August in Wien

Es muss der Saharastaub sein, der mir so in den Augen brennt. Wenn ich mich längere Zeit in geschlossenen Räumen aufhalte, verlässt er sie wieder, in meinen Tränen, die er trübt wie das Sonnenlicht, wenn er in Böen übers Mittelmeer geblasen wird. Sie dämmert, die Konturen des Café Malipop werden klarer je dunkler es draußen wird. Das Verschwommene des halb-acht-Uhr-Lichts weicht der klaren Unterscheidung zwischen elektrischem Licht und nicht elektrischem Licht. Im elektrischen Licht: schwarze Lederbänke, schwarze Kaffeehaussessel, Kaffeehaustische, helle Tischplatten, viele Jahre in der Luft. Die Musik, die von der Chefin, Mina Harker, aufgelegt wird, verstärkt die Unterscheidung zwischen draußen und drinnen – es läuft freundlich-düstere Rockmusik. In diesem Moment wechselt Mina die Platte und die paar Gäste zögerten in ihren Gesprächen und ich hörte das Vinyl in die Papierhülle gleiten.

Mein Wunsch nach Monogamie vanished. Plötzlich habe ich Lust darauf mit vielen mehr Frauen zu schlafen als ich schon habe. Mein Wunsch nach einer Beziehung, Mann und Frau, verliert sich in meiner Realität, Mann und Frauen. Meine Frauen sind: Ingeborg Bachmann, Friederike Mayröcker und Brigitte Fontaine. Ich liebe sie. Ich verzettele mich zwischen ihnen und meinen Notizen. Ich weiß nichts über ihr Leben, es gibt nur die unmittelbare Gedankenverbindung, Gedankenliebe, keine Vergangenheit und keine Zukunft, wie mit den Rehen, die mir von Zeit zu Zeit hineinlaufen – nur Vornamen! Oder erfundene Tangonamen.

Gegenüber des Café Malipop steht das Haus Ungargasse 9, in dem Ivan gewohnt hat, der Mann, der mit Ingeborg – ich schreibe einfachheitshalber Ingeborg – gespielt hat, auch Schach. Ingeborg meistens kopflos, froh, hin und wieder ein Patt zu erreichen.

Gerade kamen vier leicht bis stark betrunkene Männer herein, der letzte ließ die Eingangstür offen, die das Mädchen, das an der Bar sitzt, wieder geschlossen hat. Mina war gerade nicht zugegen und der letzte und betrunkenste der vier, rauchend, nahm sich ihren Aschenbecher. Als sie zurückkam ging sie an den Männertisch und sagte: ‘Wie ich sehe, haben Sie sich schon selber bedient. Bitte.’ Einer bestellte ein Krügel und sie vollendete: ‘Für Sie auch, für Sie auch und für Sie auch’, wandte sich um und ging einschenken. Als sie dann einer duzte, fragte sie: “Sind wir verwandt?” Der Mann verstand nicht, fragte: “Was meinst du?” und sie sagte nochmals: “Sind wir verwandt, weil Sie du sagen?”

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So viele Blitze heute, kein Saharastaub in meinen Augen. Ich musste nochmal raus, wohin gehen, obwohl es schon spät war und regnete. Der Gang die Ungargasse herunter war ein romantischer, so geschützt, geborgen (ingeborgen) unter meinem grünen Regenschirm. Ich dachte Melanie zu treffen, im Malipop oder gehend in der Ungargasse, Höhe Posthorngasse, kommend aus der Hacke, oder der Bude, wie sie sagt, in der sie kellneriert, serviert, die Leute bedient, die Patienten, wie sie sagt. Vielleicht kommt sie noch. Ich hoffe, denn sonst sitze ich wieder alleine hier wie gestern und sonst auch oft. Mina erkennt mich klarerweise wieder und ich denke mir sie wird sich denken. Nur ist es immer nicht so, immer nicht notwendig so zu denken.

Melanie redet gerne mit mir, hab’ ich das Gefühl, sie erzählt, ich höre zu und sehe sie an. Ihre Stimme gefällt mir gut. Eigentlich sei sie dunkelblond und habe Locken, aber durchs Rotfärben seien sie viel gerader geworden, nur ein paar Wellen sind geblieben. Wenn sie redet, schaut sie, blickt sie oft in die Ferne, auf den Tisch, in den Aschenbecher, dann wieder mir in die Augen. Einmal träumte ich wie sie aussah mit den dunkelblonden Locken ums gebräunte Gesicht. Grüne Augen. Sie sagte, der Chef sei gar nicht zufrieden gewesen, als sie mit den gefärbten Haaren antanzte. Das Goldköpfchen, Goldlöckchen, Engelchen mit der weißen, engen Bluse war auf einmal ein Affront für den Herrn Doktor und die unentschlossenen alten Damen: “Ich weiß nie was ich mir bestellen soll weil eigentlich interessieren mich nur die Nachspeisen.” Der Chef konnte aber keine Konsequenzen ziehen weil sie die beste Kraft im Service sei, ohne, vor allem die Kollegen, beleidigen zu wollen. Ob sie wirklich so ausgesehen hat wie in meinem Traum?

Mir gegenüber hat sich ein Zeichner hingesetzt und sein Krügel in aller gebotenen Eile geleert, hinuntergestürzt fast. Gezeichnet hat er wenig. An zwei anderen Tischen sitzen junge Leute und reden, trinken, rauchen. Melanie kann ich nur mehr erhoffen, nicht mehr erwarten. Vielleicht ist sie gleich nach Hause weil sie morgen Früh wieder arbeitet. Sie ist manchmal so vernünftig und dann wieder gar nicht. Heute wahrscheinlich vernünftig. Und schon im Pyjama in ihrer Wohnung in der Löwengasse. Sie brauche ihren Schlaf damit ihre Augen klarer seien, damit sie klar denken könne und die Stunden nicht nur hastig hinüberbiegen müsse, wie sie sagte. Ich glaube, sie ist sehr gescheit. Um einige Jahre jünger und viel gescheiter als ich, der ich mich ganze Zeit mit Büchern ablese und nachdenkliche Spaziergänge vollführe. Lächerlich. Manchmal. Melanie würde mich übersehen am Gehsteig, an der Bushaltestelle, denke ich. Aber sie hat mich nicht übersehen, mit ihren hellgrünen Augen, als ich hereinkam ins Café Malipop, zum ersten Mal überhaupt, im April als der Regen noch kalt war. Es war unvermeidlich ins Gespräch zu kommen. Sie fühlte beim ersten Blick in meine Augen ein Grundverständnis, wie sie es nannte. Ich fühlte das Grün. Und das Rot ihrer nachmittags gefärbten Haare. The Red and the Green. Sie ist in diesem Moment wahrscheinlich in ihrer heißgeliebten Einschlafphase. Ich werde heute nichts mehr von ihr hören. Melanie.

