Vorwort zu THEORAL NO. 15 – All the Genres

by thefuckle

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Die Akte der Berührung der Welt sind profan
Der Wille danach heilig
Schmickelangelo

coverNr.15_moni

THEORAL NO. 15 ==>>

Am 15. Mai 2019 gegen 21 Uhr entlädt sich das längstens erwartete Gewitter über dem Flughafen Benito Juárez in Mexiko-Stadt, der daraufhin für eine Stunde gesperrt wird. So beginnt die abschweifende Fassung des Vorwortes zu diesem Buch. Zum musikhistorisch relevanten Teile eile der geneigte Leser zu Seite 10. Die Passagiere des Fluges IB 6402 sind längst an Bord und warten in ihren Sitzen, immobil wie der eiserne Vogel, auf den Abflug. Der Geruch des aufgewärmten Abendessens entweicht den silbernen Schalen und breitet sich von hinten nach vorne durch die Gänge aus. Die Mägen der Wartenden knurren. Der Regen fällt aus dem schwarzen Himmel wie Kies auf das stehende Flugzeug, die Flügel und Turbinen. Über die Scheiben laufen Ströme wie auf der Flusskarte von Südamerika.
Das Wasser in der Luft bindet die Partikel, den Staub, den Ruß, also den Esmog, der seit Wochen das Leben in der Metropole verdeckt, der nachts in ruhigen Straßen wie Wasserdampf aus den Laternen hervorquellt, tagsüber die Wolken und den an sich blauen Himmel abschirmt. Der bleiern in Lungen dringt, Schritte verlangsamt, Herzen beschleunigt, Messer in Brustkörbe steckt und wieder herauszieht. Die Temperaturen waren zu hoch in den Tagen vor dem Regen, auch in der Nacht. Zur Kontamination durch den Verkehr – in der Stadt gibt es elf Millionen Autos, acht mehr als 20041; der Flugverkehr ist für den Beobachter vom Dach enorm, im Vergleich zu anderen Flughäfen aber, gemessen an den Passagieren, gar nicht so extrem2 – kommt eine Welle von Bränden, zwanzig davon in der Stadt und etwa dreißig im Bundesstaat México3. Die offizielle Empfehlung lautet: Keine Aktivitäten im Freien, zu Hause bleiben, die Fenster geschlossen halten. Am erwähnten Tage blieben auch die Schulen geschlossen.

1 El País, Miercoles 15 de mayo de 2019
2 Flughafen Benito Juárez, Mexiko-Stadt, 2018: Transportierte Passagiere: 47.700.547; Luftfrachtverkehr: 581.675,3 t. https://www.aicm.com.mx/acercadelaicm/archivos/files/Estadisticas/Estadisticas2019Junio.pdf, aufgerufen am 3. August 2019. Im Vergleich dazu London Heathrow, 2018 der sechstgrößte Flughafen der Welt: 80.124.537 Passagiere; http://www.caa.co.uk/uploadedFiles/CAA/Content/Standard_Content/Data_and_analysis/Datasets/Airport_stats/Airport_data_2018_annual/Table_09_Terminal_and_Transit_Passengers.pdf, Luftfracht: Luftracht: 132.998; http://www.caa.co.uk/uploadedFiles/CAA/Content/Standard_Content/Data_and_analysis/Datasets/Airport_stats/Airport_data_2018_01/Table_14_International_and_Domestic_Freight(1).pdf; aufgerufen am 3. August 2019.
3 El País, Miercoles 15 de mayo de 2019


Der Regen wäscht nun die Atmosphäre wie die Hausmeister den
Gehsteig mit einem Kübel Seifenwasser. Die Verschmutzung wird abgespült, der Regen reißt sie mit sich und alles fließt über die verstaubten Kakteen, die ergrauten Blätter der Bäume, die Dachterrassen, die polierten und unpolierten Motorhauben, Straßen und Gehsteige und verschwindet in den tektonischen Ritzen der Erdkruste. Die Passagiere des Fluges IB 6402 von Mexiko-Stadt nach Madrid werden nicht mehr an dem Spektakel teilhaben wie Tenochtitlán frisch gewaschen in transparenter Höhenluft von der ewig leuchtend emporsteigenden Sonne angebetet wird und die Mexicas die Auferstehung der Farben feiern. Die Passagiere, der in der Frühe ankommenden Flüge, werden im Landeanflug die Stadt und die Vulkane in Klarheit betrachten können, sie werden Chapultepec und die Wolkenkratzer entlang des Paseo de la Reforma bewundern. Nach der Landung werden sie Taxis vom Flughafen nehmen und sich in den Stau einreihen, sich einfügen in die träge Masse, die wie zähflüssige Lava durch die offenen Venen des monstruo, der Stadt, rollt. Die Asche über der Glut der Brände wird auftrocknen und die Feuer wieder auflodern, heißer Ruß wieder aufsteigen und die Luft verfetten zwischen den zwanzig Millionen Menschen, die täglich in der Stadt zu tun haben und die sich auf so engem Raume durch die Stadt bewegen, dass nur die kleinste Unregelmäßigkeit reichen würde–.

