DRIFT

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Linernotes zu Katharina Klement, DRIFT. chmafunocords. Graz.

Von der Jägerstraße gelangt man über den Gaußplatz durch einen kleinen Eingang in den Augarten. Geht man über die Kieselsteine durch die schräg links abzweigende Allee, steht man bald vor dem größeren der beiden Flaktürme des Augartens, dem Gefechtsturm. Man sagt, er beherberge hinter seinen zweieinhalb Meter dicken Wänden eine Orgel, von der niemand wisse, warum sie der Architekt Friedrich Tamms miteinbauen hatte lassen. Die Orgel wurde wohl nur ein einziges Mal gespielt, das war am 12. März 1945, genau sieben Jahre nach dem Tag des Anschlusses. Wien wurde mit tausend Flugzeugen aus dem Himmel benannten Darüber bombardiert. Die Menschen liefen in die Flaktürme um Schutz zu suchen. Die Fledermäuse segelten traumbehangen und elliptisch davon. Im Gedränge wurde einer durch eine offenstehende Tür gedrückt, die zufiel und ihn alleine mit der Orgel einschloß. Der Mensch, dessen Identität nie festgestellt werden konnte, wurde am Tag nach dem Bombardement tot, über die Tasten der Orgel gebeugt, aufgefunden. Seine Wirbelsäule, die zwischen Hut und Kragen zum Vorschein kam, war nur von zarter, weißer, fast durchsichtiger, Haut überzogen. An der Wand waren folgende Worte mit Kreide geschrieben:

Schutz suchte ich und wurde gefangen. Doch gefangen war ich schon lange.
Mit den Massen strömte ich und fand mich isoliert. Doch isoliert war ich schon lange.
Warum also suchte ich Schutz vor den Bomben? Weshalb wollte ich dem Tode entfliehen?
Der unzynischen Musik wegen.

Heute ist der Gefechtsturm unzugänglich, sein Innenleben ein Geheimnis der Fledermäuse. In den Orgelpfeifen steht noch die Luft von damals. An der Außenwand wurde der Schriftzug NEVER AGAIN! aufgemalt. Der Augarten ist ein Rekreationsort, in dem Rameau’s Neffe alltäglich –qu’il fasse beau, qu’il fasse laid– um fünf Uhr seine Spaziergänge tätigt.

Den Stücken von Katharina Klement ist das Unzynische eingeschrieben. Die hier versammelten Kompositionen
wie Tag und Nacht
Drift
in dem HIMMEL benannten Darüber
spiegeln sich ineinander und sie widerspiegeln die Elemente unserer Gegenwart. Der Übergang zwischen Tag und Nacht und Nacht und Tag ist ein Drift und vollzieht sich im Himmel benannten Darüber. Das Unzynische ist die Färbung dieses Himmels. Drift steht also für ein Dazwischen, fürs Liminale, die Fähre über den Fluß der Musik, den nicht fixierbaren Ort des Übergangs von einem zu anderem oder dem anderem zum einen. Drift bedeutet das passive dem Dazwischen Ausgeliefertsein als auch die Praxis der Verschiebung. Die Stücke resonieren mit der Verlagerung in den Elementen unserer Zeit. Sie befinden sich in einer nicht auflösbaren Liminalität, oder einem musikalischen Schweben, zwischen akustischen und elektronischen Elementen. Das Ankommen auf einer Seite, oder eine Zuordnung, ist nicht beabsichtigt. Existenzieller ist die poetische Ungebundenheit des unzynischen Tuns dazwischen.

Die Farbe der Stücke ist so dunkel wie die Zeit, in der sie entstanden sind : einer Ära der Vereinzelung der Menschen durch ihre Abhängigkeit von elektronischen Geräten, einer Ära der Verlagerung ins Digitale. Katharina Klement komponierte diese gesellschaftsbestimmende Beziehung zwischen analogen und digitalen Welten, aber –und das bleibt der Künstlerin überlassen– mit einem positiven, einem poetischen Ausgang, einem unzynischen Werk. Drift ist ein Echo des Grausamen in der Welt, es beschreibt eine unmerkliche, aber fühlbare, Verschiebung, eine Schuttverlagerung im Gefechtsturm, von dem das gauklerische Treiben im Park nonchalant unbeeindruckt bleibt, allein die Vögel und Fledermäuse müssen ihre Flugbahnen adaptieren. Nur wessen Atmosphärensinne geschärft sind, merkt die Verschiebung der Alleen des Parks, die sich wie Zeiger bewegt haben oder wie Saiten einer Zither neu aufgespannt worden sind.