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Ich finde kein Kaffeehaus im Dritten, in das ich mich täglich setzen könnte. Nächtlich weiß ich wo ich hingehe. Hier, im Café Menta, Terrasse, am Radetzkyplatz, strandete ich weil ich an der Station Landstraße nicht ausgestiegen bin, wie ich es vorhatte. Ich fuhr weiter bis zur Franzensbrücke und nach der Rücküberquerung des Donaukanals wollte ich ins Café Urania, ein ehemaliges Kaffeehaus, das nun erst ab 20.15 Uhr geöffnet hat. Mir fällt ein, am stadteinwärtigen Ende der Salesianergasse gibt es ein Kaffeehaus.

Der Radetzkyplatz ist halbrund. Ich sitze an der Geraden, die die Radetzkystraße mit der Löwengasse verbindet. Melanie kommt hier jetzt nicht vorbei, sie ist gerade in ihrer Bude und bereitet die Tische für den Abend vor. Immer ausreserviert, auch im Sommer. In dem Moment erhoben sich vier Leute vom Tisch mir gegenüber, ein Paar und jeweils noch ein Mann und eine Frau. Der Mann des Paares wäre auch eine schöne Frau, denke ich mir, hätte er nicht diese breiten, muskulösen Schultern. Dunkle Haut, lange, gekräuselte Haare und ein paar reinblondierte Locken. Seine Frau hatte eine große schwarze Kappe mit silbernem Schild auf dem Kopf. Die beiden anderen habe ich schon vergessen, unmöglich sie mir in Erinnerung zu rufen. An einem anderen Tisch in der Nähe hat sich eine Blondine niedergelassen, mit Zopf und Brille. Sie liest Die Zeit. Alle Gäste, die hier auf der Terrasse sitzen sind eher bobo, wie man so (von den anderen) sagt. Ich bin kein Bobo. Ich bin ein Weltentdecker und ein Weltbeobachter, so meine Antwort auf meine Frage an mich, ob ich ein Weltverbesserer sei, in dieser Welt, die es zweifellos zu verbessern gilt. Der Junge neben mir ist keiner der Terrassensitzer, er raucht und trinkt ein Krügel, kommt wahrscheinlich gerade aus der Küche. Der Kellner und die Kellnerin lassen die Gäste warten. Melanie verachtet diese Haltung. Sie würde auch die Gäste hier verachten (als Gast, nicht als Kellnerin). Ihr Herz ist näher bei den zerrütteteren Existenzen, die sich hier ebenso durchtummeln oder vorbeiquälen. Oder bei den richtigen Künstlern, Künstlerexistenzen, Kunstexistenzen, die auch oft eine Zerrüttung oder Zerfledderung aufweisen. Verzetteltheit, möchte ich für mich angeben. Der Wind zieht kühl um die Ecke.

Café Heumarkt, Ecke Salesianergasse: Es ist ein Kaffeehaus, nur fast ohne Gäste bis auf ein paar Touristen um 18 Uhr, ein sehr schönes Kaffeehaus mit roten Bänken, braunem, solidem Parkett, Billardtischen, einer steinernen Säule, an der man sich beim Eintreten für links oder für rechts zu entscheiden hat. Der Ober sieht aus wie der Koch weil er ist auch der Koch und hat seine weiße Weste weit aufgeknöpft. Kein weiteres Personal. Ob es der Herr Karl (Herr Karl!) ist, von dem Ingeborg, die auch hier verkehrte, schrieb: “Ich rufe: Zahlen bitte! Herr Karl ruft freudig: Komme gleich! und verschwindet.” Sie wohnte nicht weit entfernt vom Café Heumarkt damals und noch näher, ein paar Schritte nur entfernt, als sie noch in der Beatrixgasse wohnte.

Vom Radetzkyplatz ging ich an den Anfang der Löwengasse und kam zum ersten Mal in meinem Leben in die Dißlergasse, die links von der Löwengasse abzweigt und die mir wie eine Abbildung der 70er Jahre vorkam, wie eine vergilbte Straßentapete. Unebener Asphalt, teilweise noch die alten, großen Granitpflastersteinwürfel, Haselnusssträuche, Flieder, alles etwas verwildert auf beiden Seiten der Straße, Holzbänke. Nur stehende, keine fahrenden Autos in der kurzen Gasse. Ich ging durch sie hindurch in ungestörter Ruhe und entdeckte an ihrem Ende Paradeisstauden, die vor die Haselnüsse gepflanzt worden sind. Alle Früchte noch grün. Die Löwenstraße zurück über den Radetzkyplatz ging ich in die Adamsgasse um mich vor das Haus zu stellen in dem meine Freundin K., die Landvermesserin, nein, die Zeichnerin, aufgewachsen ist. Auch durch sie ging ich hindurch, links und rechts die hundertjährigen Häuser in den unterschiedlichsten Farben, geöffnete Fenster, Blumen davor, hie und da ein grauhaariger Schädel, der nachsieht, ob sich was tut da unten. Alles ruhig, nur stehende Autos und ein paar Schlendriane. Ich schaute hinauf und seltsamerweise war der Himmel blau, mit nur wenigen weißen Wölkchen. Berachgasse, Landstraße, Stadtpark, Heumarkt, Café. Genau vor zwei Jahren schrieb Friederike Mayröcker “bin besinnungslos 1 désir”, études. Wenn es nur richtig heiß wäre! denke ich, aber die abgekühlte Schwüle dieses Sommers pickt mir nur juckenden Schweiß ins Genack, keine Tropfen laufen über meinen Körper, die Ausscheidungen kommen trocken, in Kristallform an die Hautoberfläche.

