Vorwort zu theoral no. 13

by thefuckle

coverno-13_vorneIch saß mit meinem Freund Hans im Café Bräunerhof beim zweiten kleinen Mocca und wir besprachen einen Artikel von Andre Vltchek, als draußen ein trampelndes und mit verwüstendem Schritt durchpreschendes Nashorn unsere Aufmerksamkeit erregte. Touristen und Passanten liefen durcheinander, ließen ihre Kameras und Telefone fallen, suchten Schutz im Café. Der Vorfall währte nicht länger als der Kellner durchschnittlich dazu braucht, das pourboire in seine Tasche gleiten zu lassen. So blitzartig das Nashorn herangestürmt war, so plötzlich war es auch wieder verschwunden. Nur die Scherben der eingeschlagenen Scheibe des Teppichgeschäftes gegenüber blieben am Trottoir liegen. Der Besitzer stand bestürzt im Eingang.

Aber nein, ich wollte ja etwas anderes erzählen. Wo hab ich nur meinen Kopf? Anfang Oktober, an einem Sonntagvormittag, machte ich mit G. einen Spaziergang in den Phantomweingärten (und dem Phantompfirsichhain!) zwischen Nickelsdorf und der rauschenden Autobahn. Wir verließen die Straße und stapften über die Stechapfelbrachen zu den Nussbäumen, die heuer alle nur schwarze Nüsse abgeworfen haben. Schlechtes Jahr. Die Luft war noch warm, der Boden aber schon kalt. Die hohen Halme gelblich braun, die Blumen vertrocknet, ergraut die Schafgarben, aber die Haltung aufrecht, der Hanf am Wegesrand verblüht, ausgeblüht und wie fermentiert, die niedere Wiese noch vital am Weg zu den Mandelbäumen, deren Früchte vereinzelt auf dem bereits flachgeackerten Felde lagen. Wir taten sie in die Tasche.

Ein Stück weiter fanden wir einen halb verwesten Hasenkopf. Kein Körper weit und breit. G. photographierte ihn aus unterschiedlichen Perspektiven. Von links betrachtet erinnerte der Kopf an einen schlafenden Engel und der ihm verbliebene Löffel an einen Flügel. Von der anderen Seite glich er dem Kopf eines (des?) Teufels beziehungsweise dem Bild, das uns von ihm eingkatechiert wurde. Etwas verwesendes Fleisch am Wangenknochen, dunkelrotes, getrocknetes Blut, die Zähne lang und freiliegend, schwarze Augenhöhlen, Fliegen, bunte Schmetterlinge. Leider gibt es davon keine Aufnahmen, da kein Film in der Kamera war. Wir betrachteten den Schädel sehr lange, sahen zu, wie die Fliegen durch die Augenhöhlen unter seinen Schädel krochen, wie sie wieder herauskamen, eine kleine Runde flogen und sich am Fleisch an der Wange niederließen. Die Schmetterlinge, gelb und hellblau, schienen pietätvoller. Nicht weit entfernt, in Griffweite, standen trockene, silbrige Disteln, alle Dornen noch intakt. Sie waren feiner gealtert als die Schafgarben und schimmerten so betörend wie der verwesende Schädel. Daneben eine seidige Fasanenfeder, braun, schwarz, silbrig, womöglich vor Schreck verloren. Wir waren die einzigen Menschen. Solch beinah stille Schönheit und die Eltern und die Freunde, die Musik und der Wein am Tag davor, wiegten uns in Sicherheit.

Am Rückweg, beim Einbiegen in unsere Gasse, wurde das Rätsel des Vortags gelöst, nämlich warum die Bahnstrecke zwischen Zurndorf und Nickelsdorf den ganzen Nachmittag und Abend gesperrt gewesen war. Der Polizist, der in derselben Gasse wohnt, parkte gerade sein großes Auto vor seinem großen Haus und stieg in dem Moment aus, als wir vorbeikamen. Er erzählte uns, was passiert war : Eine junge, unbekannte Frau habe sich vor den Zug geworfen. Lange, schwarze Haare – sonst konnten die Beamten nicht viel erkennen. Ihr Name und ihr Geschlecht wurden anhand eines Flugtickets festgestellt, das sie bei sich hatte. From Dubai, mehr habe ich nicht in Erinnerung. Der Lokführer solle gesagt haben, dass er sie neben den Schienen gehen sah und als er dachte, an ihr vorbeizufahren, habe sie sich vor seinen Zug geworfen. Die silbrigen Disteln neben den Schienen waren schöne, stumme Zeugen, bekamen ein paar Spritzer Blut ab.

