April in Beirut

Sonntag, 30. März 2014, Istanbul Gökcen, sechs Uhr Nachmittag.

Es ist meine vierte Reise nach Beirut. Seit drei Jahren trete ich sie jeden Anfang April an um am Irtijal-Festival teilzunehmen. Zwei der Veranstalter, Sharif Sehnaoui und Mazen Kerbaj, lernte ich auf deren Reisen als travelling musicians in unterschiedlichen europäischen Städten und Kaffs kennen (Nickelsdorf, Mulhouse, Prag, &c.). Einladungen wurden ausgesprochen und 2011 war es dann zum ersten Mal soweit, dass ich mir eine Reise in den Nahen Osten organisierte.

Den Namen der Stadt kenne ich seit ich mich erinnern kann. Ich bin mit ihm aufgewachsen, hörte ihn in Fernsehberichten und in Radionachrichten. Trotz allem blieb mir Beirut immer positiv konnotiert. Ein anderes Wort meiner Kindheit, zu dem ich auch ein paar Fernsehbilder gespeichert habe – ich nehme an, von der ersten Intifada – ist “Palästinenser”. Die Fernsehsequenz, die ich mit dem Wort verbinde, zeigt Steine werfende Kinder, oder täuscht mich da mein eigenes Denken? In den Orientalistik-Vorlesungen an der Universität (Wien) über die Geschichte der arabischen Welt interessierte mich der Libanon am meisten, der Bürgerkrieg von 1975 bis 1990, den ich versuchte zu verstehen. Das spezielle Interesse daran führte ich auf das Wort Beirut zurück, tue es immer noch. Man kann sich gut vorkommen, es zu sagen und noch besser, wenn man sagt, man fahre dorthin. Ich vermied manchmal, es in den Mund zu nehmen, sagte, ich fahre zum Irtijal-Festival. Beirut suggeriert immer noch eine gewisse Gefährlichkeit und eine Exotik, unfassbarer als die anderer Städte. Ähnlich wie Tanger, das auch sein “goldenes Zeitalter” hinter sich hat, das muslimische, christliche und atheistische Traditionen mystisch vereint und in dem mehrere Sprachen natürlich verwendet werden (1), kurz: eine Stadt, die von Liberalität geprägt ist, auch (vor allem Tanger in den letzten Jahren immer heftiger) von Wirtschaftsliberalität und erbarmungslosem Kapitalismus.

(1) I hear many people utter this statement: Everybody in Lebanon is at least bilingual. I’ve said it myself a few times, often with a strange anticipation of curiosity and a conspicious sense of pride. Now this statement is obviously not true. What we mean to say is: Everybody like us is at least bilingual. And by ‘us’ we mean those of a certain educational background, and sometimes even age group. Abundant as we may be, we surely are not everybody. All it takes is a ride in a shared taxi to realize how much of an inhomogeneous currency language is. In a typical journey, hellos and thank yous in Arabic, English, French and other languages, and in myriad accents and forms, fly around with naturalized ease, while maintaining a common ground for simple conversation is often a culturalized struggle. It is true that here in Lebanon, as elsewhere in the world, language is a seldom and innocent parameter and is often a highly loaded signifier of status – cultural alignment, political belonging and social class. But it is a little bit more complex than “Christians prefer French” and “poor people speak more Arabic”.
Ahmad Garbieh, Journal Safar ISSUE 01_APRIL 2014

Der letzte größere Anschlag in Beirut ereignete sich vor circa zwei Monaten, gar nicht so weit entfernt von dem Viertel Msaytbeh, in dem ich bei Ziad Nawfal wohnte. Ich fragte damals, vor zwei Monaten, per E-mail nach, er schrieb mir: “The situation is pretty bad.” Laut NZZ gab es vier Tote und 103 Verletzte. Der Gedanke an eine Verletzung durch die Explosion einer Bombe, offene Haut, Blut, Lähmung, Schmerz, tauchte immer wieder in mir auf. Wenn ich in die Luft gehe, gut, kann ich nichts machen, aber was, wenn ich nur verletzt oder schwer verletzt werde? Die Wohnung Ziads ist voller Bücher in drei Sprachen des Libanons, das heißt, eines Teils der Gesellschaft des Libanons, Beiruts, in der ich mich bewege und die teilweise so weit von Bourj al-Barajneh oder Aleppo entfernt ist wie Wien. Kann ich das sagen? Es kam mir manchmal so vor. Ziads Wohnung ist voll mit CDs von Asmahan bis Ray Baretto und DVDs die einen Querschnitt durch die Geschichte des Kinos darstellen. Ziad ist Radiomacher, DJ und arbeitet seit einiger Zeit auch fürs Irtijal-Festival. Sein Bruder heißt Jawad Nawfal und ist einer der wichtigsten Elektronikmusiker des Landes und vor allem unter dem Namen Munma bekannt. In den Jahren 2006 bis 2008 hat er eine Trilogie herausgebracht, die ihren Ausgang im Bombardement von Beirut durch Israel genommen hat: 34 Days, Black Tuesday und Unholy Republic. Darin mixt er seine unverkennbaren Beats und Rhythmen mit Originalzitaten aus Fernseh- und Radioberichten. Der Krieg als Inspiration. Vor zwei Jahren hat mir auch Mazen Kerbaj einiges über den Krieg als Inspiration erzählt: “A[nother] civil war would be impossible to bear for me, but a war like this one [in 2006], I mean, it’s not enough to make me leave and I had something to do, you know, I was happy to do what I’m doing, I mean, it’s one of the most important, if not the most important creative period of my whole life, probably, because in one month I did what I would do in one year and a half maybe, it’s so powerful, it’s an energy and it’s so interesting, as an artist, to experience this and work.” (al-shafahi/theoral no. 5, p. 93; http://www.theoral.org/?page_id=211).

Ziad Nawfal bringt regelmäßig CDs heraus mit Aufnahmen von live-sets, die Teil seiner Radiosendungen sind (http://rupturedonline.com/) und die vom feinfühligen Fadi Tabbal aufgenommen und gemischt werden. Fadi macht auch den Sound fürs Irtijal und spielt Gitarre bei den Incompetents und seit kurzem auch bei den Scrambled Eggs. Mittlerweile sind fünf Ruptured-Sampler erschienen, auf denen die wichtigsten libanesischen Musikerinnen und Musiker aus den Genres Pop/Rock, Hip Hop und vor allem aus der experimentellen und Impro-Szene vertreten sind.