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Vor 43 Jahren ist Erich Fromms Buch Haben oder Sein erschienen. Es ist das vorletzte einer Buchreihe, die von der US-amerikanischen Philosophin Ruth Nanda Anshen unter dem Titel World Perspectives4 herausgegeben wurde und “die sich die Aufgabe stell[t], kurze Schriften der verantwortlichen zeitgenössischen Denker auf verschiedenen Gebieten herauszugeben. Die Absicht ist, grundlegende neue Richtungen in der modernen Zivilisation aufzuzeigen, die schöpferischen Kräfte zu deuten, die im Osten wie im Westen am Werke sind, und das neue Bewußtsein deutlich zu machen, das zu einem tieferen Verständnis der Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Universum, Individuum und Gesellschaft sowie der allen Völkern gemeinsamen Werte beitragen kann.”5 Fromm beschreibt in seinem Beitrag zwei Wege, an denen sich Menschen in ihrem Leben orientieren können: An der Existenzweise des Seins, als einem Versuch, das Leben aktiv (nicht aber geschäftig) und unabhängig von den Ideologien Konkurrenz, Besitz oder Profit zu führen um einen positiven Teil zum Gesamten beizutragen; die Dinge, Orte, Häuser zu nutzen und zu teilen anstatt sie zu vereinnahmen.

4 Die Serie umfasst 45 Bücher von Autoren wie Marshall McLuhan, György Lukács, Ivan Illich und vielen anderen.
5 Ruth Nanda Anshen, zit. in Erich Fromm (2019), Haben oder Sein. 46. Aufl., München: dtv. S. 248

 

Die Existenzweise des Habens hingegen, vorherrschend in den so genannten westlichen Gesellschaften und exportiert in ihre Kolonien, ist geprägt von Streben nach Besitz und Gewinn sowie der Ausweitung von Einfluss und Macht, was die Unterdrückung und Ausbeutung von Mensch und Natur zur Folge hat. Die Orientierung am Haben führt somit in die allmähliche Unbewohnbarkeit der Welt: in die Zerstörung dessen, was begehrt wird. Fromm stellt die Frage, ob es eine Alternative zur Katastrophe gebe. – – Seine Vorschläge, wie sich die Gesellschaft langsam der Existenzweise des Seins annähern könnte, sind naturgemäß nicht berücksichtigt worden. Im Gegenteil, das Haben und Nichtteilen sind vorherrschender denn je, haben vom Privaten aus auf die Politik übergegriffen. Die vereinte neue Menschlichkeit, die frei von ökonomischen Zwängen, Krieg und Klassenkampf in Solidarität und Frieden miteinander lebt,”6 bleibt das alte, oft bemühte, Phantom, das spätestens seit der Sesshaftwerdung des Menschen, durch die Jahrhunderte reist, bisweilen im selben Flugzeug wie Mastemann oder Graf Dracula, first class, eine Flasche Laurent Perrier.

Y ustedes y yo y todos
sabemos que el tiempo es más pesado que la más pesada carga
que puede soportar el hombre.
Juan Rulfo

 

Es sei erstaunlich, dass die Stadt funktioniere sagen die Chilangos, die Einwohner von Mexiko-Stadt, que haya agua!, dass es Wasser gebe, nachdem die Spanier im XVI. Jahrhundert, als sich der letzte Adler niederließ, das Seengebiet, auf dem Tenochtitlán erbaut worden ist, trockengelegt haben. Der Müll liege, wenn, dann nicht lange auf der Straße, auch in weniger sicheren Gegenden. Die Busse und U-Bahnen fahren weitgehend störungsfrei und mit überhundertprozentiger Auslastung. Auf den Märkten und in den Straßen verkaufen Menschen frisch zubereitete Tacos, Tlacoyos, Tamales, Tlayudas, Tostadas, etc. zu einem honetten Preis. Aber woher kommt der tägliche Mais, woher das Fleisch, die Jitomaten, die Fische und Früchte für die zwanzig Millionen? Die Wälder frischen Korianders?

6 ebda. S. 213

Seite 10

Das ist die Bourgeoisie,
und des bin i.
Schmickelangelo

Philipp Quehenberger und Didi Kern lernten sich Ende der 1990er Jahre in Wien kennen und haben in den letzten zwanzig Jahren ungefähr tausend Konzerte miteinander gespielt. Quehenberger, der in Innsbruck mit Free Jazz, Kunst, aber auch Punk aufgewachsen ist kam ein Jahr nach Kern, der in Linz mit Punk und Hardcore sozialisiert wurde, aus demselben Grund nach Wien: Techno (im weitesten Sinne). Im Umfeld der Labels Cheap und Mego fand auch ihre erste Begegnung statt. Am 10. Mai 2002, zu Beginn dieser wunderbaren Freundschaft, hörten sie ihr erstes Free Jazz Konzert gemeinsam: ein Klavier- Schlagzeug-Duo von Cecil Taylor und Tony Oxley im Jazzatelier Ulrichsberg am zweiten Tag des Kaleidophons. Hans Falb erzählte, dass er im selben Auto wie Philipp Quehenberger anreiste. Sie saßen nebeneinander auf der Rückbank, Quehenberger im Anzug. Hauna fragte ihn, warum er sich so fesch gemacht habe. Daraufhin zog Philipp ein Foto aus der Innentasche des Sakkos auf dem er als Kleinkind auf dem Schoß von Cecil Taylor zu sehen ist und fragte ihn, so Falb, ob es möglich wäre, nach dem Konzert backstage zu gehen. Sicher, antwortete dieser.

