über Geister und Farben. vierzig Jahre Konfrontationen

by thefuckle

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Die Unzahl jener Geister, die den Geist der Jazzgalerie bilden und die dort geboren, in der Architektur des Ortes ansässig sind, erwachen jedes Jahr sobald die ersten Hinweise zu vernehmen sind, die darauf hindeuten, dass diese Zeit des Jahres wieder gekommen ist, dass also bald die ersten Gäste und Musikerinnen und Musiker den Gasthof betreten werden, ihre Stimmen erheben und Grüße in unterschiedlichen Sprachen hineinrufen werden in die Jazzgalerie, Trommeln und Reisekoffer über den Fussboden rollen, Kontrabässe, Plattenkisten, Rucksäcke abstellen und sich nach einer Weißweinschorle und dem Campingplatz erkundigen, wenn also der Boden dermaßen erschüttert wird, beginnen sich die Geister zu regen, die Geister, die alles zusammenhalten von außen und von innen, unsichtbar, sagen die einen, nein, es seien die in jeder Hinsicht sichtbaren Farbkombinationen, die alles zusammenhielten, die Farbkombinationen, das müsse man sich einmal vorstellen, was sollen die zusammenhalten? fragen die Kritiker und doch, die Farbkombinationen, die sich Blick für Blick neu organisieren, sich ad infinitum umarrangieren, die habe niemand kombiniert, diese Farben, sie entstünden durch die Anwesenden, wären also indirekt Ausdruck des Zusammenhaltes, sie seien auch, sagen die Verfechter der Farbkombinationstheorie, unbewusstes Ziel derjenigen, die sie schlussendlich durch ihre Anwesenheit aus freien Stücken darstellen, manifestieren, in diesem Augenblick und im nächsten und so weiter, also die Geister rühren sich, sie steigen auf, flirren in die Luft wie Staubpartikel, glänzend und zitternd begleiten sie die bekannten und unbekannten Leute und Laute, die zu beiden Seiten auf die Jazzgalerie einströmen und sie füllen, Haus und Hof ausfüllen in einer Klangfarbenkombination, sagen die einen, ach was!, sagen die anderen, allein, sicher ist, dass der Bühnenboden von unten schwarz zu funkeln beginnt, erst matt, dann immer glänzender, die Bühnenpfeiler ihr Holz staubig recken unterm Dach, die Gemäuer seufzen in Erinnerung an die letzten 40 Jahre, die sie in sich aufgesogen haben wie Feuchtigkeit, die Emotionen, das Verschüttete, die Musik, von der, nach dem Auftrocknen des Festes, die musikalischen Kristalle, sagen die einen, die Geister, sagen die anderen, zwischen Putz und Ziegel zurückgeblieben seien, so wie sie auch im Holz, im Eisen, im Glas der Jazzgalerie wohnten, und es seien diese Geister, die sich regten und die Scheiben in Schwinschwung versetzten, sobald die Avantgarde eintrifft, sich einmischt in die Unterjahrsfarbkombination, wie flüssige Farbe zwischen Glas und Glas hineinfließt ins Alltagsbunt der Jazzgalerie und eine weitere Fünfhundertschaft ankündigt, die aus allen Himmelsrichtungen in der Anreise sich befindend, sich, worin alle übereinstimmen, am Orte wie ein Puzzle von einer besseren Welt zusammensetzen wird, das ansässige Gerüst ausfüllen wird, sie sind unterwegs, gewappnet mit einer Sehkraft, die Details schon durch das Flugzeugfenster erkennt, mit einer Hörkraft, die durch die Turbinen durchhört, nämlich das fröhliche und überschäumende Scheppern der Küchentöpfe wenn sie ihre Küchenköpfe aneinanderschlagen und Farbe abspringt, der Dampf, der über dem alten Herd hinwegzieht dringt durch das Fliegengitter in den Hof wo er die Klänge integriert, sich in der Laube verfängt und sublimiert heruntertropft auf die Daruntersitzenden, die in ihrer sprachfarbenen Vielfalt, deren Sprachfarbenkombination aus afro-amerikanischen Lachern, die laut in die Atmosphäre sprießen, französischem Genäsele, das eher gelblich die an den Mund geführten Weingläser beschlägt, burgenländischem Rufen bis nach hinten zum Komposthaufen, deutschem Swingvogelgezwitscher und kehlköpfiger arabischer Verständigung, kein Bruegel’sches Faksimile auftürmt, da die Musik eine universelle Sprache sei, stimmen alle überein, amen, fügen die einen an, ainsi soit-il, die anderen und hören wie die Geisterchen sich in den Instrumenten einnisten, es sich gemütlich machen