Die meisten, die im Irtijal-Festival involviert sind, sind um 1975 geboren, dem Jahr, in dem der Bürgerkrieg begonnen hat. Ziad noch etwas früher, aber mit ihm hab’ ich nicht über seine Erfahrungen aus dieser Zeit gesprochen, auch nicht über 2006. Viel mehr redeten wir über die Gegenwart und ihre Musik. Wir lernten uns in seinem Auto kennen, mit dem wir regelmäßig im Stau von der Salim-Salam-street nach Achrafieh oder Gemmayzeh standen und zwischen den Limousinen und Geländewagen langsam dahinrollten. Da Ziad dauernd viel zu tun hatte, blieb mir seine Wohnung meist für mich alleine. Ich las in einigen seiner Bücher, vor allem in William Blake, ich hörte einige seiner CDs, importierte zahlreiche auf meinen Computer, Marion Brown bis Bonny Prince Billy – I came to hear the music.

 

1 Uhr Früh, also Montag, 31. März.

Beim Abflug, beim Start, beim Abheben, als es mich leicht in den Sessel drückte, dachte ich: “Das ist mein Leben,” und ich war glücklich, trotzdem ich weiterdachte: “obwohl ich mich ein bissl anscheiß’”. Wir steigen immer noch und ich kann auf das hell erleuchtete Istanbul hinunterschauen. In einer guten Stunde bin ich in Beirut und in zwei sollt ich im Palast sein, meinem diesjährigen Domizil.

Mittag: Ich trinke Grüntee – Kusmi Tea, Paris – in der Gästewohnung des Palastes. Selbst der etwas zu lang gezogene schmeckt noch fein. Im Hintergrund wird gebohrt, wie an den meisten Ecken in Achrafieh, durch das ich vorhin auf einen Kaffee ging – überall Baustelle. Auf den St. Nicolas Stiegen grüßten mich die Hackler freundlich. Ich denke, sie waren auch freundlich, denn in ihrer Mitte stand ein kleiner Vogelkäfig mit einem Wellensittich darin, der als ihr Radio fungierte, dachte ich.

Der Palast ist ein richtiger Palast, der um 1870 erbaut wurde. Teile des Gartens stammen auch noch aus dieser Zeit. Der Gästebereich ist die ehemalige Wohnung von Sharif Sehnaoui, in die übermorgen Tony Buck und Magda Mayas einziehen werden. Ich ziehe dann runter ins Musikzimmer. Sharif ist gemeinsam mit Mazen Kerbaj Gründer des Irtijal-Festivals und beide spielen, gemeinsam mit Raed Yassin, auch in der ersten Impro-Band des Libanon, dem A Trio. Sharif erscheint mir als der Pate der libanesischen Experimentalmusik. In allem, was in diesem Bereich passiert, Konzerte, Festivals, Touren, Plattenlabels, weiß er bescheid, ist ein Teil davon, sei es als Musiker, organisatorisch oder finanziell. Er ist der, der mit Fernsehen und Zeitungen, internationalen Medien und Künstlerinnen und Künstlern kommuniziert. Sharif ist das souveräne Zentrum, um das sich das Irtijal-Festival abspielt. (Wahrscheinlich auch viele andere Konzerte oder etwa die Dream Machine, Beirut Festival for Audio-Visual Arts). Ich werde ihn im Laufe des Tages treffen, wir werden uns umarmen und sagen: “Schön, dass es wieder so weit ist”, “schön, dass ich wieder in Beirut sei” und “great, that so many friends are coming this year”. Ihn habe ich vor sechs, sieben Jahren als ersten der Irtijal-Posse kennengelernt indem wir lange in der schon aufgeräumten Küche der Jazzgalerie Nickelsdorf miteinander geredet haben. Hauptsächlich über Paris, denn damals lebte er noch dort und hatte noch lange Haare. Jetzt trägt er sie kurz und einen Bart. Wahrscheinlich ist der im Büro schräg gegenüber und gibt ein Interview über das Irtijal. Dennoch ist es schwierig, in Beirut die Leute zu dieser Art von Musik zu bewegen, wie überall. Kommerzielles ist viel beliebter.

Früher Abend: Mar Mikhael, Rue d’Armenie, Internazionale. Die Bar sieht aus als würde sie schon seit den 50er Jahren existieren und wäre sanft renoviert worden. Tatsächlich war sie aber bis vor zwei, drei Jahren eine stillgelegte Autowerkstatt. Der Besitzer hat sich die Einrichtung bauen lassen und sie mit ein paar Vintage-Lampen und -Barhockern ergänzt. Er konnte sich mit diesem Lokal Zeit lassen, sagte Tony Elieh, da er mit seiner Bar Torino Express auf der selben Straße, nur in Gemmayzeh, genug Geld verdiene. Er ist Deutsch-Libanese mit dem Schädel einer griechischen Statue (letztes Jahr bekam ich ihn einmal zu Gesicht und die Leute flüsterten mir zu: “That’s the boss”). Das Torino war vor einigen Jahren auch die erste Bar in Gemmayzeh – klein, dense und immer voll, ein Schlauch mit geradem Fußboden, osmanische (?) Kreuzbögen über den hell erleuchteten Schnapsflaschen, altes Holz und und rotes Licht, glänzende Gläser, laute Musik und Servietten unter den Drinks – und diente als Vorbild für viele andere, die nach und nach aufsperrten.

Auf dem Weg zurück aus Bourj Hammoud traf ich Charbel Haber und Tony Elieh, die hier vorm Internazionale standen und rauchten. Ich trank einen guten Kaffee und danach al-maza Bier mit Tony. Jetzt überlege ich, ob ich schreibend noch etwas trinken werde. Man trinkt hier immer. “One glass of white wine”. Tony und Charbel sind zwei der vier Mitglieder der Rockband Scrambled Eggs (Malek Rizkallah und Fadi Tabbal) und arbeiten ebenfalls während dem Festival für das Festival. Er könne von der Musik nicht leben, sagte Tony, er sei hauptberuflich Fotograf: “food, fashion, architecture – that’s good money and I am free to go on tour.” Er erzählte mir von Sabah Fakhry, der 16 Stunden lang durchsingen könne und der syrischen Tradition Kdoudd Halbiya, die primär in Aleppo beheimatet sei. Wir kamen darauf, weil ich irgendwann sagte, dass es ja keinen souk in Beirut gäbe. “You cannot have everything.” Tony findet es sehr schade, vor dem Krieg nicht nach Damaskus oder Aleppo gefahren zu sein. “I blame myself for this,” sagte er, denn jetzt sei es zu spät. Und der Krieg könne jederzeit auf den Libanon übergreifen, aber momentan sei es ruhig, weil Assad die Grenzorte kontrolliere und so keine Anschläge seiner Gegner auf die Hisbollah oder iranische Einrichtungen durchgeführt werden können. Aber die Spannungen seien da. “I hope that there won’t be another civil war.” Die schlimmsten Erinnerungen habe er aus den Jahren 87 bis 90, gegen Ende des Krieges war er neun bis elf Jahre alt. “You don’t want to experience that.” Ich merkte, wie sich eine Nervosität in ihm ausbreitete, er knackste mit den Fingern, richtete sich auf, wechselte aber nicht das Thema, ging mit Konzentration durch es hindurch.