In der Verzweiflung, so weit gekommen zu sein und nichts erreicht zu haben, nimmt der Gedanke, sich umzubringen, vielleicht überhand. Wenn kein Mensch mehr da ist, der um einen trauert, wenn man ganz allein ist, ist es vielleicht einfacher, sich vor einen Zug zu werfen. Obwohl neben den Schienen die silbrigen Disteln stehen und einem dabei zusehen. Oder halbreife Hagebutten an einem perfekt (natürlich) gebogenen Zweig hängen. Oder die Hasen wie wahnsinnig über die Felder laufen. Wenn man die Geduld, aufs nächste Frühjahr zu warten, verloren hat, wenn man die Beherrschung verliert, schreitet man zur Tat.

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El horizonte sirve para caminar.
Schmickelangelo

Sich vor einen Zug zu werfen, ist eine Lösung. Es gibt aber auch noch andere Wege, um seine Beherrschung zu verlieren beziehungsweise um unbeherrscht zu sein. Oder besser : nicht dermaßen beherrscht, also regiert (gouverniert, Foucault) zu werden. Ich stelle mir vor, wie diese Frau – absolut alleine in einem Land, in dem ihr die Menschen als Masse und oft auch als Einzelne feindlich gegenüberstehen – die Schienen entlang ging und immer, wenn sie ihren Kopf erhob, auf den silbernen Horizont blickte, der in dem flachen Land allgegenwärtig ist. Aber welche Bedeutung hatte dieser Horizont für sie? Was dachte sie? In einem Interview brachte Eduardo Galeano den Horizont mit Utopie in Verbindung und sagte : ‘La utopía sirve para caminar. Die Utopie helfe beim Gehen, beim Weitergehen. Denn sie sei im Horizont, ‘ella está en el horizonte. Man nähere sich ihr ein paar Schritte und sie entferne sich ein paar Schritte. Man werde sie nie erreichen. Aber ohne Utopien würden wir aufhören zu gehen und uns fügen (heißt lügen, sagt Erich Mühsam). Wir müssen uns aber alle jeden Tag fügen. Die ökonomischen und ideologischen Zwänge, die unser Leben strukturieren, sind zu stark. Wir akzeptieren und wir reproduzieren sie um zu überleben. Unsere Utopien, oder unsere Ideen von Utopien, werden verschüttet, vom Müll, der täglich über uns hereinbricht und uns schwächen und verängstigen soll. Wir leben nicht in einer postfaktischen Ära – sich mit diesem Begriff auseinanderzusetzen ähnelte einer Diskussion darüber, ob das gesichtete Nashorn aus Afrika oder aus Asien stammte –, denn wirft man nur einen flüchtigen Blick in die Geschichte, wird einem klar, dass Propaganda schon immer existiert hat. Wir leben in einem Zeitalter des Mülls. Es werden Menschen dafür bezahlt oder dazu versklavt, Unrat (Produkte, Nachrichten und Bedürfnisse in allen ihren Formen), herzustellen und bis in die letzten Winkel der Welt (auch mit Gewalt) zu verbreiten. Wir selbst produzieren und reproduzieren ihn, wir leben in ihm und wir brauchen ihn, so wie ich diesen Computer brauche, auf dem ich gerade tippe.

Die Utopie von, sagen wir ganz pathetisch, einer besseren Gesellschaft, kann dabei helfen, sich dem zu entziehen und einer anderen Marschzahl zu folgen (die man sich in die Hand ritzen muss, wenn es geht, um sie nicht zu vergessen). Ich glaube, die erste und natürlichste Form von Widerstand ist das Nein, oder die Intuition zum Nein, die in uns allen schlummert (eine Schläferin), der aber viel zu wenig nachgegangen wird. Das Nein ist die Geburt des Widerstandes! Das Nein dazu, dermaßen regiert zu werden.