Das Unzynische demaskiert das Zynische, stellt es bloß. Es macht die Schuttverlagerung in der Gesellschaft sichtbar, oder die Anpassung : denn das Zynische regiert, ist der Normalfall, die Nahrung des Alltags und das Unzynische strebt danach, nicht regiert zu werden, es gibt anstatt zu akkumulieren, es ist unendlich und unzerstörbar, furchtlos. Das Zynische hat Angst um seine Endlichkeit, seine Auflösung und den Verlust seines Besitzes. Das Unzynische ist das Poetische, die Flugbahn der Fledermaus, der Wuchs der Bäume, der Verlauf der Töne in Drift.

Philipp Schmickl

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FlakturmKiraDavid

Foto : Kira David

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Linernotes for Katharina Klement, DRIFT. chmaunochords. Graz.

Coming from Jägerstraße, a small entrance takes you across Gaußplatz into the Augarten. Walking on the gravel path down the avenue that angles off to the left, you soon find yourself standing in front of the larger of the two flak towers in the Augarten, the Gefechtsturm or Combat Tower. Hidden behind its two-and-a-half-metre-thick walls, it is said to house an organ that the architect Friedrich Tamms had installed, though just why is not known. The organ was probably only played once, on 12 March 1945, seven years to the day after the Anschluss. Vienna was being bombed by a thousand planes from the above that we call the sky, the heavens. People fled to the flak towers seeking protection. The bats soared away elliptically, heavy with dreams. In the general crush, one person was pushed through an open door that closed behind him, shutting him in alone with the organ. The day after the bombing, the person, whose identity was never ascertained, was found dead, bent over the keys of the organ. His spine, peeking out between his hat and collar, was covered only with delicate, white, almost transparent skin. On the wall were chalked the words:

Looking for protection, I was trapped. But I had been trapped for a long time already.
Flowing with the masses, I found myself isolated. But I had been isolated for a long time already.
Why, then, did I seek shelter from the bombs? Why did I wish to escape death?
For the sake of uncynical music.

Today, the combat tower is closed off, its interior a secret of the bats. The same air as then lies within the organ-pipes. Someone has painted the words NEVER AGAIN! on the outside wall. The Augarten is a place of recreation where Rameau’s nephew takes his daily walk at five o’clock—qu’il fasse beau, qu’il fasse laid.

The uncynical is an inherent trait of Katharina Klement’s pieces. The compositions assembled here
wie Tag und Nacht
Drift
in dem HIMMEL benannten Darüber
are reflected in each other and they reflect the elements of our present day. The transition between day and night, and night and day, is a drift and takes place in the above that we call the sky, the heavens. The uncynical is the colour of this sky. Drift, then, stands for the in-between, the liminal, the ferry across the river of music, the indeterminate place of transition from one to another or from another to one. Drift means being passively at the mercy of the in-between and the practice of shifting. The pieces resonate with the shift in the elements of our time. They are set in an insoluble liminality or musical limbo between acoustic and electronic elements. The idea is not to arrive on one side or to make allocations. Of greater existential importance is the poetic freedom of uncynical action in between.

The colour of the pieces is as dark as the time in which they were created: an era of human isolation due to our dependency on electronic devices, an era of shifting into the digital sphere. Katharina Klement composed this socially relevant relationship between analogue and digital worlds, albeit—and this is at the artist’s discretion—with a positive, a poetic outcome, an uncynical work. Drift is an echo of the cruelty in the world, it describes a mysteriosly invisible, unhearable, untouchable, ultimately unlocable but nonetheless palpable shift, a movement of debris inside the combat tower that leaves the showy hustle and bustle in the park nonchalantly unperturbed; the only ones who have to adjust their flight paths are the birds and the bats. Only those with finely attuned atmospheric senses will notice the shift in the park’s avenues, that have moved like the hands of a clock or that have been restrung like the strings of a zither.

The uncynical unmasks and exposes the cynical. It reveals the debris shift in society, or the adaptation: for the cynical rules, is the norm, the food of everyday life, and the uncynical strives not be ruled, it gives instead of accumulating, it is infinite and indestructible, fearless. The cynical fears its finitude, its dissolution and the loss of its property. The uncynical is the poetic, the flight path of the bat, the growing of trees, the progression of tones in Drift.

Philipp Schmickl, thank you Andrew Choate