Norbert Flaubert am 14. April 2017

Giradella kam wie immer 25 Minuten zu spät. Das hatte sie sich angelernt, denn ihr Schweizer Sinn für Präzision war ihr etwas peinlich geworden. Aber das machte mir nichts, mir gefällt es ja im Café Korb und außerdem hatte ich ein Buch mit und konnte den Discurso de Estocolmo, Pablo Nerudas Nobelpreisrede, nachlesen: “Digo que los enemigos de la poesía no están entre quienes la profesan o resguardan, sino en la falta de concordancia del poeta. De ahí que ningún poeta tanga más enemigo esencial que su propia incapacidad para entenderse con los más ignorados y explotados de sus contemporáneos; y esto rige para todas las épocas y para todas las tierras.” (Explico algunas cosas. 2007. Reclam. Stuttgart). Ich übersetze zum besseren Verständnis ins Deutsche: “Die Feinde der Poesie sind nicht unter jenen, die sie ausüben oder bewahren sondern in der fehlenden Konkordanz des Poeten. Daher gibt es für den Poeten keinen essenzielleren Feind als seine eigene Unfähigkeit, sich mit den Ausgestoßenen und Ausgebeuteten seiner Zeitgenossen zu verständigen; und das gilt für alle Epochen und alle Gegenden.”

Ich und viele andere auch bemerkten Giradella sofort als sie das Café betrat. Wie immer tat sie, als sei sie im Streß und als hätte sie lauter wichtige Dinge in ihrer viel zu großen Tasche. Ich vermute, das Brauchbarste darin war ihr Schweizer Messer. Ich stand auf, wir küssten uns auf beide Wange, ich schmatzte dabei laut und genussvoll, sie fragte mich warum ich das tue. Ich fragte sie, wie es ihr gehe.

Gut. Danke. Und dir?

Blendend. Hast du was von Frederyk gehört?

Ja, wir haben uns letzte Woche getroffen. Er hat sich zwei Finger verstaucht, aber sonst scheint es ihm gut zu gehen. Er arbeitet jetzt für die Kunsthalle. Ein Bekannter von ihm kennt da jemanden. Und mir ist er auch nicht mehr böse.

Das ist gut. Was macht er denn in der Kunsthalle?

Ich weiß nicht genau. Darüber hat er sich nicht so ausgelassen. Aber er hat mich wieder einmal beschimpft. Weil ich noch immer für Foodora arbeite.

Echt? Was hat er gesagt?

Er hat gesagt, ich sei eine Streikbrecherin.

Aha. Ich glaube zu verstehen. Aber erzähl, was hat er gemeint?

Na, er sagt, dass alle, die solch unterbezahlte Arbeit machen, Streikbrecher seien. Alle die sich ausbeuten ließen und sich selbst ausbeuteten. Denn der Normalzustand diesem System gegenüber, dem wir alle gemeinsam ausgeliefert seien, wäre der Streik. Durch das Mitmachen würden die Verhältnisse weiterhin legitimiert und es würde nie zu einer Veränderung kommen. Höchstens zu einem Crash. Und er warf mir auch vor, dass ich diese Arbeit nur machen könne, weil ich noch einen Zuschuss von meinen Eltern bekomme, sonst würde ich nicht davon leben können, oder nur sehr schlecht.

Da hat er ja recht.

Ja, schon. Aber ich muss mich doch beschäftigen und mir gefällt der rosa Anzug. Und immerhin ist es positiv für die Umwelt, weil wir ja alle mit dem Rad fahren.

Ihr seid Kellner auf Rädern. Wieviel kriegst du auf die Stunde? Ein Kellner kriegt laut Kollektiv 7 Euro auf die Stunde und der muss nicht kilometerweit servieren. Schau, der hier hat einen schönen Anzug an, darf manchmal einen anschnauzen und kriegt gutes Trinkgeld.

Ja. Ich hab jetzt einen neuen Freund. Der sieht zwar nicht so gut aus wie der Freddy und ist auch nicht so gescheit, aber er passt besser zu mir.

Arbeitet der auch bei Foodora?

Nein, er studiert noch.

Was?

In dem Moment kam der Kellner und nahm Giradellas Bestellung auf. Ich blickte durchs Fenster auf die Straße und sah einen Radfahrer mit einem rosa Würfel auf dem Rücken in die Brandstätte einbiegen.

Norbert Flaubert am 24. März 2017