Im Internazionale spielt es jazzy funky coole Barmusik. Mittlerweile ist es dunkel geworden und die Autos rollen langsam draußen vorbei, die Abgase kräuseln sich vor den Scheinwerfern wie Zigarettenrauch unter der Leselampe, die Bar spiegelt sich in der geputzten 50er-Jahre Auslage. Die meisten Gäste sind gegangen, vielleicht kommen sie nach dem Essen wieder. Ich geh auch mal.

Torino Express: Auf dem Weg hier her wurde ich nach dem Weg hier her gefragt. Gehend fiel mir eines meiner letzten Gespräche mit dem alten Armenier ein, den ich heute nach zwei Jahren wieder in Bourj Hammoud besucht hatte. Ich lernte ihn kennen, als ich 2012 zwei Wochen in dieser armenischen Vorstadt gewohnt habe und jeden Tag nach dem Aufstehen zu ihm auf einen grünen Tee und einen kleinen Mocca oder zwei gegangen bin. Tag für Tag erzählte er mir – teilweise auf Deutsch, weil er damals, Anfang der 60er-Jahre, in eine deutsche Schule gegangen ist – von seinen “Weibern,” wie er sagte. Einmal machte er Urlaub in Hamburg – er liebe die deutsche Sprache! – und ging jeden Tag auf die Reeperbahn. Er schlief mit zwei bis drei Prostituieren pro Tag. Im Süden Deutschlands war er auch, aber das habe ihm nicht so gut gefallen. Einmal sagte er plötzlich: “In my life I had two hundred and thirty six girlfriends, except the whores that I fucked.” Etwas erschüttert sah ich ihn an und fragte: “What!? You fucked a horse!?” Er runzelte die Stirn und ich begann zu verstehen. Er lachte etwas angewidert und sagte: “No. No horse.” Heute erkannte er mich nicht sofort. Ich bestellte einen Kaffee und erst als ich mich auf den Plastiksessel setzte, auf dem ich vor zwei Jahren tagtäglich gesessen bin, fragte er mich, ob ich schon mal hier gewesen sei. In der engen Gasse standen ein paar Betontröge mit gerade sprießenden Pflanzen, ein paar Autos – eines, ein großer, schwarzer Mercedes, stand so da, dass nicht mal die Frau mit dem Kinderwagen durchpasste. Das Kind stieg aus, zwängte sich durch, die Mutter hob den Kinderwagen über einen Betontrog und auf der anderen Seite stieg das Kind wieder ein und sie fuhren weiter. Der alte Kaffeeverkäufer erzählte mir diesmal nichts. Während meiner Flanur am warmen Nachmittag kam ich an einer Agence de Voyage vorbei, dessen Auslage direkt von der Sonne beschienen wurde. Die Tür war offen und heraus drang eher laut la Chanson pour l’Auvergnat von Georges Brassens sowie die Stimme des Agenten, der aus vollem Hals mitsang. Ich blieb stehen, konnte den Mann aber nicht sehen, er war irgendwo in seinem Büro versteckt, also hörte ich nur zu und hätte auch fast mitgesungen. Im Torino sagt der Kellner, der sonst nur arabisch redet, nach der Bestellung: “Ainsi soit-il.” Es spielt Charles Wright und Stairway to Heaven. Der andere Kellner poliert alle gewaschenen Gläser.

 

Dienstag, 1. April 2014. Palast, Mittag.

Stromausfall, anscheinend, zumindest sind alle Lichter ausgegangen. Die Katze spaziert über den Tisch an dem ich sitze und schreibe und fordert gestreichelt zu werden. Draußen geht alles normal weiter: Baustellen, Hupen und das Grollen des Verkehrs. Die unteren Räume des Palasts sind so hoch, dass in dem Bereich, in dem ich mich gerade befinde, noch zwei Ebenen eingezogen wurden – eine Küche und Marmorbad und ganz oben das Schlafzimmer, in dem man ganz nahe am Stuck ist und durch runde Fenster in die Bäume schauen kann. Die Katze drückt mir ihren Kopf an den Kugelschreiber und kratzt am Papier. Ich schiebe sie weg. Eine Nacht werde ich noch hier verbringen, dann bekomme ich das Musikzimmer, in dem schon Michael Zerang und Joe McPhee gewohnt haben.

Torino: Tagsüber sind die Bars, in denen jeden Abend viel gesoffen wird, noch schöner. Sandgelber, glänzend-bröckelnder Putz an den Wänden, schönes, völlig abgetretenes Fliesenmuster am Boden, Barhocker aus dunklem Holz mit tiefroten Sitzflächen, Kugellampen und ein eiserner Halbkreis – eine aufgehende Sonne! – über dem Eingang mit seinen geputzten Fensterflächen in der einen “Torino Express” als rot leuchtende Neonschrift hängt. Gestern traf ich hier noch Paed Conca, einen schweizer Klarinettisten, der sich vor einigen Jahren verständlicherweise hierher ins Exil gerettet hat. Er spricht schon arabisch. Gestern mit dem Barkeeper und dann mit seiner Freundin Yara, die später gekommen war und Kekse von ihrer Mutter an Gäste und Personal verteilt hatte. Davor erzählte ich ihm, wie scheiße die Situation gerade in Wien sei und dass ich einfach keine Arbeit finden könne und dass mir deutsche Kellner kleine Vodka statt kleiner Mocca servieren. Paed wohnt in Bourj Hammoud, es sei um so vieles billiger und, wie Tony sagte, auch “the best place in Beirut.” Er brauche kein Aufenthaltsvisum, denn es gehe sich mit den Engagements immer gut aus, dass er rechtzeitig ausreisen könne um dann wiederzukommen. Er hat ein Duo mit Raed Yassin vom A Trio (PRAED) mit dem sie Lieder aus alten ägyptischen Kinofilmen in einen zeitgenössischen Tanzkontext transportieren. Sie touren regelmäßig in Europa und auch in Japan. Ich hatte Paeds Freundin letztes Jahr schon kennengelernt und sagte: “We met last year. We were drinking, you were driving.” Und sie sagte: “Ooh, I was drinking too.” Das machen sie hier so, es ist ganz normal. Als ich zum ersten Mal hier war, sah ich “If you’re drunk, let me call you a cab” an die Wände von Hamra (neben Gemmayzeh eigentlich das Ausgehviertel) gesprüht. Das brachte R. nur zum Lachen, die mich damals im Vollrausch durch die Stadt gefahren hat (bei Nacht). Ich hatte keine Angst, auch nicht danach. Es war zu aufregend. Paed und Yara tranken noch ein Glas Rotwein (Ksara, Beeka Valley) und fuhren (sicher) dann nach Hause.