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Sie donnert im Stadtpark, aber der Himmel ist noch offen. Ein leicht gekühlter Wind streift mir über die Unterarme. Sie donnert wieder, etwas lauter diesmal. Der Ziehharmonikaspieler setzt nicht ab. Von meinem Bänkchen aus sehe ich ihn nicht, aber wahrscheinlich hockt er bei der Holzbrücke, so wie immer, und spielt seine endlosen Variationen auf Besame Mucho. Anders als im Botanischen Garten habe ich hier keine einzelnen Bäume, die ich kenne und die ich besuche. Hier hab’ ich die Holzbrücke. Im Botanischen gibt es die Schwarzpappel, die Feige, die Zerreiche, den Ginkgo, zum Beispiel, oder Tilia Swinton, die hübsche. Im Stadtpark ist es das Kollektiv der Pflanzen UND der Menschen, die den Ort ausmachen, ich setze mich gedanklich mehr zu den Menschen in Beziehung. Im Botanischen sind mir die Bäume die Individuen. Es sind die Menschen an ihrem Platz, wo sie hingehören, als Fußnoten der Bäume, die Welt scheint völlig in Ordnung. Leider wird immer so früh zugesperrt. Es tröpfelt.

Botanischer Garten, später: Es hat nicht richtig zu regnen begonnen aber hell wurde es auch nicht mehr. Eine atlasschwere Schwüle. Es kracht beständig aus allen Himmelsrichtungen. Ich denke ans Verreisen. Mich dürstet nach fremden Sprachen. Lateinamerikanisches Spanisch, ich denke an Mexico, warum auch immer, und an das Bild von einer reich verzierten Waschmuschel. Sie blitzt. An einem anderen Tag kam mir im Gehen eine Vision vom Markt in Algeciras, Gemüse, Fische, trinkende Männer vor den Cafés am Rand. Es ist noch nicht sechs Uhr aber es ist schon ziemlich dunkel, so graublau ist die Luft, bleiern, um das Paradewort für diese dichte Schwere zu bemühen. Ich werde nicht verreisen in diesem Sommer, ich werde nichtmal viel zu meinen Eltern aufs Land fahren, ich kann nicht, weil der Merzwald letztes Jahr geschlachtet worden ist und mit seiner Schlachtung wurde in den selben Momenten, in denen die Schnitte und Hiebe gesetzt wurden, meine Verankerung im Leben gekappt, so wie wenn man einem Heliumballon die Schnur durchzwickt. Ich kann hinfahren und auf die weitläufige, gerodete Fläche schauen und mich fragen was ich in diesem Leben jetzt tue, oder überhaupt tue, tun kann oder tun soll. Nein, diesen Sommer verbringe ich in Wien, im Dritten, bis wieder ein bißchen was nachgewachsen ist.

Wieder Stadtpark: Der Botanische Garten wurde um 18 Uhr geschlossen. Ich ging zehn Minuten vor sechs um nicht dazu aufgefordert zu werden, das wäre mir nicht gut bekommen, ich hätte es als Attacke oder Anschlag auf mich verstanden. Runter zum Rennweg und dann entlang der Reisnerstraße, durch die schon Friederike Mayröckers Mutter durch den Schnee gestapft ist und die direkt auf die Holzbrücke mitten im Stadtpark führt. Diesmal bog ich aber frühzeitig nach links in die Beatrixgasse und ging zum Haus Nummer 26 wo Ingeborg Bachmann von 1946 bis 1949 gewohnt hat. Sie ist also gleich nach dem Zweiten Weltkrieg eingezogen, mit 20 Jahren lernte sie Wien im Wiederaufbau kennen, viel Schutt. Wie wohl der Stadtpark vor 70 Jahren ausgesehen hat? Ingeborg: “Du wirst dich nicht mehr erinnern können an die ersten Jahre nach dem Krieg. (…) An Feiertagen, sogar wenn es Marienfeiertage oder Himmelfahrtstage oder Republiktage waren, wurden die Bürger gezwungen, in den Teil des Stadtparks, der an die Ringstraße grenzt, an den Parkring, in diesen grauenvollen Park zu gehen und dort öffentlich zu tun, was sie tun wollten oder tun konnten, besonders in der Zeit, in der die Kastanien blühten, aber auch noch später, als sie reiften und die Roßkastanien aufplatzten und herabfielen. Es kann kaum jemand gegeben haben, der dort nicht jeden mit jeder angetroffen hat. Obwohl alles schweigend vor sich ging, mit der größten Gleichgültigkeit beinahe, könnte man von alptraumhaften Szenen sprechen, es haben alle Leute in der Stadt an dieser universellen Prostitution teilgehabt, es muß jede einmal mit jedem auf dem niedergetretenen Rasen gelegen sein oder, gegen die Mauern gelehnt, gestöhnt, gekeucht haben, manchmal einige gleichzeitig, abwechselnd, durcheinander. Miteinander haben alle geschlafen, alle haben einen Gebrauch voneinander gemacht, und so sollte es heute niemand mehr wundern, daß kaum noch Gerüchte zirkulieren, denn dieselben Frauen und Männer begegnen einander heute höflich, als wäre nichts geschehen, die Männer ziehen den Hut, küssen die Hände, die Frauen gehen mit leichten Schritten und gehauchten Grüßen am Stadtpark vorbei, tragen elegante Taschen und Regenschirme, sehen geschmeichelt aus.” Die zwei Pavillons beim Haupteingang waren zu jener Zeit schon da, denke ich. Ich sitze im linken und schreibe während japanische und chinesische Touristen und Touristinnen an mir vorüberziehen, mich eventuell auch für einen Touristen halten. Die zwei Pavillons erinnern mich an Porto: Clérigos, und an die zwei, drei Monate, die ich dort gelebt habe. Es donnert immer noch in der Ferne aber das Bleierne ist nun silbriger, der Wind nicht mehr so dicht und schwer.