Die junge Frau mit den langen schwarzen Haaren war alleine in einer Einöde von meist verschlossenen Einfamilienhäusern an der österreichisch-ungarischen Grenze unterwegs. Alle ihre Träume hingen in den Sträuchern, Bäumen und Stacheldrähten des Balkans, und als sie nach Österreich kam, wo es genau so aussieht wie in Ungarn, verließ sie vielleicht ihr Glaube an den Horizont. Ich denke mir, wenn sie nur durch Zufall in Nickelsdorf in die Jazzgalerie gestolpert wäre, sie hätte sich an einem Feuer wärmen können. Und sie hätte wie vorherbestimmt, junge Männer aus Syrien kennengelernt, die dort ein und aus gehen. Sie hätte sich vielleicht austauschen können, in welcher Sprache auch immer.

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Es gibt unterschiedliche Utopien. Sie können sich zum Beispiel so anhören :

Wo man zum Fischfang lauthals Lieder singt,
Und wo ein Sänger sogar fette Fische fängt,
Möcht
ich Poet und Fischer sein.

Oder :

Wo man zum Frühstück Lämmer brät
Und da, wo nie ein Wanst entsteht,
möcht
ich Vielfraß und Dressman sein.

Gelobtes Land. Franz-Josef Degenhardt

Dieses theoral no. 13 ist nun keine Utopie mehr. Es war in den letzten Monaten unser Horizont und die Publikation der Schritt hin zu ihm, dem Unerreichbaren. Die Utopie einer gerechten Welt bleibt bestehen.

Das Buch enthält drei Gespräche. Eines mit Angélica Castelló, aufgenommen in meiner Wohnung, eines mit Burkhard Stangl im Gasthaus Quell und eines mit beiden in ihrer gemeinsamen Wohnung.

Angélica Castelló : Composer, Sound Artist. Her sound work and compositions concentrate on fragility, dreamworld and the subconscious.
http://www.castello.klingt.org

Burkhard Stangl : Guitarist and composer. Works in the fields of improvisation, electronica and contemporary classical.
http://www.stangl.klingt.org

Die beiden sind sehr wichtig für jene zeitgenössische Musik in Wien, die alle Genres umfasst, aber keines bedient. Ich kenne ihre Namen schon relativ lange. Ihre Musik ist ganz langsam, peu à peu oder pas à pas, in meine Wahrnehmung eingedrungen und ab einem unbestimmten Moment habe ich begonnen, mit den Namen Personen, Persönlichkeiten, ein Gefühl, einen Sound zu verbinden. Ich sah und hörte sie in den unterschiedlichsten Formationen unterschiedlichste Musik spielen, ich war bei Performances dabei und ab und zu auch danach, in der Bar oder im Restaurant, hörte zu, redete mit, patzte mir die fette Pizza auf die neue Hose. Vor ein, zwei Jahren habe ich Burkhards Buch Hommage à moi gegen ein paar Theorals eingetauscht und kreuz und quer darin gelesen, mir die CDs angehört, die mir einen ganz neuen Aspekt, nämlich den kompositorischen, in seinem Schaffen eröffnet haben. Diese Archäologie einer Person, so Burkhard, die ich schließlich ganz gelesen habe, ist ein Dokument Wiener Musikgeschichte, in dem es nicht nur um Burkhard Stangl geht. Es ist gewissermaßen ein Nachschlagewerk, in dem auch Stücke, Bands, Aufführungen, Alben etc. von Musikerinnen und Musikern aus seinem Umfeld konzis und genau beschrieben werden. Dieser Hinweis soll als Erklärung dienen, warum viele musikalische Projekte der beiden in den Interviews nicht so intensiv besprochen worden sind.