Die Interviews sind (mit einer Ausnahme) chronologisch nach den Aufnahmedaten angeordnet. Das letzte sowie das erste sind Dreiergespräche, für die quasi keine Themen vorbereitet wurden und die als reine Improvisationen angesehen werden dürfen. Als Gegenstand dieser Gespräche entfaltete sich das Verbindende: die Orte, wie das Celeste; die Personen, vor allem Marco Eneidi und Franz West; das Philosophische und das Psychedelische; Improvisation, Raum und Space; das Kennenlernen im Hause der Labels Mego und Cheap; Geschichten und Anekdoten. Die je zwei Einzelgespräche stellen eher thematische Improvisationen über Herkunft und Werdegang dar: das Aufwachsen in Innsbruck bzw. Linz, den move nach Wien und Projekte ohne den jeweils anderen sowie das finanzielle Überleben zwischen Underground und Theater. In den Interviews ist die eine oder andere Wiederholung stehengeblieben, da manche Gedanken in unterschiedlichen Kontexten aufgetaucht sind bzw. in unterschiedlicher Intensität erzählt worden sind. Die zwei zentralen Figuren im Verhältnis Kern/Quehenberger waren der Wiener bildende Künstler Franz West und der US-amerikanische Altsaxophonist Marco Eneidi, die beide Anfang der Zweitausender im Leben der Musiker wichtig geworden sind. West ein wenig früher. Seine Rolle war die des größten Fans und des Auftraggebers. Das Duo spielte europaweit auf Wests Vernissagen und Ausstellungen (immer wieder auch im Trio mit Marco Eneidi) und fügte so dem Plastischen eine akustische Dimension hinzu. West hatte aber auch schwierigere Aufgaben für die beiden, etwa sollten sie ein John- Cage-Stück einspielen oder sie wurden für eine Oper engagiert. Der Beziehung zu ihm eignete auch eine mutuelle Schutzfunktion: West versorgte Quehenberger/Kern mit genug Aufträgen, damit sie ihr finanzielles Auskommen – grad und grad – als Musiker finden konnten und im Gegenzug beschützten die Musiker Franz West bei öffentlichen Veranstaltungen vor unliebsamen Gesprächspartnern und Gesprächspartnerinnen mit ihrer Musik.

Die Ankunft Marco Eneidis in Wien 2004 war mitentscheidend für die musikalische Entwicklung der beiden Musiker. Er symbolisierte ein Interesse, eine Begeisterung, eine Sehnsucht, die sie schon längere Zeit in sich trugen: den afro-amerikanischen Free Jazz. Philipp Quehenberger sagt in diesem Zusammenhang: “[D]ass der Marco mit dem Cecil Taylor gespielt hat, war schon Grund genug, dass ich da jede Woche hingehe.Eneidi war italienischer Abstammung, er wuchs in Kalifornien auf, kam 1981, am Ende der Loft-Ära, nach New York und spielte in den achtziger und neunziger Jahren mit Leuten wie Cecil Taylor, Bill Dixon, William Parker und vielen anderen.7 Nach seiner Ankunft in Wien gründete Eneidi Mitte der Nullerjahre das Neu New York Vienna Institute for Improvised Music und leitete jeden Montag Abend (mindestens fünfzig pro Jahr) im Celeste, in der Hamburgerstraße 18, eine Session. Es wurden in kleinen, von Marco zusammengestellten Gruppen, kurze improvisierte Sets gespielt, sehr oft in ungewöhnlicher Instrumentierung. Diese Schule war unschätzbar wichtig für sehr viele Musiker und Musikerinnen, deren Weg dort ihren Anfang (oder eine Wendung) genommen hat. Philipp Quehenberger und Didi Kern wurden sehr bald zur Hausrhythmusgruppe und eröffneten jede Session zu zweit oder gemeinsam mit Marco Eneidi.8 Franz West starb 2012 in Wien, Marco Eneidi 2016 in Kalifornien. Insbesondere das erste Gespräch kann auch als langer Nachruf auf den einen wie den anderen gelesen werden.

7 Vgl. theoral no. 1
8 Als Marco Eneidis Visum in Österreich nicht verlängert wurde, musste er ausreisen und ließ sich in Mexico nieder. Seitdem wird die Session von Susanna Gartmayer, Thomas Berghammer und Didi Kern weitergeführt und ist nach wie vor ein zentraler Ort für musikalische Experimente und der Bildung von Musikerinnen und Musikern.