Melanie hat frei heute Abend, aber ich erreiche sie nicht. Ich erreiche sie nicht als Mensch, wie Ingeborg Ivan nicht erreichte: “Nichts wäre mir zu abwegig, zu anstrengend, um ein Stück Ivanleben zu ergattern; wenn Ivan bei einem Abendessen erwähnt, daß er in Ungarn oft gesegelt ist, will ich sofort Segeln lernen, womöglich gleich morgen früh, meinetwegen auf der Alten Donau, im Kaiserwasser, damit ich gleich mitsegeln kann, wenn Ivan eines Tages wieder segeln geht. Denn ich selbst vermag Ivan nicht zu fesseln.” Ich bin aber in Melanie bei weitem nicht so hoffnungslos verliebt wie es Ingeborg in Ivan war. Ich erreiche sie nur nicht, und ich denke, nicht, weil sie so weit entfernt ist, aber so weit fortgeschritten, weil sie schon eine andere Gescheitheit hat und eine andere Schönheit, eine schönere, denke ich. Lässt sie sich zurückfallen, wenn sie mit mir wo sitzt und mir zuhört? Vereinfacht sie sich wenn sie mir etwas erzählt, damit ich mitkomme? Ich würde gerne mit ihr essen heute Abend, bei mir, weil Kochen tu schon ich besser. Und vielleicht traue ich mich dann, nach dem Essen, ihren Handrücken oder ihren Knöchel zu streicheln, je nachdem wie und wo wir sitzen werden. Verliebt bin ich aber nicht, ich leide nicht an ihr, ich erfreue mich nur an ihr.

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Das Café Joseph selber ist nicht so toll, aber seine Lage ist ideal, fast direkt an der Wien-Mitte-Kreuzung Landstraßer Hauptstraße/Invalidenstraße. Les Invalides. Hier ganz in der Nähe, ich glaube aber auf der anderen Straßenseite, hat Ingeborg Ivan kennengelernt. Sie schrieb: “… Washington und Moskau und Berlin sind bloß vorlaute Orte, die versuchen, sich wichtig zu machen. In meinem Ungargassenland nimmt niemand sie ernst oder man lächelt über solche Aufdringlichkeiten wie über die Kundgebungen ehrgeiziger Emporkömmlinge, sie können nie mehr hereinwirken in mein Leben, mit dem ich in ein anderes hineingelaufen bin, auf der Landstraße Hauptstraße, vor diesem Blumengeschäft, dessen Namen ich noch herausfinden muß, und stehengeblieben bin ich im Laufen nur, weil im Fenster ein Strauß Türkenbund stand, rot und siebenmal röter als rot, nie gesehen, und vor dem Fenster stand Ivan, weiter weiß ich nichts mehr, denn ich bin sofort mit Ivan gegangen, zuerst bis zum Postamt Rasumovskygasse, wo wir zu zwei verschiedenen Schaltern gehen mußten, er zu ›Postanweisungen‹, ich zu ›Postwertzeichen‹, und schon diese erste Trennung war so schmezhaft, daß ich am Ausgang, beim Wiederfinden von Ivan, kein Wort mehr herausbrachte, Ivan mich nichts zu fragen brauchte, denn es war kein Zweifel in mir, daß ich mit ihm weitergehen mußte und gleich zu ihm, das war zu meinem Staunen aber nur einige Häuser von mir.”

Wie oft habe ich schon darüber nachgedacht, während meinem Gehen, weltweit, in den Städten in den Dörfern, einen Menschen auf der Straße zu treffen und zweifellos, zweifelsfrei mitzugehen. Ich habe es hoffend herbeigedacht, vergeblich jedoch oder nicht entschlossen genug, das sofortige, immediate Sich-erkennen von Mann und Frau. Ohne genau zu wissen wofür man sich erkennt, aber trotzdem gemeinsam die Gegenwart verlässt. Letztes Mal im Supermarkt, als ich dem Mädchen zum zweiten Mal vorm Gemüse gegenüberstand. Oder gerade im O Wagen, das Mädchen, das einstieg. Aus einer anderen, differenten Generation, dachte ich, aber schön mit ihren ungleichen Augen. Wir standen uns im Durchgang beim Entwerter (neue Straßenbahngarnitur) schräg gegenüber, meine Blicke lenkte ich meist an ihr vorbei, auch um sie nicht zu verjagen denn ich fühlte mich wohl in ihrer Nähe, und dann wieder fielen sie unvermeidbar auf sie. Frauen sähen die Männer auch an, nur seien sie dabei viel diskreter, sie tuen es unauffälliger, sagte mir Melanie. Wie das auch immer geht, dachte ich mir. Und da, nach etwas abwesenden Momenten in denen ich darüber nachdachte, wie ich bloß bald nach Kreta kommen könnte weil wir gerade an der Taverna Philippos vorbeifuhren, drehte ich meinen Kopf, mein Blick folgte und ich sah plötzlich direkt in ihre Augen. Sie hielt den meinen Stand, ich den ihren, fühlte Wärme und Sympathie. Landstraße, Wien Mitte, umsteigen zu den Linien. Wir benutzten unterschiedliche Türen. Kurz darauf sah ich sie noch einmal als sie mich am Platz vor der Mall langsam überholte. Das wars, ich ließ sie gehen, mußte sie gehen lassen weil ich nicht wußte, was sonst. Jetzt vorm Café Joseph: Die Hübschen, die vorbeigehen, können ihr alle nicht das Wasser reichen. Hätte ich ihr meine Hand reichen sollen? Meinen Mund? Meine Einsamkeit? Über dieses Mädchen scheint meine Notiz geschrieben zu sein, die ich kurz vor der Begegnung aufnotierte: Einen Körper, der in Relation, in Proportion, zu meinem steht, liegt, sich bewegt, bewegen kann. Größe, Fettanteil, Geformtheit oder Form. Was ich jetzt anfüge: Schönheit des Gesichts. Denn es ist die Schönheit, die körperliche Schönheit, die den Geist anregt. Sagte auch Ingeborg zu Malina: “Wenn jemand vollkommen schön und gewöhnlich ist, warum setzt er allein die Fantasie in Bewegung. Ich habe es dir nie gesagt, ich war ja nie glücklich, überhaupt nie, nur in wenigen Momenten, aber ich habe doch zuletzt die Schönheit gesehen. Du wirst fragen, wofür es ausreicht? Es reicht ganz allein aus. Ich habe soviel anderes gesehen, es hat nie ausgereicht. Der Geist setzt keinen Geist in Bewegung, nur der Geist vom gleichen Geist, verzeih, die Schönheit ist für dich das Mindere, sie setzt aber den Geist in Bewegung.”