wie die Katze in der Basstrommel, andere spielen Harfe mit den trauernden Birkenästen, schieben Gläser über Tischkanten, erschrecken vor dunkelgrünem Flaschengeklirre, geistern hinein in die Kragen der Anwesenden, stärken das Hemd und den Charakter und sich selbst, arbeiten auf die Nacht zu und die Musik, die schon bald beginnen wird, mit der sie ident seien, sagen die einen, die mit ihnen ident sei, sagen die anderen, und manche denken vielleicht darüber nach wie es José Ortega y Gasset formulieren würde: arte artistico, das kann schon sein, meinen sie, da der Künstler im Zuhörer, oder die Künstlerin in der Zuhörerin angesprochen werde, angespielt, und nicht der Konsument, ganz allgemein, die Frauen miteingeschlossen, sie wollen inspirieren, die Geister, nicht unbedingt etwas zu tun, vielleicht mehr etwas zu denken, kristallin freier zu denken und sich selbst etwas zum eigenen Leben zu überlegen, ganz subtil arbeiten sie, beinahe unmerklich, behutsam, als Konzentration fliegen die Geister in die weit geöffneten Ohren der Menschen und stimulieren ihren Organismus mit dem Pollen, den sie in den Instrumenten abgestaubt haben, festigen das Rückgrat ohne Noten, ziehen mit feiner Sinustusche Lidstriche nach, surren abstrakt-sinnlich um Innenseiten von Knöcheln, von wo sie am Rande eines abgestellten Bierglases in die Bar reisen, Fahrkarte erster Klasse, und im Personal-Campari baden um sich später als leuchtend rote Funken von der langen Zigarette des DJs zu stürzen, direkt auf den Plattenteller, um ein paar Runden zu drehen bevor sie die Nacht wieder transparent machen werden, wie es ihre Aufgabe ist, weil sie sind der Zusammenhalt der Dinge, sie bilden das Interesse füreinander, sie sind die Sehnsucht, die alles zusammenhält, wie ein Gedankenstrang Ideen zu einer Haltung flechtet, sind sie das nicht korrumpierbare Gewebe, die Farbkombination, die fluid unbeugsam die Jazzgalerie zusammenhält, die nicht dem neuen Wind nachgibt und deren Nerven nicht flattern wie die allzuschnell aufgezogene Flagge, unter deren Kommando die freie Musik, die freie Kunst, gleich den Wissenschaften, unterworfen werden sollen, unter deren Befehl die Wissenschaft als Mittäterin, als trojanisches Ferd, vorgespannt ist, die Kunst zu zähmen, sie zu verschlingen, runterzuschlucken in ihren standardisierten Leib, denn in der Jazzgalerie funktioniert alles als Eines, Oneness, sagte Hamid Drake, nichts ist ausgelagert, alles geht ineinander über, wird vom Geist der Farben verbunden, der Kaiser ist Hofnarr, der Künstler ist Gast, die Zuhörerin ist Künstlerin, der morgendliche Gläsereinsammler ist Beethovenspezialist, und so weiter, und so weiter, die Rollen sind vertauschbar, nicht ganz, aber alle sind gleich wichtig weil sie verbunden sind und nicht nur funktional zusammenhängen, auch spirituell, in den improvisierten Momenten, jenen, die Geist gebären, sagen die einen, jenen, in denen die Farben für einen Moment so arrangiert sind, als stünde die Zeit still, sagen die anderen und wieder andere, dass es Zeit gar nicht gebe und man nie wisse, was danach komme, weil wie sehr die Geister bedroht sind, ist nicht abzuschätzen, ob sie noch lange leben, denn sie sind schutzlos, selber sorgen sie sich um Wichtigeres als ihre eigene Existenz, und solange sie ihre rettende Unvernunft ausleben können, lebt der Ort als eine Gleichzeitigkeit von 40 Jahren durch alles Anwesende und vieles Nichtanwesende, denn auch alle Nichtanwesenden sind anwesend, die vielen, die gerade anderswo auf der Welt unterwegs sind und über Grenzzäune, Gebirgsketten und Ozeane hinweg an uns denken und wir an sie und die vielen Verstorbenen, oszillierend zwischen Himmel und Hölle, die nur indirekt zu den Farbkombinationen beitragen, indirekt, aber sehr, zur Musik des Ortes, die das Hörverständnis realer, präsenter fühlen lässt, nicht nur als somatischen Reiz, sondern als epistemologische Funktion, die die Zusammengehörigkeit einschaltet wie eine Leuchtgirlande, die mit den BUNTESTEN Birnen von Alfama aus einmal um die Welt reicht.

Philipp Schmickl

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