leben noch glaubte ich irrzugehen, ich hatte Pläne, die ich aber verschob um diese Reise zu machen. Wenn ich mich richtig erinnere, wollte ich unbedingt verreisen, mich retten, dachte ich damals sogar. Aber ich bleibe ich selbst. Wenn ich mich dort (daheim) nicht retten kann, kann ich es hier oder woanders auch nicht, also fange ich sofort an, mich zu retten, oder? Darum frage ich mich und die Antwort ist unmöglich: Was will ich? Aber die Frage entwickelt mich, sie brachte mich bisher dazu, das mechanische Leben so weit wie möglich zu vermeiden und zwang mich auf diese Reise. Ich denke im Kreis. Nein, in Spiralen.

Die schönen Dinge in Granada: Ich sah eine junge Kastanie auf dem Weg hinauf in die sonnige Alhambra, die vielleicht schon alle Blätter für heuer heraußen hatte. Mit Marta saß ich lange beim ausgebrannten Kloster hinterm Sacramonte. Wir tranken Limonade und ließen unsere Füße von der Mauer in die Tiefe baumeln. Ich erzählte ihr von den cigarras, die so laut waren in der Stille, als ich hier vor sechs oder sieben Jahren an einem Nachmittag im August alleine hinaufstieg und dass ich jene in meiner Nähe durch Händeklatschen für eine Weile zum Verstummen bringen konnte. Sie erzählte mir von ihrem Vater, der damals beim Zelten zu ihr gesagt habe, schau, er habe ein Moped. Und die typische Geste des Gas gebens ausführend, begann die Grille zu zirpen.

Marta erzählte mir auch von ihrer Großmutter, die ihr viele Weisheiten weitergebe und die sie sehr gern habe. Was mir in Erinnering blieb: Cada oveja con su pareja. Wie einfach könnte es sein, das Leben?, dachte ich, wenn ich ein Schaf wäre. Aber dieses Sprichwort drückt ganz viel Liebe und ein “gerettet sein” aus – wenn ich es aus Martas Mund, in Gedanken an ihre Großmutter, höre. Aus dem Rachen eines Pfarrers, hörte es sich eher nach einer Drohung an.

Werke:

Chlyeh, Abdelhafid (1998) Les Gnaouas du Maroc. Itinéraires initiatiques, Transe et Possession. Éditions La Pensée Sauvage. France.

Malinowski, Bronislaw (2003) Ein Tagebuch im strikten Sinne des Wortes. Neuguinea 1914-1918. Verlag Dietmar Klotz. Eschborn.

Nabti, Mehdi (2010) Les Aïssawa. Soufisme, musique et rituels de transe au Maroc. Harmattan. Paris.

Parker, William (2007) Who owns music? buddy’s knife jazzedition. Köln

Rimbaud, Arthur () Illuminations. Reclam. Leipzig.

CD: Artmann, H. C. (1998) Edition Radio Literatur. ORF. Wien.

Lyrics:

Mike Newbury/Bonnie ‘Prince’ Billy () I came to hear the music.

Film:

Alberte Pagán (2010) A Pedra do Lobo. Galiza.

Alejandro Jodorosky (1967) Fando y Lis.

Übersetzungen: eigene

Advertisements