Das Mädchen, das mir beim Rennweg das Brot verkauft, manchmal gibt sie mir die Münzen aus ihren warmen Fingern in meine Hand, öffnet ihre langsam in meiner, manchmal knallt sie sie einfach auf die Rechnung drauf. Woran liegt dieses unterschiedliche Verhalten? Ich suche den Fehler bei mir. Liegt es an meinem Blick? Mir kommt vor, je müder ich selber bin, desto abweisender bedient sie mich. Je müder ich bin, desto trauriger macht mich ihre Schönheit, ihre weiße Haut, der man ansieht wie weich sie ist. An einem heißen Tag sah ich sie mal das Geschäft zusammenkehren, also vor der Vitrine stehen mit ihren schlanken weißen Waden und sich ruhig und verträumt am Besen stützend, ihr kleines Reich überblickend. Ich blieb kurz stehen, wagte nicht ins Geschäft hineinzugehen, da ich nichts brauchte, ich musste nichts kaufen, ich hatte keinen Vorwand. Dann fand ich folgendes in Malina, dem Kompendium unglücklicher und unerfüllter Liebe: “Eine Weile aber war ich einfach vor einem Mechaniker aus dem hinterem Erdberg befangen, er mußte einen Kotflügel von meinem Auto ausbiegen und die Karosserie vorn neu spritzen. Für mich war er undurchschaubar, von einem ganz tiefen Ernst, denk dir diese Blicke und diese vielleicht mühsamen, stockenden Gedanken! Ich ging noch einige Male in die Werkstatt und sah ihm zu bei allen möglichen Arbeiten. Ich habe nie mehr soviel Qual in jemand gesehen, soviel ernstes Nichtwissen. Etwas Undurchdringliches. In mir sind traurige aufzuckende Hoffnungen entstanden, traurige beklemmende Wünsche, mehr nicht, diese Burschen würden es ja nie verstehen, aber man will ja nicht verstanden werden. Wer will das schon!
Ich war immer sehr furchtsam, eben nicht mutig, ich hätte ihm meine Telefonnummer, meine Adresse zustecken müssen, aber ich war vor ihm zu versunken in ein Rätsel und konnte es nicht tun.”

Nun bin ich wieder weit von dem Mädchen im O Wagen, näher an den beiden, die sich an den kleinen Tisch neben meinem kleinen Tisch gesetzt haben. Ein Freund in Porto erzählte mir mal, er spreche keine Frauen an, weil ihm schon ein paar mal das Herzchen gebrochen wurde und er so vielen mehr das Herzchen gebrochen hat. Er lasse nur mehr passieren was unausweichlich ist, leide dabei aber oft genauso, da nicht immer so viel passiere. Saudade! Das erzählte ich Melanie. Sie sagte:
– “Das versteh’ ich nicht. Du kannst ja nie wissen, welche Konsequenzen dein Handeln hat. Es kann ja auch eine Freundschaft entstehen. Er hat einfach Angst oder ist depressiv, wenn er sich nicht zu handeln traut. Diese ‘besten Absichten’ würden mich genauso schmerzhaft langweilen. Stell dir vor, ein Mädchen will was von dir, sagt aber nichts, weil sie darauf wartet, dass es von alleine passiert. Bullshit!”

Die Menschen ziehen hier zahlreich vorbei gegen sechs Uhr am Abend, weniger Touristen, viel mehr Einheimische, Drittbezirkler, die über den Boulevard Landstraße flanieren bzw. von der Arbeit nach Hause hasten, vorbei an der Joseph-Bäckerei oder hinein um das teure Brot kaufen, das jetzt auch nicht viel besser ist als jenes meiner Brotverkäuferin mit den schlanken weißen Waden und den warmen Fingern. Auch im Café sind die Leute durchgemischt, nicht so gecastet wie das Personal, alte, junge, hipe und weniger hipe. Schräg links unterm Tisch sehe ich  zwischen zwei feisten Schenkeln unabsichtlich die weiße Unterhose einer ca. 60-jährigen Frau. Die beiden Mädchen neben mir reden ununterbrochen, aber sympathisch, über das Einfrieren von Essensresten, über den Urlaub in Kärnten und das viele Arbeiten jetzt wieder. Eine Frau mit männlichen Zügen und Armen sitzt mir gegenüber, zwischen uns ihre Freundin. Eine geringe Kopfbewegung reicht aus und ich blicke in ihre Augen, die immer auf mich gerichtet scheinen, in ein ozeanes Blau, tiefes Wasser. Ich hab’ ein Lorbeerblatt aus der Schanigartenbegrenzung gezupft um meine Telefonnummer draufzuschreiben. Nur wem soll ich sie reichen? Meine Hand? Meine Einsamkeit?