Ich schrieb und als ich aufblickte, waren beide Barkeeper verschwunden und die Gäste kamen hinter die Bar und bedienten sich selbst. Nachdem keiner der beiden wieder auftauchte, zahlte ich bei einem Gast und ging von Gemmayzeh über die Stufen rauf nach Achrafieh.

Heute in der Früh sah ich, dass ich einen Anruf von Unknown um 3.39 Uhr hatte. Ich vermute es war M., die ich vor drei Jahren kennengelernt habe. Letztes Jahr sahen wir uns wieder für eine Stunde und zwei kleine Kaffee. Sie redete die ganze Zeit von Liebe und wie sie nicht wisse was das sei, love. “Do you know?” Naja, ich konnte auch nicht viel sagen. Sie habe einen Freund und sie glaube, sie liebe ihn. Aber er ist verheiratet und sie wusste damals auch schon, dass und auch wann sie mit ihm Schluss machen werde. Dass sie ihn liebe, wurde ihr klar, als sie einmal eine ihrer Freundinnen zu ihm mitnahm und beide aufforderte, miteinander zu schlafen. Sie wollte sehen, ob sie (selbst) eifersüchtig reagiere. Die beiden zögerten, aber M. drängte sie, bis sie anfingen sich zu küssen und auszuziehen. Da wurde sie unruhig und rief stop! Aber dann wollte sie doch, dass sie weitermachen. “I think, I love him because I had that reaction. But then I saw that he really wanted her, so I told them to keep on because I wanted it for him. Then, later, I slept with him.”

Die zunehmende Sonne reflektiert im Rückspielgel eines riesigen Geländewagens und beleuchtet einen kleinen Fleck an der Wand hier in der Bar. Es läuft Salsa, der von einem konstanten Brummen, wie von einem fetten Motorrad (Batman!) unterlegt ist. Die Hälfte der Gäste (2) steht vor dem Lokal und raucht. Die Leute, die ich hier gesehen habe, sind überwiegend zwischen 30 und 40, dezent gestylt. Da kommt Tony.
Nach einem kargen Gesprächchen: Tony kam von einem Fotoshooting. Jetzt liest er neben mir Jean Paul Sartre: Words. Er habe erst vor ein paar Monaten richtig zu lesen lesen begonnen. Als sie im Herbst in Berlin waren, zeigte ihm Mazen ein Buch von Paul Auster. Mit dem hat sein Lesen begonnen. “Since then, I am into books. He (Mazen) knew what to show me.” Ich überlege, ob ich in meines hineinschauen soll: Under The Sun. The Letters of Bruce Chatwin.

Früher Abend, Torino, wo sonst?: Auf dem Weg hab’ ich Mazen getroffen, der sagte: “Welcome home to Beirut.” Und: “When you stay in the Palace, Torino is your kitchen.” Yes, it is my kitchen, my writing kitchen. Mazen hab’ ich zur gleichen Zeit wie Sharif kennengelernt, zuerst als Trompeter. Erst später erfuhr ich, dass er auch Zeichner, comic-artist, ist. Im Sommer 2006, als Beirut von Israel bombardiert wurde, gelangte er durch seinen Blog (http://mazenkerblog.blogspot.co.at/2006_07_01_archive.html), in dem er über das Leben unter den Bomben berichtete, zu einer gewissen Berühmtheit. Täglich, oder so gut wie täglich, je nachdem, ob das Internet funktionierte, stellte er Zeichnungen und kurze Texte online, auf die es viele Reaktionen aus aller Welt gab. Mazen berichtete auch aus dem Torino. “Preassure creates diamonds,” sagte McCoy Tyner. Es ist mittlerweile voll geworden. Draußen ist es noch hell, dennoch werden schon Gin and Tonics verabreicht.

Mazen ist wahrscheinlich auch der bekannteste der Irtijal-Leute, auch weil er in zwei Welten bestehen kann. In der Musikwelt und in der Comic-Szene. Mit Sharif hat er die MILL Association gegründet, die das Irtijal veranstaltet, “a non-profit organization with the intent of promoting contemporary and experimental practices in music, and assisting projects that do not fit into the Lebanese mainstream, yet still present undeniable artistic value”. Sharif und Mazen sind unweigerlich miteinander verbunden, weil sie auch – damals noch gemeinsam mit Christine Abdelnour – die ersten waren, die Improvisationsmusik oder experimentelle Musik im Libanon spielten und veranstaltet haben. So wie es Mazen beschreibt, ist alles aus einer Teenager-Freundschaft, die sich rund um Musik formte, entstanden, durch sie möglich geworden. Die beiden haben gemeinsam viel über amerikanischen Free Jazz herausgefunden, über europäischen Free Jazz und Improvisationsmusik (Evan Parker!), gelernt frei zu spielen und andere mitgenommen. Sie haben Musikerinnen und Musiker eingeladen, in Beirut zu spielen und wurden selbst nach Europa und in die Vereinigten Staaten eingeladen. Mit den Jahren ist das Festival gewachsen und ist nach 14 Jahren jetzt was es ist. Es ist ihr Verdienst, aber genau hier muss ich einfügen, dass hinter all den Männern, die das Festival tragen, eine Frau steht, ohne die alles nicht so möglich wäre, wie es ist: Neila, die Mutter des Paten. Das Festival beginnt morgen. Heute Nacht kommen die ersten Musiker an, auch meine Freunde aus dem kleinen Österreich.

Ich schlafe ganz wenig aber ich fühle die Müdigkeit nicht in dieser Stadt. Neben mir reden Frauen, die gerade 30 geworden sind, über ihre wrinkles – tourists from the US, aber mit libanesischen Wurzeln. Zwei hübsche, afrikanische Frauen kamen herein und gingen ohne zu zögern hinter die Bar und was machen sie? Sie leeren die Mistkübel und nehmen die Säcke mit. Die beiden Kellner von gestern sind auch schon wieder da.