Ich hatte also die Eingebung, wieder ein Buch über Musiker und Musikerinnen, die in Wien leben, zu machen. Die Geschichte(n) sollte(n) durch mündliche Erzählungen von zentralen Akteuren verdichtet und angereichert werden. Hilfreich dabei war ein Wissenschaftsstipendium der Stadt Wien über einmalig € 1.500, das mir zu diesem Zweck gewährt wurde1. Neben dem Sammeln von Geschichten und Gedanken über mehr als weniger selbstbestimmte Lebensläufe, geht es mir darum, die Tiefe und Weite der zeitgenössischen Musikszene zugänglicher zu machen. Jedoch nicht als historische Autorität, sondern als Medium, als Übersetzer. Diese Haltung gründet sich unter anderem auf eine Überlegung von Henry Threadgill, auf die ich in George Lewis großem Buch über die AACM [Association for the Advancement of Creative Musicians], A Power Stronger Than Itself [The AACM and American Experimental Music. 2008. The University of Chicago Press. Chicago and London. p. 191], gestoßen bin : ‘Who else in this Aquarian Age would be better suited to speak about this product than the instrument through which it appears? Surely, if such highly creative music can come from such minds, the same minds can give some insight about it and themselves in relationship.

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Der Besitzer des Teppichgeschäftes kehrte die Scherben weg um die sich eine Menschengruppe gesammelt hatte. Ein Wachmann : ‘Bitte links. Bitte links. Die Schaulustigen zerstreuten sich in den Gassen und die, die im Café Schutz gesucht hatten, nahmen eine Melange. Ich wandte meinen Kopf wieder Hans zu und sagte : ‘Weißt du, woran mich das gerade erinnert? – ‘An die letzten Tage der Menschheit?– ‘Ja, daran auch. Aber vielmehr an eine Erzählung, die ich unlängst gelesen habe. Eugène Ionesco, Die Nashörner. Darin sitzt der Erzähler mit seinem Freund Jean auf der Terrasse eines Cafés und sie reden über dieses und jenes, und plötzlich läuft ein Nashorn über den Platz, die Leute stieben auseinander, eine Flasche Wein fällt zu Boden und zerbricht, eine Katze wird totgetrampelt. In den darauffolgenden Tagen werden immer mehr Nashörner in der Stadt gesichtet und die Leute lenken sich mit der Frage ab, ob es sich um asiatische oder afrikanische Nashörner handle, bis es so viele werden, dass sich alle, die noch Menschen geblieben sind, an ihre plumpe und brutale Herrschaft anpassen müssen und schließlich auch Nashörner werden. – ‘Ah, eine Allegorie auf den Faschismus. Am Anfang will es keiner glauben. – ‘Genau, und dann werden sie alle selber Nashörner.

Sie kommen immer wieder, die Nashörner, und man muss sie immer wieder zurückschlagen. Wir müssen unsere Faschisten, ebenso wie unsere Unterdrücker in jeder Generation aufs Neue bekämpfen. In unseren wahrlich finsteren Zeiten, wenn ich die Umstände rein verstandesmäßig auf der Waage der Gerechtigkeit betrachte, sind es jene hypokriten Feinde der Utopie, die glauben, uns dermaßen regieren (und informieren) zu dürfen, gegen die wir uns – wollen wir der Utopie einer gerechten Gesellschaft entgegengehen – generationen-übergreifend erheben müssen.

The tygers of wrath are wiser than the horses of instruction.
William Blake

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1 Zum Vergleich : Die Ausgaben der Stadt Wien für Museen, Archive, Wissenschaft betrugen 2015 € 32.531.275,04 und für Theater, Musiktheater, Tanz € 90.581.221,–. Die Ausgaben des Bundeskanzleramts für Museen, Archive, Wissenschaft betrugen € 112.626.709,85 und allein für die Bundestheater wurden € 148.936.000,– ausgegeben. Musikförderung des BKA für 2015 gesamt : € 8.108.753,26
https://www.wien.gv.at/kultur/abteilung/pdf/kunstbericht2015.pdf
http://www.kunstkultur.bka.gv.at/DocView.axd?CobId=63354
13. Jänner 2017

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THEORAL NO. 13

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