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Die Sonne blendet pastellweiß durch las nubes. Ein schwüler Wind weht in und aus allen Richtungen. Enorme Müdigkeit in den Augen und ungekannter Unwillen in den Beinen zu gehen, schon während dem Gehen, durch die bewaldete Neulinggasse und den Arenbergpark. Beim Flakturm goß eine ältere Frau ihre Kräuter und Paradeiser, was mich aufheiterte, doch mit dem nächsten Schritt tappte ich wieder in meine Einsamkeit. Es ist das verschärfte Alleinsein zwischen den Frauen, das kommen muss, das ich nicht abwenden kann. Eine Woche ist es her, wie lange dauert es noch? Bei der O-Wagen-Station stellte sich eine junge Chinesin in meine Nähe und legte ein Buch neben mich auf die Bank, Bach: Choräle. Ihre feuchten Haare verdeckten ihr Gesicht. Ich stellte mir vor, wie wir nachts in die Karlskirche eindringen und ich in den Sitzreihen und sie oben an der Orgel. Das Weihwasser im Bassin vor der Kirche schlüge kein Wellchen. Sie stieg Sechskrügelgasse aus, ich fuhr Landstraße. Vielleicht ist es gar keine Einsamkeit. Es ist eine Sehnsucht die aus mir herausquillt auf dieses Papier, in blauer Kugelschreibertinte, in vom Saharastaub getrübten Tränen, im Blut, das unterm abgebissenen Fingernagel hervortropft. Melanie erzählte mir mal von einem Typen, sie sagte, ein Typ. Er saß alleine im Restaurant am Tische gleich neben der Eingangstür – am Katzentisch – aß nicht sondern trank Kaffee und dann Rotwein. Er schien ihr sehr nervös zu sein, da er ständig mit seinen Fingern spielte. Immer wenn sie an ihm vorbeiging mit ihren goldenen Locken, starrte er sie an, beim Bestellen aber sah er aufs Tischtuch. Melanie wurde das unangenehm und ihre Kollegin kümmerte sich um ihn. Beim Zahlen drückte er so stark seine Finger, dass es einen fatalen Knackser machte. Der Typ schreckte auf mit Tränen in den Augen und sein Zeigefinger stand schräg zur Seite – gebrochen, sagte die Kollegin. Beim Hören der Geschichte dachte ich, dass dieser Typ auch ich hätte sein können. Verzweifelt vor der Schönheit eines Mädchens, paralysiert, und das Innere findet keinen Weg sich zu artikulieren und äußert sich nur in angestrengten Bewegungen und schwitzenden Fingern.

An einem Tag wie heute, an dem die Wolken herunten in den Baumkronen hängen und mir den Optimismus verdunkeln, drückt mich der Wunsch, drängt es mich, zu verreisen. Ich fühle wegzumüssen, sehe nur einen Ausweg, eine Hast überkommt mich, zu fliehen, fliehen! Egal wohin, einfach mit einem internationalen Zug, einmal umsteigen und weiter bis ich dann bei Sonnenaufgang wieder aufatmen kann, irgendwo einen Kaffee trinken und mir eine Herberge suchen. Herrlich! der Gedanke. Hier in Wien bleiben mir die Visionen und Halluzinationen, die mich oft plötzlich überkommen. Bilder von Orten, Plätzen, Straßen, Kreuzungen meiner Reisen überlagern dann die realen Wiener Plätze, Straßen und Kreuzungen, in die ich hineinirre und mich verzettele und zerstreue. Markplätze tauchen vor mir auf, ich glaube, dem Meer oder dem Ozean nahe zu sein und ein augenblickliches Nachlassen der Halluzinationen und Visionen von einem anderen Leben versetzt mir Faustschläge, Kinnhaken und in die Magengrube, und lässt mich enttäuscht und zerschlagen am Rochusmarkt vorm blauen Café zurück. Mich dürstet nach fremder Sprache und nach dem Zuhausesein unter Fremden. Das ist mein beruhigendstes Gefühl, unter den Fremden, unter denen ich so viel mehr für möglich halte. Oft reicht ein Tag oder ein paar Stunden um den Entschluss zu fassen hinzuziehen, wo ich mich gerade aufhalte, zumindest für die Zeit der Entdeckung, um mein Sehnsucht zu lindern. Mir dämmert dann, durch die Wolkendecke meiner Vorstellungen hinein in mein Gehirn scheint der Gedanke, dass das schon mein Leben ist und nichts anderes: die Sehnsucht, das Alleinsein, das viele Nachdenken und das Beobachten der Anderen beim Glücklichsein und beim Unglücklichsein.

Es gab einen Ort, den Merzwald, an den ich ging zur Linderung der Sehnsucht und zur Verstärkung des Glücklichseins. Der Ort bestand aus Wiesen, Bäumen, Blumen, Grillen, Schmetterlingen, Gelsen usw. Aber der Merzwald wurde geschlachtet. Ich kann nicht mehr hin, mir bleibt nur das Exil, das Gefühl der Sehnsucht, das nur durch Verreisen oder von einer Frau gelindert werden kann. Beides erscheint mir unheimlich fern. Als ich das Melanie erzählte, sagte sie kein Wort, sie kommentierte es nicht. Leise strich sie sich ihre unglaublich roten Haare zurück. Sie sei nie einsam, nur öfter selbstgewählt alleine, sagte sie später, und Einsamkeit und Sehnsucht als das eigentliche Leben würde sie nie akzeptieren. Und wenn sie dann einmal ein Kind usw., würde sie den Kompromiss eingehen wenn er nötig wäre, um ihr Glück zu retten. Und ich? Ich freunde mich weiterhin mit den Schwächsten der Stadt an, den Essigbäumen, die aus den Mauerritzen sprießen, wie im Hundepark bei der Musikuni, Universität für Musik und darstellende Kunst, Bahngasse, denen ich gestern wieder begegnet bin. Bald sind wir Freunde, wenn ich noch öfter dort durchgehe, bis sie rausgeschnitten werden aus dem Park, aus der Stadt, aus der Welt, aus meiner Welt. Fragile Freundschaften. Die Bäume werden beschuldigt gewachsen zu sein, ihr Sprießen wird von den Menschen als ihre Sünde bezeichnet und dient als Rechtfertigung sie wegzuschneiden.

Rechts hinter dem blauen Marktbeisl ist das Postamt Rasumovskygasse zu dem Ingeborg mit Ivan gegangen ist nachdem sie sich über einem siebenmal roteren Strauß Türkenbund begegnet waren und wo sie auch ihre erste Trennung von Ivan erlebte, die aber nicht allzu lange gedauert hat und die nochmal glimpflich verlaufen ist, zumindest glimpflicher als die darauffolgenden Trennungen, die so grausam für sie waren.