 

Mittwoch, 2. April. Im Garten des Palasts, Nachmittag.

Heute bin ich in den Dining Room umgezogen, eigentlich ins Musikzimmer. Es dient während dem Festival als Lager für die Instrumente. Ich freue mich schon, neben dem Kontrabass zu schlafen. Dieser Raum diene als Proberaum und ‘many recordings were made in there,’ sagte mir Sharif. Beim Eintreten erkannte ich den Raum, den ich bis dahin nur von Fotos kannte, braune Wände, großer Spiegel, koloniale Fenster. Heute beginnt das Festival.

 


 

In all den intensiven Tagen und Nächten fand ich keine Zeit und jetzt frage ich mich, wie ich über dieses Festival schreiben soll. Soll ich die Konzerte beschreiben? Das konnte ich noch nie, wollte es auch noch nie. Ist es mir zu schwierig? Ich glaube, wenn ich Musik in etwas anderes übersetze, übersetzen kann, dann ist es nicht in Text sondern in eine Haltung, in etwas Körperliches, das wahrnehmbar aber nicht fixierbar ist, wie ein Text. Music is fluent. Ich versuch’s mal so:

Es war eine Reise in vielerlei Hinsichten. Einmal von Mitteleuropa in den Nahen Osten (von Europa aus gesehen). Und dann von einer prekären Situation in Wien, die geprägt ist von Fragen, wie die übernächste Miete zu zahlen sein wird und von Antworten, die man nicht hören will, von Absagen, Ignoranz und Dummheit (aber natürlich auch von Freundschaften und guter Arbeit), hinein in ein Traumland, in dem ich in einem Palast untergebracht war, am levantinischen Mittelmeer im April, während eines Musikfestivals auf dem ich viele Freunde und Bekannte wiedergesehen habe, in einer Stadt, in der so vieles möglich erscheint, was mir zu Hause nicht so leicht von der Hüfte geht. Es war aber auch eine Reise in ein Land, in dem für Mitteleuropäer unvorstellbare Gesetze herrschen, Zensur, die Polizei aussieht wie eine Söldnertruppe und auch so agiert, die Menschen einschüchtert und einsperrt und sie nur gegen ein Lösegeld wieder freilässt. Diese Polizisten sind andere Menschen, sie sind größer, breiter und haben das Maschinengewehr in der Hand wie die jungen Frauen ihr Smartphone in der Bar gegenüber der Polizeistation.

Wodurch ist es möglich, dass ich durch einen Flug in einer völlig anderen gesellschaftlichen Sphäre ankomme? Dass ich vom “Hacklerkind” zum Prinzen oder zumindest einem der wenigen Palastgäste werde, obwohl ich nicht einmal ein Musiker bin, der am Festival spielt. Ermöglicht hat es die Kunst, die Musik und die Menschen, die sich ihr verschrieben haben. Um genauer zu sein, es ist die eher egalitäre Haltung, die innerhalb der Szene der Freien Musik vorherrscht, in Europa, den Amerikas, Australien, Asien, dem Nahen Osten und so weiter. Die Musik ist frei und vorbildlich. Je mehr Regeln in die Musik kommen, je mehr sie reglementiert wird, desto mehr unumstößliche Hierarchien tauchen plötzlich auf. Das ist auch ein Grund, warum diese Musik frei genannt wird.
Die Menschen, die Konzerte und Festivals veranstalten, ermöglichen uns mit ihr in Berührung zu kommen und somit auch mit den Menschen, die sie ausüben und lieben. Dadurch und durch die egalitäre Haltung können auf einer gleichen Ebene Beziehungen entstehen, durch die so etwas passieren kann, dass ich mich plötzlich im Musikzimmer des Palastes wiederfinde. Die Kunst macht es möglich. Ansonsten wäre ein solcher, wenn auch nur kurzfristiger, Sphärenwechsel ja nur durch Korruption möglich, sicher nicht durch “ehrliche” Arbeit, ich glaube, nicht in Beirut und sicher nicht in Wien.

Aber das ist nicht die Hauptsache meiner Reise, nicht der Hauptgrund, es ist ein Detail, das mir sehr angenehm war. Der Grund meiner Reise zum Irtijal ist immer die Musik und die Stadt mit ihren Menschen – die beiden Ideen gehören unweigerlich zusammen im Denken über dieses Festival. Ohne es würde ich sicher nicht immer wieder nach Beirut kommen und ohne Beirut hätte ich vielleicht schon einen April ausgelassen. Die Straßen, die Autos, die Hochhäuser und die Wildheit, ja, der Fatalismus mancher Menschen hat mich erfasst und weil ich hier nicht lebe, habe ich ein romantisches Bild von all dem behalten. Einmal, im Torino, am Nachmittag, sah ich einen Typen, gutaussehend, der dem Barkeeper den zweiten Schlüssel seines Autos gab. Er war ziemlich betrunken, hinkte und hatte einen Arm in der Schlaufe. Autounfall, konnte ich mithören. Er liebe es, zu saufen, ‘you know, I like the taste of it.’ Dann sagte er zum Barkeeper, dass er jetzt gehe (fahre), ‘and if I wreck my car, can you please get it for me.’ Neben ihm an der Bar saß ein junges Mädchen, dessen frisch servierte Bierflasche leicht überschäumte und, ihr Gesicht mir zuwendend, leckte sie den Schaum vom Flaschenhals. Die Musik in den Bars ist eher null acht fünfzehn.

Am Festival das genaue Gegenteil. Das Irtijal bietet immer eine gute Mischung aus Musik aus Europa, weniger aus den Vereinigten Staaten, regelmäßig aus Canada – was durch die Beziehung zu Radwan Mounmeh von den Constellation Records (http://cstrecords.com/) möglich ist – und Musik aus dem Libanon, Irak, Ägypten, Tunesien, Algerien, &c. Beirut ist also der Treffpunkt zwischen arabischen und europäischen Künstler/-innen – die Musik ist universell und dient als verbindendes Element. Jedes Jahr gibt es auch Kooperationen zwischen Leuten, die aus diesen unterschiedlichen Regionen stammen. Und die Genres werden vermischt. Über die vier Tage heuer konnte man die unterschiedlichsten Arten von Musik hören. Vorwiegend aber Improvisationsmusik in ihren undendlichen Variationen, Rockmusik, elektronische Tanzmusik, meist ohne irgendwelche Klischees zu transportieren. Aber auch Live-Comiczeichner waren zu sehen und Tanz und Zirkusartiges, das die Leute unheimlich begeisterte.

