Über die Simultanität von Ort und Musik. Quanten 69 und 70.

In diesem Sommer, der bekanntlich einer war, wie wir ihn zuvor noch nicht erlebt haben und der uns einige neue Regulierungen und Vorschriften eingebracht hat, ist es Thomas Stempkowski und seinem Komplizen Erwin Schober – dem Pädagogen mit der tiefen Stimme – gelungen, eben diese Regulierungen als Inspiration zu nutzen und die Konzerte, die sonst in der Quanten-Kammer (https://thomas-stempkowski.com/quanten-kammer-fuer-musik/#&gid=psgal_332_1&pid=2) bzw. gar nicht stattgefunden hätten, wie selbstverständlich in den Garten zu verlegen. Was – wie ich vorhabe anhand der Quanten-Konzerte 69 und 70 zu veranschaulichen – einen Glücksfall bedeutete, dessen Beschaffenheit weit über das Heurigenhafte eines Gartenkonzertes hinausgeht.

Geht man durch das Eingangstor der Nr. 32-34 der Siebensternstraße im siebten Wiener Bezirk, und passiert man einen weiteren, etwas niedereren Durchgang, erreicht man den zweiten Hof und es eröffnet sich ein Freiraum aneinandergrenzender Parks, Schul- und Innenhöfe. Zur rechten ragt eine weißgeschindelte Wand schwindelerregend in den an jenen Tagen hellblauen Spätsommerhimmel. Je weiter links der Blick sich wendet, je mehr Grün beruhigt das Auge, den Geist, die Lunge: eine hohe Linde und Ahornbäume, eine Wiese, junge Obstbäume, Stempkowskis Gemüsegarten. An der Mauer, die das Terrain vom Nachbargarten trennt, steht eine warm erleuchtete, vom studierten Konzertbassisten, Hochbauingenieur und gelernten Tischler selbst gezimmerte Holzbühne. Davor sind Sonnensegel über die Wiese gespannt, ein Zeltpavillon steht dahinter, unterschiedlichste Stühle, zum Teil gepolstert, stehen in unordentlichen Reihen bereit, umgestellt zu werden. Im Rücken des Publikums ist der Garten von einem Glashaus und Hochbeeten begrenzt, einzelne Kräutertöpfe stehen verstreut als seien sie wild aufgegangen. In einer mit Wasser und Eis gefüllten Scheibtruhe stecken Wein- und Bierflaschen, die man an der weiß gedeckten Bar bekommt. Sein Geld wirft man in einen Hut. Den Geldwert, der dem Eintrittspreis und den Getränken zubilligt wird, errechnet sich aus der jeweiligen Generosität der/des Einzelnen. Ein kurzes Zögern wird von Erwin Schober mit der Aufforderung, möglichst viel hineinzuwerfen, quittiert.

Während des Übergangs vom Tag zur Nacht beginnen die Konzerte. Es kühlt etwas ab unter der Linde, bleibt aber mild. An dieser Stelle möchte ich zum Besonderen des Glücksfalls “Quanten-Garten” vordringen. Zu den Quanten69 lud sich Thomas Stempkowski (Kontrabass) Mats Gustafsson (Saxophone) und Lukas König (Schlagzeug) ein, zu den 70. dann Christof Kurzmann (Laptop) und Mona Matbou Riahi (Klarinette). Die beiden Konzerte waren sehr unterschiedlich. Da bei den Quanten69 am 9. September die Musik eher laut und so viele Leute anwesend waren, dass um 21.30 Uhr die Polizei einschritt und den Abend beendete, war bei den Quanten70 am 22. September die Sitzplatzanzahl stark reduziert und die Musik wurde ganz leise gespielt.

9. September: Schon längere Zeit an meinem Platz auf das Konzert wartend, verlor ich mich in den Baumwipfeln, ihrem Rauschen und dem Zirpen der Grillen. Mein Geist, der angesichts sich aufschichtender schlafloser Nächte sehr unruhig arbeitete, mäanderte durch den Garten. Lukas König eröffnete das Konzert und mir schien, als setze er gleich mit dem ersten Schlag eine Elektronik in Gang, die alle akustischen Zwischenräume versiegelte und einen Summton über sein Spiel legte, der das akusmatische Grillengezirpe unhörbar machte. Bald aber, als Mats Gustafsson sich in das Stück hineinatmete und Stempkowski sich in die nun innerhalb der Musik entstehenden Öffnungen mit der Nonchalance der Grillen eingravierte, war dieses elektronisch-atmosphärische Dröhnen wie eingewoben. Gustaffson spielte Jazz, oder auch nicht. Das typische Röhren ließ auf sich warten, stattdessen glich sein Spiel eher einem sanften Blöken, das zum Teil so fein war, dass es ungemein mitreißend wirkte: weitaus energetischer und vitalisierender als baritones Gebrüll. Königs Schlagwerk kam gedämpft, wie von außerhalb der Atmosphäre, in den Garten. Wie das Trommeln unterschiedlich schwerer Regentropfen und Hagelkörner am Dachfenster des Resonanzkörpers Schlafzimmer in dem ein Dämmerschlaf Träume von quietschenden Metallen produziert. Sooft Stempkowskis helles Bassspiel aus dem Hintergrund nach vor tendierte und deutlicher hörbar wurde, sich die drei Instrumente also in einem akustisch-egalitären Raum trafen, war die Musik großartig: ein aufhellendes Dunkel – das wiederholt Raum für das Rauschen der Blätter über uns eröffnet.