Die Bäume des Marktes werden noch länger stehen wenn sie nicht eingehen. Sie sind ja noch jung, aber mir zu öffentlich und zu gruppiert, fast militärisch, urg–. Die Blumen in den runden Betontrögen denken noch nicht an den Winter, in dem sie abfrieren werden und hängen noch selbstzufrieden in ihren Farben über den Rand, wiegen ihre Köpfchen arrogant und dressiert im kühlen Sommerlüftchen. Der blaue Schanigarten ist trotzdem voll, auch gegenüber beim Rochus Würstel sind alle Tische besetzt. Die unterschiedlichsten Leute gehen von links nach rechts und von rechts nach links. Ich sehe der Frau vom Blumengeschäft zu wie sie ihre Pflanzen wegräumt. Sie schiebt die farbenen Blumenregale in ihr Geschäft hinein, lächelt dabei. Jetzt das Regal mit den Kräutern, hauptsächlich Basilikum, aber auch Salbei, Thymian und andere, die ich aus der Ferne nicht bestimmen kann. Lorbeer, Friedhofsblumen, vorm Geschäft wird Platz.

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Hinter mir wird französisch gesprochen. Ich denke an: Marseille, la Drôme, Auvergne, Xavier, Laurent, Delphine, Nathalie. Hier: Ein Gang durch die Erdbergstraße, rauf die grüne Steigung zur Hainburger Straße, den Hainburger Weg bis zur Schlachthausgasse. Rückweg zur Gänze durch die Erdbergstraße bis zum Rochusmarkt. In einem türkischen Supermarkt, gleich neben dem Café Restaurant “Zur Mama” kaufte ich zwei Pfirsiche und aß sie tropfend im Gehen. Meine Finger wusch ich mir im Brunnen am Rochusmarkt.

Ich scheitere an diesem Leben.

Ich dachte, ich müsse mich an meine Realität gewöhnen, sie akzeptieren, mich an ihr orientieren und nicht einer Vorstellung nachhasten wie ein Zuspätkommender. Die stete Sehnsucht ist unstillbar, gelindert nur durch die Rehe, die mir von Zeit zu Zeit hineinlaufen, und mir so die Sehnsucht aber von Mal zu Mal steigern, ja sie eskalieren lassen durch ihre Abwesenheit. Die Eine nicht auffindbar. Für Melanie gibt es auch den Einen, traue ich mich zu denken und im selben Moment muss ich denken, dass dieser Eine nicht ich bin. Sie sei frei, sagte sie, ungebunden, aber sie habe jemanden zum Miteinanderschlafen. Und sie müsse aufpassen auf den Buben, dass er sich nicht zu sehr in sie verliebe.
– “Manchmal denke ich, dass es schon zu spät ist aufzupassen. Es war schon nach dem ersten Kuss zu spät oder schon in dem Moment, in dem ich ihn ansprach. Und jede Minute, die wir noch mehr miteinander verbringen, je öfter er noch in mir kommt, verstärkt den Schmerz, den ich ihm zufügen muss, bald.”
Er wird’s aushalten, dachte ich aus Erfahrung.
– “Ich hab’ ihm nie eine Zukunft versprochen, aber ich befürchte er hat das Nichtgesagte nicht gehört. Lieber hat er mit mir geschlafen, um unsere Körper nicht zu verschwenden, wie er immer sagt, und ich hab’ mich nicht gewehrt.”
Er wird’s aushalten, sagte ich.
– “Ja eh, und ein bissl Schmerz ist gut für den Charakter.”
Sprichst du aus Erfahrung?, fragte ich.

Einmal im Malipop, längere Zeit bevor sie den Jüngling kennenlernte, erzählte mir Melanie von einem Mann.
– “Mit 33 ist einer schon ein Mann, oder?”
Ich konnte es nicht genau sagen. Sie kannten sich seit zwei Wochen und schliefen seit einer regelmäßig miteinander.
– “Bis zum ersten Mal war’s total spannend und dann war’s auch richtig gut. Er macht es so wie es mir gefällt. Einmal beim Spazierengehen hat er mir seine Hand auf den Bauch gelegt und ich bin so feucht geworden, dass ich nicht mehr richtig sprechen konnte und ihn nach Hause drängte.”
Und wo ist er jetzt?, erkundigte ich mich.
–“Naja, ein paar Tage später war ich mit einer Freundin im Stadtpark und da lag dieser Typ, dieser Körper, in der Wiese und blätterte in einem Buch. Ich hab’ nichts gemacht, aber ich wäre mit ihm gegangen, hätte er mir seine Hand gereicht. Oder seinen Mund, wie du sagst.”
Du kannst auch sagen, seine Einsamkeit oder sein Buch, wenn du willst, entgegnete ich etwas harsch. Aber ich kenne das, den gefährlichen schlanken Fuß, durch den aus dem Sinn die Sinnlosigkeit emporsteigt. Und deswegen hast du ihn stehenlassen?, fragte ich.
– “Nein. Es hat alles gepasst, aber ich konnte ihn nicht ehrlich lieben. Ich glaube, ihm hat der Wahnsinn gefehlt. Und sein Schwanz ist mir zu gebogen.”
Verstehe. Formen sind wichtig.
–“Ob ich mich in einen Mann verliebe, hängt immer sehr von seinem Körper ab, seiner Schulter, seiner Lende, seiner Eichel. Und von seinen Augen.”
Es war schon spät in jener Nacht und wir hatten schon zahlreiche Gläser Weißwein getrunken. Rauch und Menschendunst erfüllten die kleine Cafébar.
– “Dein Körper, deine Bewegungen, deine wahnsinnige Frisur, dein, ich mag das Wort nicht, Wesen, gefällt mir auch sehr gut, aber irgendwie glaub’ ich, da gibt’s noch jemand besseren. Genau das ist es. So wie du muss er sein, nur besser. Verstehst du?”
Ich konnte ihr genau folgen, ich verstand sie in ihrem Denken, die völlig roten Haare schon etwas wirr. Ich denke sehr ähnlich, sagte ich. Und in fünf oder zehn Jahren, wenn wir’s dann miteinander probieren, haben wir uns versäumt, unsere Körper und unsere Sehnsucht, wonach auch immer. Dann sind wir schon Ältere, aber wahrscheinlich eh noch gut beieinander – wenn wir nicht zu viel hackeln, für die Kapitalisten. Du schaust sicher noch super aus, vielleicht noch besser als jetzt.
– “Soll’n wir heute miteinander schlafen?”
Blöderweise hab’ ich nein gesagt.