 Festivalprogramm: irtijal 14 booklet

Ich kann nicht sagen, dass die Stadt musikalisch ist. Sie ist aber immer auditiv präsent, man hat sie ständig im Ohr. Und wenn man sich darauf einlässt, hört man fast comicartige Szenerien. Magda Mayas machte regelmäßig Aufnahmen von der Stadt, zu dritt, zu viert (mit Tony Buck und Didi Kern), schlichen wir durch den Verkehr hinein in ruhige Gassen, die hinausführen nach Osten, in denen sich schlagartig Stille ausbreiten kann, also eine Ruhe in der man die Geräusche wieder voneinander unterscheiden kann. In den heißen Gassen in Mar Mikhael stehen viele alte Autos, die noch gefahren werden, sie grillen vor ihren Häusern, die Männer, Kinder fahren mit dem Rad oder laufen mit dem Einkaufssackerl an einem vorbei, Baumwurzeln heben die Straße auf, mächtige Äste ragen aus den Stämmen, die Stromkabel hängen in Bündeln von den Masten. Aus den Fenstern dringt manchmal Musik. Durch Magdas Aufnehmen, konzentrierte ich mich selbst – wir alle – noch mehr auf den Sound der Stadt. Ich nahm die vorbeilaufenden Kinder weniger als Menschen, mehr als Soundquelle war, auch den grollenden Verkehr weiter hinten und weiter vorne, auf den wir unweigerlich wieder zugingen und den wir mit dem Eintreten in die armenische Vorstadt wieder hinter uns ließen. Bourj Hammoud ist rasterartig angelegt, die Häuser sind aus den 40er- und 50er Jahren, zwei- oder dreistöckig und vor jedem zweiten ist ein Gemüsestand, oder man kann Pizzastücke kaufen, die zu jeder Zeit frisch gebacken werden oder es ist ein kleines Geschäft im Erdgeschoß, in dem man alles kriegt was man braucht. Die Leute gehen oder fahren mit den Mopeds, selten mit dem Auto, durch die engen Gassen. Wir näherten uns einem Geschäft, vor dem Küken in den unterschiedlichsten Farben verkauft wurden, Neonfarben wie die von Badeanzügen der 80er Jahre. Und die Leute kauften sie. Die Küken kamen in Papierstanitzel und ein Schauferl Futter dazu und die Kinder hatten eine Freude. ‘That’s the food for their whole life,’ sagte ich zu Tony, und er: ‘They’ll be dead by six o clock anyway.’ Magda hielt sich von uns fern. An einem anderen Tag waren wir drei mit Didi auf einem völlig überfüllten Markt unter den Autobahnbrücken – Jisr al-Wati, heißt auf englisch Under the bridge. Dort war dann alles auf einmal, die Leute rund um einen und der Verkehr über einem. Es gab kein Durchkommen unten und oben donnerte es unaufhörlich und die Leute waren gut drauf. Ich hoffe, ich höre mal die Aufnahme.

Aus einem Buch, das ich auf einer Fensterbank des Irtijal gefunden habe, http://www.kayfa-ta.com/:

How to Disappear

1. Sit alone in a public space like a café, garden or public square.

2. Try to shift your focus from the thoughts spinning in your mind to the sounds of the space surrounding you.

3. Consider the sounds that reach your ear, sound by sound, without granting any one sound greater significance than any other.

4. Contemplate the folds and creases of the sounds you now hear. When you hear the voice of a passerby, contemplate its tone and this tone’s depth, not only the meaning of its words. When an annoying car drives past, contemplate the harsh sound of it’s motor and the sonic spectrum of its reverberations. When you hear a distant radio, don’t focus merely on the singer’s voice or the song’s name, but rather contemplate the clarity of its frequency and listen to its static.

5. Prevent these sounds from forming a hierarchy; prevent them from occupying the foreground or retreating to the background. Always remember that you must place all sounds at the same distance from you.

6. You will find that your greatest difficulty is concentrating on the sounds themselves, for the thoughts, impressions, and memories that these sounds conjure up will persistently take over part of your concentration, pushing the real-time sounds to the background. Make sustained efforts to return to the sounds arising in your present moment, for your mission is only to listen to them, not to think about their meanings.

7. As time passes and you steep yourself in what you hear, you will discover an increasing number of sonic details around you. Each of these details will lead you to another; each sound will lead you to a neighboring one. At this point you will find that your inner voice gradually diminishes at the same rate by which you immerse yourself in your sonic environment.

8. When you ultimately succeed in listening to the place in its entirety, you will find that the distance between yourself and the space’s sounds has diminished, and that you have become part of the place. You will find that no one around you notices your presence; everyone will pass by without seeing you.

Haytam El-Wardany

Ähnlich wie in Wien ist es in Beirut normal, dass, wenn man sich mit irgendeiner Art von Kunst beschäftigt, man mit vielen anderen Formen in Berührung kommt. Die Kunstszene ist klein, man kennt einander und viele verfolgen nicht nur eine Art von Kunst. Mazen zum Beispiel oder Raed Yassin, der Bassist und bildender Künstler ist. Es bestehen Freundschaften zwischen Fotografinnen und Verlegern mit Musikern und visual artists oder Filmemacherinnen. Konzerte finden in Räumen, die für Musik vorgesehen sind, statt und in Kunstgalerien, vor allem die experimentelleren, freieren Konzerte, für die es ganz wenige Orte gibt, oder die Konzerte finden in Kinos statt – so kommen dann alle zusammen und mischen sich und arbeiten zusammen und die Musiker machen den Soundtrack zum Film in dem die Verlegerinnen eine Nebenrolle spielen und das Musikvideo entsteht als Tausch für den Soundtrack und die graphic designer designen die Plattencover, wenn es nicht von Mazen gezeichnet wird, und so weiter. Ich ging am heißen Vormittag durch Gemmayzeh und hatte kein Ziel, denke ich, als mich Charbel Haber rief. Ich erkannte seine Stimme aber ich sah ihn nirgends, bis ich hinaufblickte in den dritten Stock und ihn vom Balkon herunterwinken sah: ‘Third floor, on the right, come on!’ Ich betrat das koloniale Wohnhaus dessen Stiegenhaus, wie fast überall hier, keine Fenster aus Glas hatte, sondern elegante Eisengitter. Auf jeder Etage gab es zwei Eingänge, auf jedem zweiten war ein (designetes) Schild angebracht, das auf künstlerische oder “kreative” Aktivitäten in eben diesen Apartments schließen ließ. Oben dann, als ich in die weißen Räume des Studio Safar eintrat, bekam ich ein Glas kalten Weißweins in die eine Hand gedrückt und verschiedenste Leute schüttelten mir die andere. Es war die Präsentation der Nummer eins des Journal Safar (studiosafar.com) aus dem ich am Anfang schon zitiert habe. Charbel, der am Balkon in der Sonne saß und rauchte, hatte einen kurzen Text, der die Rückseite ziert, beigetragen. Ich sah viele Gesichter, die ich von den Konzerten und aus dem Torino und dem Internazionale kannte. An den Türstock gelehnt las ich