Es ist anzunehmen, dass es den drei Musikern nicht um ein symbiotisches Verhältnis in der Simultanität von Ort und Musik gegangen ist. Dennoch machte sich der Ort in ihrer Musik immer wieder bemerkbar, vor allem zu Beginn des Konzerts als Phantom in seiner Negation durch Überdecken sowie in leiseren Momenten, wenn sich der ephemere akustisch-egalitäre Raum auch auf das Klingen der Blätter und das Plaudern der Vögel und Insekten ausdehnte.

Woher solche Gedanken? Im Frühjahr dieses Jahres, als keine Livekonzerte stattfinden konnten, fuhren wir zuweilen ins Burgenland. Unsere Musik war die der Vögel, denen wir beinahe ungestört von Straßen- und Flugverkehr zuhören konnten, ganz besonders in den Übergangszeiten von Tag zu Nacht – aber auch von Nacht zu Tag. Je weiter das Jahr fortschritt, desto mehr Stimmen (Vögel, Frösche, Grillen, Libellen, Sträucher, Bäume, etc.) gesellten sich diesem “Globe Unity Orchester” hinzu, das nun auch während des Tages eifrig spielte, oder zumindest probte. Sobald das Nachlassen des Windes den Sonnenuntergang ankündigte, gingen wir hinauf zu den Bäumen, tranken Wein und lauschten dem Orte wie einem Konzert. Ein Konzert, das natürlich keines war. Was wir hörten, stellte nur ein Ausschnitt dar aus einer Musik ohne Anfang und Ende.

Beim Quanten-Garten-Konzert am 22. September war die Witterung nach wie vor mild, das Licht etwas matter, feuchter, aber immer noch leuchtend. Das Publikum, ein familiärer Kreis an ZuhörerInnen, verteilte sich entspannt über den Garten, es wurde leise gesprochen, manche zogen sich sogar die Schuhe aus. Die Nacht fiel und das Konzert begann. Der Lautstärkenpegel hob sich nur unmerklich. Es war die Konzentration der Hörenden und Spielenden, die einen gemeinsamen Fokus schuf und den Raum absteckte, in dem wir die nächste Stunde gemeinsam verbringen sollten. Ein nicht-materieller Raum, der durch seine Beschaffenheit offen war für das Nichtmaterielle des materiellen Raumes, in den er projiziert wurde. So konnte die “wirkliche Welt” mit der gemeinsam geschaffenen “geistigen Welt” der Musik ineinanderfließen. Das zarte Quietschen eines großen Vogels aus Mona Matou Riahis Klarinette, das sanfte Streichen eines Riesen aus Stempkowskis Bass und das entfernte Rauschen des Amazonas aus Christof Kurzmanns Laptop mischten sich in die Gegenwart der weit phrasierenden Grillen und dem anhaltenden Rascheln der Linden und Ahornbäume. Ich hörte die Töne wie zähe Flüssigkeiten sich verbinden und in Bändern im Raume hängen welche stets von Richtung Bühne wandernden Grillen verschoben und gedreht wurden. Auch das Gerumple der Straßenbahnen und die unruhigen Stimmen der Siebensternstraße tönten durch die offenen Fenster unseres Raumes. Die Konzentration in der “geistigen Welt” verlieh dem In-der-Welt-Sein den Glanz einer spontanen musikalischen Schöpfung.

Die Möglichkeit einer Wahrnehmung der Simultanität von Ort und Musik entsteht an einem physischen Ort in einem offenen immateriellen, “geistigen”, Raum, der von Tönen begrenzt wird. Oder auch nicht. Ob die Wahrnehmung der Simultanität möglich wird, entscheiden nicht die Zuhörenden und auch nicht der Ort selbst, sondern schlußendlich jene, die die Instrumente in Händen halten um den Raum gleichzeitig abzustecken und offen zu halten. Sicher ist nicht jeder physische Ort interessant genug, um in den musikalischen Raum eingeladen (hereinzitiert) zu werden. Das Charakteristische anderer Orte wiederum, hat das Potential die Musik zu bereichern. Der Quanten-Garten gehört uneingeschränkt zu letzteren.

erschienen in freiStil #93