Sie fehlt mir etwas an diesem Nachmittag, Melanie, ich hätte sie gerne hier, mir gegenüber sitzen. Ich hab’ sie schon lange nicht gesehen, eine Woche, zehn Tage. Sie meldet sich nicht und ich mich auch nicht. Wir warten darauf, dass wir uns hineinlaufen.

&

Ich war schon bei der Zerreiche, der Platane, dem Ginkgo und der Schwarzpappel, Tilia Swinton sowieso. Vom Korkbaum hab ich ein Stück Rinde entwendet und es in meinen Fingern zerrieben um herauszufinden ob es nach Portugal riecht. Vor mir im runden Bassin blühen die Lotosblumen. Oft um diese Zeit, Jahreszeit und Uhrzeit, bin ich durch Andalusien gegangen, über Steine, auf dem Weg nach Marokko wahrscheinlich. Oder ich war auf den Îles de Frioul vor Marseille oder direkt im Vieux Port am Fuße der Canebière, wo alle Gerüche und alle Menschen notgedrungen zusammenkommen. Oder ich war schon in Tanger, Café Tingis am Petit Socco. Oft alleine, wie hier im Botanischen Garten, scheiternd den Menschen, ihnen nur beim Menschsein zusehend.

Gestern Abend lief mir noch Melanie hinein. Ich trank ein unglaublich gutes Seidl im Rochus und als ich ans baldige Gehen dachte, stand sie an meinem Tisch und fragte, ob ich noch einen Wunsch hätte. Deine Telefonnummer sagte ich. Das hätte ich intuitiv beinahe mal zu einer Kellnerin gesagt, leider kam es mir damals nur unhörbar über die Lippen. Melanie setzte sich zu mir und schob mein blaues Buch zur Seite.
– “Liest du immer noch das selbe Buch? Das hast du dabei seit ich dich kenne.”
Ich lese es immer wieder, entgegnete ich. Zum vierten oder fünften Mal. Manche Stellen hab’ ich schon zehnmal gelesen.
– “Aha, ist es denn so gut? Und ist Malina eigentlich eine Frau oder ein Mann?”
Ppfffrrr. Natürlich würde Melanie das verstehen was ich von dem Buch verstehe und ihr erklären könnte. Ich war aber nicht ans Reden gewöhnt, hatte mich in den letzten Tagen vom Reden entwöhnt und das Bier machte mich auch etwas müde. Mir war lieber, dass sie erzählte, sagte also auf ihre Frage nur: Naja, beides.
– “Du bist nicht sehr gesprächig heute. Hast wieder lange nicht geredet? Was hast du heute schon gesagt?”
– Danke. Einen kleinen Mocca bitte. Danke. Ein Seidl bitte. Danke. Und dann bist du gekommen.
– “Was war das erste danke?”
Ein Typ hat zu mir gesagt: “Geile Tasche!” als ich in der Erdbergstraße an ihm vorüberging.
– “Aha, trinken wir noch was?” und dann fragte sie mich: “Wie lange kannst du eigentlich noch von deinem Bausparer leben? Musst du dir nicht bald eine Arbeit suchen? Wär’ auch für dein Sozialleben nicht schlecht.”
Zwei, drei Monate, sagte ich.

Im Botanischen Garten ist heute die Wiese frisch gemäht worden, aber nicht alles, sie lassen einen guten Teil stehen, der mich an den Merzwald erinnert. Die Vergangenheit und die Gegenwart verschwimmen, fließen ineinander, werden, sind ein Gefühl. Die eine gibt es nicht ohne die andere. Gibt es die Eine auch nicht ohne die Andere?

Die Sonne wandert über meine Knie, es wird wieder heißer. Ich muss mir überlegen, wie ich demnächst wieder zu Geld komme, nicht zu viel, nur um zu überleben, oder doch etwas mehr, falls ich wieder gezwungen bin mich zu exilieren.

&

Dritte Nacht in folge Vollmond. Es hat knapp 30° Celsius, mein Fenster ist geöffnet, draußen ist es ruhig und noch etwas wärmer. Der Kater nach den ersten beiden Vollmonden verflüchtigt sich langsam, hat mich nicht mehr im Würgegriff wie im vollen Zug, vor den ich mich zuerst werfen wollte aber mit dem ich dann doch nur wieder in die Stadt gekommen bin. Ich sitze am Spieltisch und mit nacktem und verschwitztem Oberkörper opfere ich dem Mond einen Grünen Veltliner, Rüder Carl aus dem Grammo. Die Fenster im gegenüberliegenden Haus sind alle dunkel, keiner mehr auf oder niemand zu Hause.
Vorhin ging ich vom Rennweg die Bahngasse auf der linken Seite hinunter. Über die Neulinggasse wechselte ich nach rechts und trat in den Hundepark bei der Musikuni ein um nachzusehen, ob die Essigbäume, die aus den Mauerritzen sprießen noch da sind. Ja, und ich grüßte sie. Vorbei an der Musikuni wechselte ich auf der Beatrixgasse wieder die Seite und ging Richtung Rennweg hinauf, dem Mond entgegen, der im dunkelblauen Nachthimmel wie eine Kugellampe über den Häusern schaukelte. Plötzlich schnitt ein schwarzes Palmenblatt Zacken in die Kugel. Marrakesch?, fragte ich mich, die Halluzination luzid fühlend. Ein paar Kakerlaken querten die Straße und verschwanden Richtung Schienen. Die Koutoubia auf der rechten Seite spiegelte den Mond, vorne am Rennweg stieg Rauch auf. Wärme streichelte meinen Nacken und meine Schultern. Ich dachte an Ouarzazate, Wüste, Wadi, Einzelzimmer.

Zitate:

Ingeborg Bachmann: Malina. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main. 1971
Friederike Mayröcker: études. Suhrkamp Verlag Berlin. 2013