a worn out ode

to the fallen


since the summer of 58

an eternal fire


for a perpetual spring


under rugs


in reception halls


hotel suites and luxurious living rooms


gasoline gasoline

we need more gasoline

 

Die Stadt ist groß und durch eine Million syrischer Flüchtlinge, die in den Libanon kamen, einwohnermäßig nochmal um ein Vieles gewachsen, aber die Kunstszene ist klein. Die meisten Leute beschäftigen sich mit anderen Dingen.

Ich machte Interviews, oder wie ich lieber sage, ich führte Gespräche. Und nahm sie auf. An einem heißen Nachmittag mit Osman Arabi, den ich im letzten Jahr kennenlernte. Ich schrieb damals in mein Tagebuch: Osman Arabi kreuzte meinen Weg und bot mir die Stirn. Beim Reden schienen seine Augenbrauen wie eine schwarze Möwe davonzufliegen. Er erzählte von der Schießerei in Tripoli, in die er an jenem Tag geraten war. Er sei irgendwie daran gewöhnt, aber dass Leute auf einem Wagen sitzend um die Häuser cruisen und wahllos durcheinanderschießen, erlebte er zum ersten Mal (hautnah). ‘A guy with attitude,’ denke ich. ‘He’s very sincere in what he does, in his art,’ sagte Ziad (Nawfal). Das sieht man, wenn er seine Guitarre aus den Schultern heraus schüttelt. No bullshit. Er spiele alles: laut, leise, harsch, sanft, so wie es ihm gerade gehe.
Ich fragte ihn, wie er in der Nacht heim nach Tripoli komme. Entweder schlafe er bei jemandem oder er warte bis in die Früh auf den ersten ‘regular bus.’ Mit einem (privaten) Bus in der Nacht zu fahren sei viel zu gefährlich, die Fahrer seien wahnsinnig und regelmäßig stark betrunken. Sie rasen so schnell wie möglich, das Bier zwischen den Beinen und bauen sich regelmäßig ein, mit 200, oder was der Kleinbus halt hergibt. Man sehe immer wieder rauchende Schrotthaufen am Straßenrand. Einmal zwang Osman den Fahrer anzuhalten und ihn aussteigen zu lassen: ‘Fuck you, man! You go die alone!’
Übers Leben in Tripoli sagte er: ‘You know, sometimes I’m sick of playing the tough guy, but sometimes it’s fun, when you’re in the mood.’ Wenn er es nicht tue, würden sie glauben, dass sie stärker seien, die Gangster, und das wolle er ihnen nicht zugestehen. Und dann landet die schwarze Möwe wieder in seinem Gesicht und er lacht mit holländischem Akzent.

Wir trafen uns im Demo und redeten lange und währenddessen wurde mir die Bedeutung von Irtijal immer bewusster. Irtijal (= Improvisation) als Begriff und als Festival. Osman kommt aus der Metal-Szene, aus der finstersten Ecke, sag’ ich mal, und arbeitete sehr viel alleine und bis vor drei Jahren, als er zum ersten Mal zum Irtijal eingeladen wurde, spielte er auch nie (nicht mehr) live. Er sagte mir: “So with these guys I am always more loosening up, always open to new things. And in a way I can see where they come from or what their approach is. And I know, what my approach is but in a way, I manage now to combine both. So, I’m more at ease, I can take from there, I can take from there, I keep pushing and pushing things. … Especially last year, to me it was fucking mind-blowing. I went back home, I was like wow! okay. I have to rethink lots of things now. … That was the breaking point for me, with Irtijal, last year. After that performance (with Balasz Pandi and Stéphane Rives) I just realized all of this. Immediately right after. The next day I woke up I was like, fuck! Okay, now I get it. The guitar-stuff that you were listening to yesterday (solo-performance in Beirut Art Center) – I was doing that a long time ago but it wasn’t like that. I was trying to do that but I wasn’t able to do it. Every time I tried, the outcome would be fucking shitty. And I kept working on it for years until last year, after Irtijal, when I got back home, I grabbed the guitar and I was like: Now I know how I am going to get that and the moment I played, I got the same result that you heard yesterday. I was like: What the fuck! What the fuck is that? How did I do that? And I played it again, and I managed to do the same thing. I was like: Whaaat? How can I play the guitar that way? I didn’t know that. I was trying so hard to get that and I didn’t know how to do it and it was fucking magical – so, I’m grateful to Irtijal”.

Ein anderer, um 40 Jahre älterer, mit dem ich ein Gespräch aufnahm, ist Jean-François Pauvros, dessen Gestalt und Musik ich schon lange bewundere. Er saß mir im Hotel Port View mit Sonnenbrillen gegenüber und erzählte mir vom (temporären) Verlust seiner Sehkraft vor ein paar Jahren und seinem plaisir de toucher la guitarre. Es dauerte eine Weile bis wir flüssig redeten und da kam Vincent Fortemps, der Comiczeichner, mit dem er gemeinsam mit Wormholes (Sehnaoui/Kerbaj) zwei Tage zuvor gespielt hatte und sagte, sie müssen jetzt, die französische Botschaft lade zum Essen. J.-F. wollte eh nicht wirklich, aber er ging sich dann doch das Hemd anziehen und sagte, wir machen beim nächsten Treffen weiter. Ich hoffe so.

In der Lobby herumstehend läutete mein Telefon. Ich hob ab und die Freundin sagte mir: “Du, der H. ist verhaftet worden”. Was!? Ich sagte ihr, ich sei eh im Hotel und wir, meine österreichischen Freunde und ich, trafen uns in der Lobby. Wir standen uns ratlos gegenüber. Wir standen ratlos einer Stadt, einem Staat gegenüber, dessen Gesetze zwar von vielen Einheimischen mißachtet werden, aber dennoch gelten, auch für Touristen wie uns. Die Gesetzgebung ist keine viel andere als in anderen Staaten der Region, also sehr konservativ. Das Torino und das Internazionale können einen schon täuschen. Die libanesischen Freunde und Freundinnen, die ich von der Verhaftung unterrichtete, waren alle geschockt und eine sehr oft sofort gestellte Frage war: “Did they hit him?” No. Sie waren erleichtert, denn “if you’re Syrian, the would beat the shit out of you, or simple Lebanese.” Tarek Atoui, ein libanesischer Elektronikmusiker, der in Frankreich lebt, wurde 2006 auf der Straße festgenommen weil er sound recordings machte. “During the war in Lebanon in the summer of 2006, Atoui hit the streets to collect sound recordings. He was arrested and detained for three days, during which time he was whacked on the head and lost partial hearing in his left ear, permanently”. (Kaelen Wilson-Goldie, in: Ziad Nawfal, Ghalya Saadawi and Tanya Traboulsi, Untitled Tracks. On Alternative Music in Beirut. Amers Editions. 2010).

Mit einem Anwalt verbrachte ich eine Stunde bei unserem Freund auf der Polizeistation. Ich sollte von Französisch auf Deutsch dolmetschen, damit der Polizist nicht mitbekomme, was wir reden. Wir saßen in einem Raum, in dem ein alter schmutzig-beiger Großraumbüro-Schreibtisch stand, viel zu klein für den riesigen Polizisten, der uns im Tarngewand gegenübersaß, wie ein unsympathischer, angewiderter Henker. Am Tisch stand ein alter Computer, in den er immer wieder hineinschaute. Rechts neben dem Schreibtisch stand ein Bett aus Eisenstäben. Wir warteten auf einen offiziellen Übersetzer für die Aussage und saßen oft still da während der Anwalt und der Polizist auf Arabisch redeten. Ich stellte mir vor, was alles schon auf diesem Bett passiert sein konnte. H. war viel ruhiger als ich, in mir stiegen Aggressionen auf, wie Bläschen, und mit jedem Zerplatzen eines Bläschens wurde ich unruhiger, vor allem weil die Verhaftung und das Getue in keiner Relation – weder hier noch da – zu dem “Delikt” standen und meine Antipathie gegenüber dem Henker von Sekunde zu Sekunde anwuchs. Als ich nicht mehr gebraucht wurde und gehen konnte, verlief ich mich und kam in ein Zimmer, in dem zwei Uniformierte mit ihren Gewehren in der Hand an einem dreckig-beigen Tisch saßen. Ich erkundigte mich nach dem Ausgang und wurde gleich mal eingeschüchtert – die Methoden wirken sehr gut, wenn man sie nicht gewohnt ist. H. behielt immer seine Ruhe und Würde, zeigte weder große Angst noch Unterwürfigkeit. Als ich dann endlich rauskam war ich bleich, wie mir ein anderer Freund, der vor der Polizeistation gewartet hatte, andeutete. Ich ging zu den anderen ins Demo auf ein Bier. Ein paar Stunden später war unser Freund wieder frei, dafür legte beinahe unsere ganze Reisegesellschaft Geld und Gagen zusammen.

Eine andere Art, die Leute zu schikanieren ist Zensur, die ebenfalls sehr weit verbreitet ist. Ich wurde darauf aufmerksam, als ich im Torino ein kleines Heft, das beim Eingang auflag, in die Hand nahm und durchblätterte. Darin ging es um Zensur im Libanon und es fand sich ein Auszug aus dem Virtual Museum of Censorship abgedruckt (http://www.censorshiplebanon.org/Home). Das Museum of Censorship beinhaltet alle zensurierten Werke aus Literatur, Musik, Theater, &c. aber auch verbotene Auftritte von Künstlern und Morde an Journalisten. Gründe für das Verbot von Büchern, Filmen, Musik können sein: Beleidigung der Religion, jüdisch, politische Gefährlichkeit, Homosexualität, Erotik, und andere. Und hier erscheint die Bedeutung von Irtijal noch einmal in einem anderen Licht. Denn Improvisation kann man nicht zensurieren, nicht im Vorhinein, da sie ja erst auf der Bühne im Moment der Aufführung entsteht und nicht im Nachhinein, da sie ja schon passiert ist und man sie nicht mehr rückgängig machen kann. In der Musik ist diese Bedeutung der Improvisation vielleicht weniger prägnant, eher metaphorisch, aber im Theater, in dem Worte und Sätze gesprochen werden, können unmittelbare (politische) Botschaften vermittelt werden, die, wenn sie in dem überprüften Skript stehen würden, nicht zugelassen würden. Und wenn die Methode (oder ein Teil der Methode) des Theaters Improvisation ist, ist es auch schwierig, die Schauspieler und Schauspielerinnen des Betrugs oder Täuschung, d. h. der Vorlage eines Textes, der nur die Zensurbehörden zufriedenstellen soll, zu bezichtigen. So wird das Improvisieren in oppressiven politischen Verhältnissen von einem zutiefst menschlichen Verfahren zu einem subversiven Verhalten.

Durch das Kennenlernen all dieser Umstände und Zustände wird die Bedeutung des Irtijal-Festivals noch einmal anders begreifbar. Die Organisation und Durchführung einer solchen Veranstaltung in einem solchen Rahmen ist ganz und gar nicht selbstverständlich. Zum einen, weil die gesellschaftlich und religiös aufgeschlosseneren Menschen sich nicht unbedingt mit solcher Musik beschäftigen. Eine Bekannte aus dem Beirut Art Center, die hin und wieder bei Konzerten dabei ist, sagte mir schon öfter: “I don’t like experimental music,” aber ich habe auch den Verdacht, dass sie auf das Zuhören auch gar keine Lust hat. Die Menschen beschäftigen sich mit Kino oder anderen Formen von Musik, mit Literatur &c. und nicht mit experimenteller, freier Musik, die gar keine Tradtion hat im Libanon, das heißt, keine Tradition außer 14 Jahre Irtijal. Zum anderen ist es nicht selbstverständlich, dass es Irtijal in Beirut gibt, weil die staatlichen Rahmenbedingungen alles andere als freundlich sind. Es gibt gar keinen Support von offizieller libanesischer Seite. Sharif erzählte mir einmal von der Antwort, die er bekam, als er bei offiziellen Stellen wegen einer finanziellen Unterstützung nachfragte: “What? You don’t make money with this? So, why do you do it?”

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